In letzter Zeit habe ich in Medien des deutschsprachigen Raums gehäuft den Ausdruck angetroffen, wir lebten in einem sogenannt "postfaktischen Zeitalter". Mir ist nicht bekannt, wer der Urheber dieses Ausdrucks ist, aber ich habe bisher keinen Gefallen daran gefunden.
Gemeint damit ist, dass die Menschen in diesem Zeitalter, also heute ihre Entscheidungen nicht auf nackten Tatsachen basierend oder rational treffen, sondern auf nicht näher bestimmbaren Gefühlen. Es wird den Protagonisten der postfaktischen Welt unterstellt, dass sie orientierungslos seien.
Die Etymologie des Wortes Fakt führt zurück auf das lateinische Wort "Factum", welches soviel wie "Tat, Verfahren" oder "Tatsache" bedeuten kann. Zugehörig gibt es auch ein Verb "facere", welches soviel wie "tun, machen, handeln" oder auch "herstellen" bedeutet. Die Vorsilbe "post" bedeutet soviel wie "hinten, später, danach" oder "nachher".
Das Problem, das ich mit dem Ausdruck "postfaktisch" habe, ist die Tatsache, dass jede Entscheidung automatisch ein Faktum darstellt, sobald sie gefällt wurde. Völlig unabhängig davon, welche Gründe zur Entscheidung geführt haben. Es können Überlegungen im menschlichen Verstand sein, aber auch Empfindungen, die für die Entscheidung die Grundlage bereitet haben.
Je nachdem, welchen Weg ich einschlage, komme ich entweder direkt ans Ziel, eventuell via Umweg. Vielleicht verirre ich mich auf dem Weg dahin hoffnungslos und komme nur mit Hilfe wieder auf den richtigen Weg zurück und dann hoffentlich ans Ziel.
Die gesamte Vergangenheit ist auch ein Fakt, eine Tatsache, die nicht geändert, sondern nur uminterpretiert werden kann. Interpretationen sollen aber nicht mit Tatsachen verwechselt werden.
Wegweiser in der Nähe des höchsten Punkts des Hügelzugs Randen. Der Randen ist der östlichste Ausläufer, der zur Geologie des Jura gehört.
Hochkonjunktur hatte der Ausdruck bisher bezogen auf unerwartete politischen Entscheidungen. Insbesondere in diesem Jahr, in dem es mit der Entscheidung zum Austritt aus der EU in Grossbritannien und der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA zwei grosse Abstimmungen gab, in denen sich die allermeisten Prognosen nicht bewahrheiteten. Von den etablierten Medien, sehr vielen Intellektuellen und Leuten aus dem Establishment wurden jene Möglichkeiten zur Entscheidungen beworben, die sich in der Realität nicht bestätigten. Unmittelbar nach beiden Entscheidungen waren aufseiten der Verlierer sehr emotionale Reaktionen zu beobachten. Sie reichten von Trauer bis Wut, für mich sind das Reaktionen von Leuten, die sich nicht auf dem Boden der Realität befinden. Umgekehrt sind es aber genau diese, die sich meist für intellektuell, gebildet und informiert halten und wenige Gelegenheiten auslassen, sich über das einfältige, arbeitende Bürgertum zu erheben.
Da es sich bei den genannten Menschen aus dem Establishment um "Leuchttürme des Systems" handelt, bei den Journalisten um solche, die entweder von grossen Medienprofis staatsnah (öffentlich-rechtlicher Rundfunk) oder privat (Printmedien, private Sender) ausgewählt wurden, um dem "Fussvolk" die echte oder gewünschte (ich wünschte, ich könnte dieses Wort weglassen...) Realität zu erklären. Für Professoren oder höheren Angestellten von staatlichen und staatsnahen Instituten gilt ähnliches. Sie haben eine lange Ausbildung durchlaufen und sollten dabei ihre Leistungsfähigkeit, Intelligenz und ihre gesunde Einstellung zu integrer wissenschaftlicher Arbeit bewiesen haben. Wenn sich diese grundsätzlich in ihren Prognosen irren, ihre Aussagen nicht in direkte Korrelation mit der Realität gebracht werden können, ist das schädlich für ein ganzes Land. Warum? Weil nicht zuletzt die Politik sehr von den Expertisen aus Universitäten und Instituten abhängt. Für eine verantwortungsvolle Politik müssen die Expertisen absolut ideologiebefreit sein. Die Politik hat seit langer Zeit selber genug Probleme mit zuviel Ideologie und Wunschdenken in den Parteien und politischen Organen.
Irren sich die genannten "Leuchttürme des Systems" häufig oder ist nur noch ein Fokus auf eine gewünschte Realität spürbar, muss automatisch das Vertrauen in diese sinken. Das Fokussieren auf eine gewünschte Realität kann auch mit (pseudo-)religiösem Verhalten umschrieben werden, was ich bezüglich politischer Themen, die echte Folgen für die Bevölkerung haben, für absolut unangebracht halte. Leider habe ich genau das Gefühl, dass über die letzten Dekaden in der Wissenschaft viele unsichere theoretische Gebäude aufgerichtet wurden, in denen Wunschdenken oder nicht besonders sichere Prognosen eine viel zu hohen Anteil aufweist.
Damit verbunden ist aber ein Problem. Das System selber bietet keine Alternative an, die muss sich jeder selber suchen...
Landschaft in der Nähe des oben abgebildeten Wegweisers.
Bei dieser Suche werden automatisch Irrwege eingeschlagen. Erstaunlich viele sehr guten Dinge wurden längst in Büchern abgefasst, die aber nach langen Phasen des Wunschdenkens erst wieder freigelegt werden müssen unter einem Berg von Schönwetter-Wohlfühl- oder Propaganda-Literatur.