22. September 2017
Rolf Peter Sieferle schrieb in seinem kurzen Buch Finis Germania [1], welches im Sommer 2017 erstaunliche Popularität erlangte, dass sowohl die Deutschen, als auch die Russen tragische Völker seien. Dies im Gegensatz zu den Angelsachsen. Je mehr ich mich persönlich damit auseinandersetze, desto mehr wird mir klar, dass das in gewisser Weise stimmt und dass die Geschichte ein Volk in der Regel weit darüber hinaus prägt, als man es vielleicht im Geschichtsunterricht mitbekommt, was nicht zuletzt auch daran liegen kann, dass man in diesem Alter oft noch nicht fähig ist - zumindest in meinem Fall war es so - wirklich praktisch zu denken und die Geschichte nicht in einer verklärten, von einem selbst weit entfernten Form wahrzunehmen.
Um sich wirklich mit der Geschichte identifizieren zu können, gehört aber ein gewisses Mass an Einfühlungsvermögen dazu. Auch gehört dazu, Vorgänge in der Geschichte mit heutigem Wissen abzugleichen. Ein guter Freund von mir stellt jedem, der von sich behauptet, in Sachen Volkswirtschaft oder Nationalökonomie kompetent zu sein, die folgende Frage:
«Warum gibt es Länder, die weit entwickelt sind, warum solche, die es nicht sind und wie lautet das allgemeingültige Rezept um von unten nach oben zu kommen?»
Es ist schon öfter vorgekommen, dass die Gefragten nicht umfassend antworten wollen. Wir glauben, dass viele Menschen um diese Frage lieber einen Bogen machen, weil man beim Beantworten in der Regel darauf kommt, dass die meisten Fehler auf der Seite der Regierungen begangen werden und zumeist dann verursacht werden, wenn sich Menschen von irgendwelchem Wunschdenken überzeugen lassen oder sie sich in ihrer Machtposition ausruhen.
In der Deutschen Geschichtsschreibung, das heisst vor allem in der Interpretation derselben zum Zwecke des schulischen Geschichtsunterrichts, fallen mir einige Dinge auf. Einerseits wird die Gründung des Kaiserreiches im Jahre 1871 grundsätzlich positiv gewertet. Dann aber die Realität des Kaiserreiches, in der Deutschland zur Grossmacht aufstieg [2], als eine eher miefige, altmodische, rückwärtsgewandte beschrieben. Dabei fallen
- der grosse Ausbau der Eisenbahn,
- die Industrialisierung,
- flächendeckende Elektrifizierung,
- Telegraphennetz
- beispielloser Wohlstandszuwachs nicht zuletzt für die unteren Bevölkerungsschichten,
- Aufbau von Kolonien
- die substantielle Teilhabe am Welthandel durch Schiffe unter deutscher Flagge
allesamt in diese Zeit.
Politisch war es sehr schwierig, diesen Aufstieg zu verwalten. Denn die drei Imperien in unmittelbarer Nachbarschaft hatten gelinde gesagt nicht nur Gefallen an einem starken Deutschland im Herzen Europas, verbündet mit der Donaumonarchie Österreich-Ungarn und mit Verbindung auf dem Landweg in den Nahen Osten durch das Osmanische Reich. Allen voran das Britische Weltreich mit der grössten Flotte, die Franzosen auch mit sehr grossem Herrschaftsbereich und Flotte und die Russen, die sich über die Jahrhunderte ein riesiges, zusammenhängendes Reich bis auf den Nordamerikanischen Kontinent erobert haben. Technologisch waren die Russen vor allem im zivilen Bereich am schlechtesten aufgestellt.
Der Erste Weltkrieg, der mittlerweile offiziell nicht mehr nur auf deutsches Verschulden zustandegekommen [3], kann man durchaus als Folge der Machtverschiebungen, inbesondere in wirtschaftlicher Hinsicht, erkennen. Verschiebungen, die nicht alle hinnehmen wollten, da sie womöglich ihren Einfluss schwinden sahen und eventuell auch, weil sie die zum Zwecke der Expansion aufgenommenen Schulden nur durch weitere Expansion bedienen konnten.
Russland als Land, seine Rolle in der Geschichte und Politik und auch die Kultur interessieren mich seit langem. Im Moment bin ich dabei, zwei Bücher zum Thema zu lesen, die zwei besondere Aspekte beschreiben. Das erste ist The Electrification of Russia 1880-1926 von Jonathan Coopersmith [4], das zweite ist Ecocide in the USSR - Health and Nature under Siege von Murray Feshbach und Alfred Friendly [5]. Murray Feshbach, wohl einer der kompetentesten Demographen in Sachen Sowjetunion und Russland, habe ich schon einmal in einem Artikel unter der Rubrik Persönlichkeiten vorgestellt [6]. Jonathan Coopersmith ist Historiker und Professor an der Texas A&M University.
Die Titelseiten der beiden Bücher [4, 5].
Im ersten Buch wird deutlich, warum das Zarenreich [7] in Russland im 19. Jahrhundert gegenüber den anderen Grossmächten ins Hintertreffen geriet. Das politische System war sehr auf das saubere Verwalten aller Vorgänge im Land ausgelegt. Mit der rasanten technologischen Entwicklung in dieser Zeit, die aus der heutigen Perspektive langsam anmutet, waren Ämter und Politik überfordert. Dasselbe kann man auch heute in den meisten Ländern beobachten. Man stritt sich innerhalb der Staatsverwaltung um Zuständigkeiten, wollte sich möglichst für die perfekte Lösung entscheiden, die man ohne Versuche und echte Referenzdaten aus der Praxis niemals ermitteln kann. Dazu stand man jeglicher Eigeninitiative sehr kritisch gegenüber. Allgemein gesprochen war alles verboten, was nicht vom Staat abgesegnet war, freies Unternehmertum gab es natürlich nicht. Einzig im militärischen Bereich, Armee und Marine, gab es hinreichend Freiheiten zur Forschung. Das war auch der einzige Bereich, in dem man dauernd mit anderen Mächten im Wettbewerb stand.
Die Aussenpolitik der Expansion erreichte im 19. Jahrhundert ihr Ende, da man sich nahezu überall anderen Grossmächten gegenübersah. Trotzdem führten die Russen im 19. Jahrhundert einige Kriege, etwa den Krimkrieg 1853-1856 [8], den Russisch-Osmanischen Krieg 1877-1878 [9] und anfang des 20. Jahrhunderts den Russisch-Japanischen Krieg 1904-1905 [10]. Keiner dieser Kriege endete mit einem echten Erfolg und so wäre es an der Zeit gewesen, grundsätzlich die imperiale Politik ein wenig zu überdenken. Es war an der Zeit, dass man die Aussengrenzen verteidigen und nicht weiter nach aussen verschieben sollte und versuchen sollte, Entwicklung nach innen voranzutreiben. Dies zu tun, waren sich die Imperien aber nicht gewohnt und hätte echte Reformen bedingt, denen gegenüber die Staatsverwaltungen kaum offen waren. Viel einfacher war es, ein neues Gebiet zu erobern, dieses zu einer Sonderverwaltungszone zu erklären und dann auszubeuten.
Im Zarenreich konzentrierte man sich im 19. Jahrhundert vor allem auf den Bau der Eisenbahn [11], die man verspätet in Angriff nahm. Diese verbrauchte ganz wesentliche Ressourcenanteile, so dass für die unmittelbar danach eigentlich fälligen Entwicklungen kaum Möglichkeiten blieben. Dies war zum einen die Elektrifizierung und Industrialisierung. Ab etwa 1880 wurde in Russland elektrifiziert, allerdings im wesentlichen nur in den ganz wichtigen Städten St. Petersburg und Moskau. Staatstechnologie wurde die Elektrizität erst unter Lenin [12]. Einige der Ingenieure und Elektrotechniker, die Coopersmith in seinem Buch erwähnte, waren bekennende Sozialisten und konnten ihr Anliegen durch politische Einflussnahme vorantreiben. Das erste echte Grossprojekt, der GOELRO-Plan (Государственная комиссия по электрификации России Gosudarstwennaja Komissija po elektrifikazii Rossii, Staatsplan zur Elektrifizierung Russlands) [13], war sogar ein sehr vernünftige gestaltetes, wenn auch kaum finanzierbares Unterfangen. Der Plan sah nämlich vor, Kraftwerke in der Nähe von Städten zu bauen, um dann regionale Stromnetze zu erstellen. Die wichtigsten Komponenten bei Wasserkraftwerken, die Turbinen und Generatoren, konnte man in Russland nicht bauen, die wurden zumindest soweit mir bekannt, in aller Regel aus dem Westen gekauft, etwa von General Electric. Ob die Sowjetunion fähig war, diese Teile ordnungsgemäss zu bezahlen, ist mir nicht bekannt. Wer in Antony C. Suttons Buchtrilogie Western Technology and Soviet Economic Development liest [14], wird zum Schluss kommen, dass dies nicht immer der Fall sein konnte.
Interessanterweise steht in der deutschsprachigen Wikipedia, dass der GOELRO-Plan bis anfang 1930er Jahre erfüllt wurde, in der englischsprachigen steht, dass bis 1930 lediglich drei der geplanten zehn grossen Wasserkraftwerke realisiert wurden, aber immerhin die Leistungsziele 1931 erreicht. Die drei Kraftwerke waren die folgenden:
| Kraftwerk | Russisch | Jahr | Dammhöhe | Leistung |
|---|---|---|---|---|
| Volkhov [15] | Волховская ГЭС | 1927 | 11 m | 6 MW |
| Svir [16] | Нижне-Свирская ГЭС | 1933 | 11 m | 99 MW |
| Dnjepr Saporoschje [17] | Днепровская ГЭС | 1932 | 61 m | 560 MW |
Das Volkhov Kraftwerk, welches zur Ladogakaskade gehört, wurde von 1993-1996 grundlegend modernisiert. Heute ist eine Leistung von mindestens 86 MW [18] möglich.
Der Dnjepr-Staudamm bei Saporoschje in der Ukraine. Noch heute ein sehr beeindruckendes Bauwerk. Seit dem letzten Umbau 2008 beträgt die maximale Leistung 1'569 MW [19].
Noch vor der Gründung der Sowjetunion wurde die Neue Ökonomische Politik NEP (новая экономическая политика, НЭП Nowaja Ekonomitscheskaja Politika) [20] auf dem 10. Parteitag der Kommunistischen Partei Russlands KPR [21] eingeführt, eine Öffnung der sowjetischen Wirtschaft für ausländische Investoren. Diese wurden händeringend gesucht, da das Land, das durch die Wirren des Weltkriegs, des Bürgerkriegs und der Hungersnot um mindestens 12 Millionen Tote geschwächt war. Das setzt sich zusammen aus etwa 10 Mio. Toten im Bürgerkrieg, davon etwa die Hälfte durch Hunger [21] und 1,85 Mio. toten Soldaten (von total 12 Mio.) im Ersten Weltkrieg [22].
[1] Finis Germania. Rolf Peter Sieferle, Verlag Antaios, 2017
[2] Als Deutschland Großmacht war: Ein Bericht über das Kaiserreich, seine Feinde und die Entfesselung des Ersten Weltkrieges. Bruno Bandulet, Kopp Verlag, 2014
[3] Die Schlafwandler: Wie Europa in den ersten Weltkrieg zog. Christopher Clark, Pantheon Verlag, 2015
[4] The Electrification of Russia 1880-1926. Jonathan Coopersmith, Cornell University Press, 1992 https://archive.org/details/Electrification http://energy.tamu.edu/faculty-experts/jonathan-c-coopersmith/
[5] Ecocide in the USSR - Health and Nature under Siege. Murray Feshbach und Alfred Friendly Jr., 1992 https://archive.org/details/ecocideinussrloo00mart
[6] Persönlichkeiten 008 - Murray Feshbach, Demograph und Historiker. , 18. August 2017 https://steemit.com/deutsch/@saamychristen/persoenlichkeiten-008-murray-feshbach-demograph-und-historiker
[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Russisches_Kaiserreich
[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Krimkrieg
[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Russisch-Osmanischer_Krieg_(1877%E2%80%931878)
https://de.wikipedia.org/wiki/Russisch-T%C3%BCrkische_Kriege
[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Russisch-Japanischer_Krieg
[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Eisenbahn#Russland
https://en.wikipedia.org/wiki/History_of_rail_transport_in_Russia
https://en.wikipedia.org/wiki/Rail_transport_in_Russia
https://en.wikipedia.org/wiki/Russian_Railways
[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Wladimir_Iljitsch_Lenin
[13] https://de.wikipedia.org/wiki/GOELRO
https://en.wikipedia.org/wiki/GOELRO_plan
[14] Western Technology and Soviet Economic Development Vol.I - 1917-1930. Antony C. Sutton, The Hoover Institution, 1968 https://archive.org/details/AnthonySuttonCOMPLETEWesternTechnologyAndSovietEconomicDevelopment1917To19301930To19451945To1965
[15] https://en.wikipedia.org/wiki/Volkhov_Hydroelectric_Station
[16] https://en.wikipedia.org/wiki/Lower_Svir_Hydroelectric_Station
[17] https://en.wikipedia.org/wiki/Dnieper_Hydroelectric_Station
[18] Bilddatei unter [15] gefunden, frei weiterzuverbreiten. Urheber: Mark A. Wilson, Username Wilson44691.
[19] Bilddatei unter [17] gefunden, frei weiterzuverbreiten. Urheber ist User A1.
[20] https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_%C3%96konomische_Politik
[21] https://de.wikipedia.org/wiki/Kommunistische_Partei_Russlands
[22] https://de.wikipedia.org/wiki/Russischer_B%C3%BCrgerkrieg
[23] https://de.wikipedia.org/wiki/Erster_Weltkrieg
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