11. August 2017
Wer kennt den folgenden Ausdruck nicht: «Die Schere zwischen arm und reich öffnet sich bedrohlich, immer weiter, in verheerendem Masse». Mir jedenfalls ist kaum jemand bekannt, der ihn noch nie gehört hat. Oft wird er erwähnt, wenn
- Existenzängste ausgedrückt werden
- ausgedrückt werden soll, dass eine Ungleichheit am Wachsen ist, die einen darben, währenddessen andere den Hals nicht voll bekommen
- gesagt werden soll, dass einige reiche Menschen unmittelbar für die Misere armer Menschen verantwortlich sein sollen
Der Ausdruck ist also auf den ersten Blick zu zwei Dingen nütztlich:
- um wirklich begründete, existenzielle Ängste in Gegenwart und Zukunft (vorwiegend finanzieller Natur) anzusprechen
- um sich selbst als Opfer einer unweigerlich ablaufenden Entwicklung zu bezeichnen, der man selber ohnmächtig ausgeliefert ist, andere dafür aber unmittelbar verantwortlich sind
Der erste Punkt ist eindeutig zu erkennen und klar begründet. Wer sich die Lebenshaltungskosten etwa in der Schweiz ansieht, weiss, dass diese beträchtlich sind und durchschnittlich leicht steigen. Aktuell ist es aber so, dass bei produzierten Gütern wie Lebensmittel und industriell hergestellten Endprodukten, insbesondere auch bei Importen die Preise sinken. Steigende Preise gibt es hingegen im Immobilienmarkt.
Steigende Kosten gibt es bei Dienstleistungen, insbesondere staatsnahen Dienstleistungen wie dem Gesundheitswesen und der sozialen Wohlfahrt. Angesichts der Demographie und einer steigenden Zahl von Menschen mit psychischen Problemen und Erkrankungen erstaunt das nicht. In der Schweiz ist man seit 1996 verpflichtet, eine Krankenversicherung abzuschliessen, wobei die Prämien seither jährlich um etwa 4,5 Prozent angestiegen sind. Eine Rate von mehr als Faktor 6 oberhalb des Konsumentenpreisindex in dieser Zeitspanne [1]. Im Bereich der sozialen Wohlfahrt zeigt sich ein ähnliches Bild, diese Ausgaben steigen jährlich meist um etwa 4 Prozent [2]. Gesunken sind dafür die Ausgaben für Schuldzinsen, was angesichts rekordniedriger Zinsen nicht verwundert.
Es ist sicherlich nicht so, dass in der Schweiz die Lage so dramatisch wäre, dass viele Menschen angesichts steigender Fixkosten in die Pleite gehen, aber eine Tendenz zu höheren Fixkosten sollte unabhängig vom aktuellen Zustand mit einer gewissen Sorge betrachtet werden. Denn darin verborgen liegt ein grösserer Anteil des Produktivitätsdrucks auf diejenigen, die dieses System durch ihre wertschöpfende Tätigkeit überhaupt erst erhalten können. In einem Land mit hohem Wohlstand mag die Versuchung, über seine Verhältnisse zu leben und über alles gesehen Kapital zu vernichten, besonders verlockend sein. Allerdings ist in bei solchen Experimenten in Vergangenheit meist der Tag gekommen, an dem offene Rechnungen beglichen werden mussten.
Es gibt viele Menschen, die von einem bösen Wachstumszwang sprechen, der im westlichen oder weltweiten Wirtschaftssystem innewohnt. Sie würden lieber keinen Zwang zu materiellem Wachstum haben, stattdessen lieber in anderen Dingen wachsen, spirituell, zwischenmenschlich, es gibt verschiedene Möglichkeiten. Die einfachste Möglichkeit, das eventuell erreichen zu können, sind sinkende Fixkosten. Je geringer diese sind, desto einfacher komme ich über die Armutsgrenze hinaus.
Der zweite Punkt ist ein heikler. Natürlich ist es stets richtig, dass äussere Einflüsse auf einen einwirken. Von diesen Einflüssen gibt es ganz verschiedene, teilweise sind sie wirklich unveränderbar, teilweise sind sie es nur scheinbar, teilweise ist das Ausmass des Einflusses gross, teilweise ist es das nur scheinbar. Einigen Dingen kann man entfliehen, anderen ist man unweigerlich ausgeliefert.
In einem Land mit ausgeprägten Jahreszeiten wie der Schweiz ist es nicht sinnvoll, ohne entsprechende Abhärtung im Winter in Flüssen oder Seen baden gehen zu wollen. Der eigenen Laune trotzdem zu folgen, baden zu gehen und sich danach zum Opfer der Bosheit des nasskalten Wetters zu erklären, weil man sich dabei erkältet hat, ist offensichtlicher Blödsinn. Ebenso wird einem zurecht davon abgeraten, in angetrunkenem Zustand in offenen Gewässern zu schwimmen.
Es mag vielleicht gut sein, zu wissen, dass man bei der Geldanlage etwas gewonnen oder verloren hat, weil jemand in London, den USA oder in China am Finanzmarkt herumgebastelt hat. Allerdings kann man den Einfluss selbst nicht ändern. Deshalb empfiehlt es sich, zunächst die Dinge zu betrachten, die man selber beeinflussen und ändern kann und die einen selber robuster und krisenfester machen.
Nun aber zurück zu den Scheren. Dazu habe ich von Hand eine Auswahl von drei Szenarien gezeichnet, wie sich eine Schere öffnen kann. Es ist nämlich nicht egal, wie sie sich öffnet, sondern genau das liegt im Zentrum. Da in der Regel keine Gleichheit besteht, beginne ich nicht am Befestigungspunkt der beiden Klingen, sondern etwas später. Es gibt schon reichere und ärmere.
Vor den Illustrationen noch eine allgemeine Aussage:
Man ist generell im Vorteil, wenn man Geld angespart hat.
Wer von der Hand in den Mund lebt, leidet an unmittelbar vorhandenen Problemen. So ist es in der Regel so, dass man
- mit dem täglichen Kampf ums Überleben weitgehend ausgelastet ist
- kurzfristig das kaufen muss, was man zum Überleben braucht, zum aktuell vorherrschenden Preis
- durch die kurzfristigen Sorgen und Belastungen kaum dazu kommt, langfristig zu planen
- bei jedem Wachstumsschub hinterherhinkt, da man kaum Kapital zum Investieren und zu Firmengründungen übrig hat
In dieser Situation ist der Grad an Selbständigkeit gering. Man kann sich nicht in grösserem Masse überlegen, was man mit dem verdienten Geld machen möchte, wie man sparen will, Anschaffungen planen usw. Der eigene Planungshorizont ist kurz und man ist weder robust noch krisenfest aufgestellt. Positiv an dieser Situation ist vielleicht, dass man zur Genügsamkeit gezwungen ist. Viele wohlhabende Eltern legen Wert darauf, ihre Kinder im Jugendalter nicht zu sehr zu verwöhnen, damit diese den verantwortungsvollen Umgang mit Geld lernen und in dieser Hinsicht selbständige Wesen werden. Genügsamkeit ist eine Tugend, die einen jungen Erwachsenen durch
Wer mehr verdient, als er zum Leben braucht, ist klar im Vorteil. Man ist etwa in der Lage,
- Produkte dann einzukaufen, wenn die Preise tief sind
- Produzenten in der Umgebung gezielt zu unterstützen, indem man deren Produkte kauft, was wiederum die eigene persönliche Vernetzung stärkt
- hochwertige, teure Produkte zu kaufen, die häufig leistungsfähiger und langlebiger sind als günstigere
- seinen Blick von der Erfüllung natürlicher Bedürfnisse zu lösen, um gezielt die eigene Fortbildung zu planen und darin zu investieren, auch in wirtschaftliches Verständnis
- die eigene Infrastruktur laufend zu erneuern und muss nicht alles bis zum Ende der Lebensdauer nutzen
- seinen Planungshorizont langfristig zu gestalten
Aber auch in der besseren Lage ist man nicht davor gefeit, sein angespartes Geld oder Teile davon wieder zu verlieren. Das kann etwa durch Verschwendung, schlechte Planung oder hohes Risiko bei Investitionen zustandekommen. Ich verfüge in dieser Sache nicht über Statistiken, aber ich vermute zwei persönliche Situationen, in denen man besonders gefährdet ist, angespartes Vermögen wieder zu verlieren.
- Wenn man rasch zu Reichtum gekommen ist (Lottogewinn oder grosses Glück), ohne dass man je den vernünftigen Umgang mit Geld gelernt hat und vielleicht noch anfällig für Suchtverhalten ist
- Falls man sein ganzes Leben im Überfluss gelebt hat, sich nie echt darum bemühen musste, überhaupt Geld zu verdienen oder es nie wirklich wichtig war, positiv abzuschneiden, sondern sowieso Geld reinkam
Es ist nicht so, dass extrem viel über positives Wirtschaften wissen muss, es gibt auch Menschen, die einen sehr intuitiven Zugang haben.
Die drei Szenarien: Sie sind nicht allzu kreativ gewählt, so habe ich den Lebenskosten und den Reichen stets den selben Zuwachs zugeteilt, aber beim Mittelstand Unterschiede gemacht. Da es darum geht, die Schere aufgehen zu sehen, habe ich das in allen Szenarien so stattfinden lassen. Die handschriftliche Beschreibung ist unter den Darstellungen angegeben, da sie nicht besonders gut leserlich ist, wenn man die Illustrationen nicht einzeln öffnet.
Bestes Szenario. Für alle geht es aufwärts. Auch wenn es für den unteren Mittelstand und die Armen langsamer geschieht, da etwas erreichbar ist, dürfte der soziale Frieden erhalten bleiben. Gerne noch mehr Aufstieg für die Armen.
Mittleres Szenario. Für die oberen geht es stark aufwärts - Reiche und Grossbürgertum. Der untere Mittelstand hingegen gerät stark unter Druck, macht Inflations- und Lebenskosten bereinigt sogar einen Schritt zurück. Wahrscheinlich profitieren alle einflussreichen und reden die Probleme der unteren klein.
Oligarchie. Wenige steigern sich massiv, während der Mittelstand oben unter Druck ist, rutscht er unten in die Armut ab. Der soziale Frieden ist in existentieller Gefahr. Alle weit unten, die noch ihre Grundbedürfnisse stillen können, sind leicht zu instrumentalisieren.
Meiner Ansicht nach geht es auch darum, zu erkennen, dass extrem reiche Menschen seit langer Zeit Wege gefunden haben, sich aus dem Fiskalsystem zu verabschieden. Ich glaube nicht (mehr) daran, dass die in der Politik oft gehörte Parole, man müsse endlich die Superreichen besteuern oder mehr besteuern, wirklich in die Tat umzusetzen ist. Aus diesem Grund kann man sagen, dass durch Steuererhöhungen meist Menschen des mittleren und oberen Mittelstandes zur Kasse gebeten werden und es denen erschwert wird, vermögenstechnisch nur annähernd in die Regionen vorzustossen, in denen sich die bewegen können, die aus dem Fiskalsystem entschwunden sind. Aus den USA gibt es dank der aufklärerischen Menschen ganz schöne Geschichten, die genau erzählen, wie die Zentralbank Federal Reserve und die progressive Einkommenssteuer erstaunlich zeitnah eingeführt wurden, nachdem die Grossindustriellen des späten 19. Jahrhunderts - dazu gehören etwa die Familien Carnegie, Rockefeller und Harriman - einen Grossteil ihres Vermögens in steuerbefreiten Stiftungen eingelagert hatten.
[1] Realpolitik - Überlegungen zu den Schweizer Krankenkassen. , September 2016 https://steemit.com/deutsch/@saamychristen/realpolitik-ueberlegungen-zu-den-schweizer-krankenkassen
[2] Ausgaben. Eidgenössischen Finanzverwaltung
https://www.efv.admin.ch/efv/de/home/finanzberichterstattung/bundeshaushalt_ueb/ausgaben.html
Tabelle 1990-2016:
https://www.efv.admin.ch/dam/efv/de/dokumente/finanzberichterstattung/kennz_bundeshh/rg/Ausgaben%20nach%20Kontengruppen%201990-2014.xlsx.download.xlsx/Ausgaben%20nach%20Kontengruppen%201990-2015.xlsx