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Dieses Wochenende habe ich endlich wieder einmal meine 97-jährige Großmutter besucht. Es war wirklich wieder einmal Zeit dafür und wir als Familie schoben seit Juli diesen längst fälligen Termin vor uns her. Unter der Woche ging es nicht und jedes Wochenende war irgendetwas zu tun oder jemand war krank. Nun hat es endlich geklappt und wir saßen zusammen am Kaffeetisch beim besten Apfelkuchen der Welt und schwelgten in alten Erinnerungen. Etwas was meine Oma immer noch zum Lächeln bringt.
Dieses Kramen in Erinnerungen ist für mich auch zu Teilen eine Auseinandersetzung mit mir selbst, da man aus einem anderen Blickwinkel heraus auf Begebenheiten blickt, die einen in der Vergangenheit geformt haben. Bei dieser Gelegenheit ist mir eine Erinnerung wieder in den Sinn gekommen, die mich wohl enorm geprägt hat, auch wenn mir das bisher noch nie so klar geworden war. Verständlicherweise haben wir darüber nicht gesprochen, denn es ging um den Krieg und die Beteiligung meines Großvaters daran.
Mein Großvater ist bereits vor über 30 Jahren verstorben und die Erinnerung an ihn ist blass. Wenige Bilder sind noch in meinem Kopf erhalten, aber diese eine Situation ist klar und deutlich, als wäre Sie gestern geschehen. Ich muss damals etwa 5 Jahre alt gewesen sein, wir wohnten gegenüber von meinen Großeltern und entsprechend häufig war ich auch dort. Einer meiner Onkel wohnte auch dort im Haus und hatte gerade seinen Pflichtdienst beim Militär beendet. Es war damals noch üblich, dass alle Soldaten noch mindestens zwei Jahre als Reservisten dienten und für den Ernstfall ihre Ausrüstung in einem Seesack mit nach Hause nehmen mussten.
Als neugieriger Dreikäsehoch ist man von Soldaten natürlich enorm fasziniert und so war ich natürlich Feuer und Flamme, als mein Onkel mir seine Ausrüstung zeigte. Seine Uniform, seine Springerstiefel und seinen Stahlhelm. Den Stahlhelm durfte ich sogar anprobieren und ich tanzte fröhlich und stolz davon, um meine neue Kopfbedeckung meinen Großeltern im Stock darüber zu zeigen.
Ich muss hier einschieben, dass mein Großvater im Krieg war. Er war zudem in Kriegsgefangenschaft in Russland und einer der Letzten, die wieder nach Hause kam. Seinen ältesten Sohn sah er zum ersten Mal als dieser schon sieben Jahre alt war. Der Anblick seines Enkels mit einem Stahlhelm war für ihn keinesfalls lustig, wie von mir damals erwartet, sondern wohl ein echter Schock. Er bat mich ernst den Helm abzunehmen und zu meinem Onkel zurückzubringen. Anschließend wollte er mit mir über den Krieg sprechen.
Wir sprachen also, aber leider ist von diesem Gespräch sehr wenig hängengeblieben und ich wünschte heute, ich könnte mich besser erinnern. Die Bruchstücke, an die ich mich erinnern kann, sind aber bis heute von enormer Bedeutung für mich. Mein Opa blieb ganz ruhig und erzählte von der Kriegsgefangenschaft. Er erzählte, dass es sehr gemeine Russen gab, die ihn und seine Freunde „gehänselt“ hätten, aber auch von sehr netten Russen. Einer habe ihm sogar das Leben gerettet, als er ihn davon abhielt giftige Pilze zu essen, ein anderer brachte ihm das Mundharmonikaspielen bei.
Im kindlichen Übermut und fasziniert von den Erzählungen fragte ich, ob er im Krieg auch einmal jemanden erschossen hätte. Ich kann die Sekunden der absoluten Stille nach dieser Frage bis heute hören. Er antwortete schließlich, beinahe heiser aber so glaubwürdig, wie es für einen fünfjährigen nur sein kann:
„Ich hoffe nicht, aber einmal bin ich mir nicht ganz sicher!“
Dabei machte er eine Bewegung mit seinen beiden Armen, als ob er ein Gewehr in Anschlag nimmt, abdrückt und den Lauf am Ende nach oben zieht, um ja daneben zu schießen. An mehr kann ich mich leider nicht erinnern.
Ich weiß nur, dass ich am nächsten Tag von meiner Oma zur Seite genommen wurde und ich kann mich bis heute nicht erinnern, sie jemals wieder so streng und ernst erlebt zu haben. Sie ermahnte mich eindringlich und hat mir verboten, jemals wieder mit dem Opa über den Krieg zu sprechen. Ich muss also in meinem kindlichen Leichtsinn alte Wunden aufgerissen haben und denke heute, dass ich mindestens in dieser Nacht meinem Opa die schlimmsten Alpträume zurückgebracht habe.
Die Lehre daraus habe ich erst wieder verstanden, als ich vor wenigen Jahren damit begann, mich mit Anarchie und Freiheit auseinanderzusetzen:
Kein Mensch möchte Krieg.
Es gibt nur zwei Möglichkeiten Menschen dazu zu bringen in den Krieg zu ziehen. Entweder man indoktriniert sie und nutzt die Effekte der Massenpsychologie aus, oder man zwingt sie. Bei meinem Opa bin ich heute überzeugt, dass er sich jede Sekunde gewünscht hat, bei seiner Familie und seinem Sohn zu sein, und nicht auf einem gottverlassenen Schlachtfeld, für die absurde Sache von irgendwelchen Puppenspielern zu kämpfen, zu leiden und möglicherweise zu sterben.
Um die Absurdität noch zu steigern ist es sogar denkbar, dass mein deutscher Opa meinem französischen Opa auf einem Schlachtfeld in Frankreich gegenüber stand. Es ist möglich, dass er dadurch, dass er, wenn er konnte, absichtlich daneben schoss, meinen französischen Opa verschont hat und mir erst das Leben ermöglichte.
Krieg ist niemals eine Sache der einfachen Menschen, sondern immer ein Spiel der Mächtigen um Ressourcen, Macht, Geld, Territorium.
Ich glaube diese Erkenntnis hat mir mein Opa als Vermächtnis hinterlassen.
Vielen Dank für´s Lesen
Euer pollux.one
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