12. Januar 2018
Noch im letzten Jahr habe ich einen Artikel veröffentlicht, der sich mit dem sogenannt gefährlichen Halbwissen auseinandersetzte [1]. In den Kommentaren gab es eine kurze Unterhaltung mit dem von mir sehr geschätzten Steemian , in der der Ausdruck gesunder Menschenverstand fiel. Schon damals dachte ich, dass ich darüber sicher mal einen Artikel veröffentlichen kann, was allerdings noch ein Paar Tage reifen musste. In diesem geht es einerseits darum, was ich mir selbst über die letzten Tage, aber auch schon früher einmal zum gesunden Menschenverstand überlegt habe, ohne irgendetwas speziell dazu zu lesen. Wobei mich die Literatur, die ich bisher zum Thema Persönlichkeitsentwicklung und Psychologie gelesen habe, natürlich nicht ganz unbeeinflusst gelassen hat. Spontan kann ich aber nicht genau erzählen, was genau mich wo beeinflusst hat, da ich da vor allem auch mit persönlichen Notizen arbeite, die ich aus gelesenem synthetisiere. Im später erscheinenden zweiten Teil möchte ich dann noch auf ein Paar Wikipedia-Einträge zu sprechen kommen, die teilweise in eine etwas andere Richtung gehen, ich aber für lesenswert halte.
Ein Panoramabild aus winterlichen Zeiten in meiner Heimat.
Mein Verhältnis zu diesem Begriff ist seit längerem ein eher angespanntes. Denn, wie meine Erfahrung zeigt, gehen die Vorstellungen und Interpretationen darüber, was denn genau dieser ominöse gesunde Menschenverstand sei und was er alles beinhaltet, durchaus weit auseinander. Daraus können auch ziemlich engagiert geführte Auseinandersetzungen resultieren. Denn, beim gesunden Menschenverstand lautet die Regel im Zweifelsfall: 'Das, was ich für richtig halte, gehört dazu, ist vernünftig und auch noch gesund.'
Wenn einem jemand aufruft, endlich vernünftig zu werden oder sich des gesunden Menschenverstandes zu erinnern und diesen zu beherzigen, kann es sein, dass dessen Wutpegel dabei ist, langsam aber sicher bei Betriebstemperatur anzukommen. Allerdings, so ist zumindest meine Erfahrung nützt auch diese Wut nichts, solange der eine Mensch nicht versteht, was der andere meint. Ob der Willen dazu da ist oder nicht, mag eine gewisse Rolle spielen, ist aber nicht das entscheidende Problem. Wenn die Vernunft des einen mit der des anderen nicht übereinstimmt, wird es schwierig, vor allem dann, wenn man täglich miteinander zu tun hat. Auch da gibt es zwei Seiten. Um das gegenseitige Verständnis herbeiführen zu können, braucht es beim einen den Willen und die Fähigkeit, das, was man meint, auch erklären zu können und beim anderen den Willen, das verstehen zu wollen. Kommt man nicht zusammen, entscheidet in der Regel die Hierarchie.
Da ich mich auch schon in der Situation wiederfand, dass mich Leute zur Vernunft aufgerufen haben, ich aber mit bestem Willen nicht nachvollziehen konnte, was genau damit erreicht werden sollte, habe ich mich aufgerufen gefühlt, mir zu überlegen, was es eigentlich damit auf sich hat. Zunächst stellte ich mir die Frage, wie es überhaupt dazu kommt, dass es verschiedene Versionen von Vernunft gibt. Das ist nicht schwierig zu beantworten. Jeder Mensch ist ein Individuum mit Abstammung von den Eltern, wird schon frühkindlich durch die Umgebung geprägt, dann von seinen Mitmenschen, von den Umständen, in denen er lebt und seinen eigenen Erfahrungen. Ganz einfach lässt sich das auf drei Gebiete zerlegen, die ein menschliches Wesen ausmachen.
- Biologie
- Prägung. Eltern, Kultur, Mitmenschen, Umwelt, Erziehung, Schäden.
- eigene Erfahrungen
Für mich ist der gesunde Menschenverstand etwa das, was man auch praktische Vernunft oder Praxisnähe nennt. Es ist die Grundlage und eine Art Urteilsvermögen, das es einem erlaubt, auch ohne abschliessende Informationslage Entscheidungen zu treffen, die sich im Nachgang nicht als völlig falsch erweisen. Im täglichen Leben ist man auf ein solches Urteilsvermögen angewiesen, weil man nie alles im Voraus wissen kann. Diesbezüglich ist klar, ob man nun in hohem oder nur in geringem Masse auf sein Talent zur Entscheidungsfindung vertraut, man kommt nicht umhin, damit zurechtzukommen. Ein grosses Vertrauen in sich selbst kann zu hervorragenden Ergebnissen und hoher Effizienz aufgrund des geringen Masses an Zweifel führen. Die Gefahr besteht allerdings darin, dass man sich vielleicht überschätzt oder es nicht mehr für nötig hält, die Belange und Wesenszüge anderer Menschen nachvollziehen zu wollen, warum auch, wenn man sich mit sich selbst so gut versteht. Narzissmus, Selbstverliebtheit und Selbstherrlichkeit dürften die negativen Begriffe sein, die solchen Menschen nachgesagt werden. Menschen mit eher geringem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, zu denen ich mich eher zähle, ticken ein wenig anders. Weil man meist bestrebt ist, wohlüberlegte Entscheidungen zu treffen, verliert man meist Zeit und trifft weniger Entscheidungen. Gerade weil man wohl mehr analysiert, nachdenkt und bewertet, verschafft man sich weniger Daten und Anschauungsmaterial eigener Taten. Das habe ich auch während meiner naturwissenschaflichen Ausbildung gemerkt. Auch wenn man dort extrem stark mit dem Verstand operieren muss, kann man ihn trotzdem nicht für alles benutzen. Es gibt Dinge, die können kaum gedacht und ebensowenig geplant werden und darauf sollte man die Energie des Verstandes auch nicht verschwenden, sondern aus seinem Wesen heraus leben und handeln. Wenn sich darüber hinaus, auch das habe ich erlebt, einige oder ein substantieller Anteil der eigenen Entscheidungen als nicht vorteilhaft erweisen, ist das grosse Grübeln, das Abdriften in die Verbissenheit und Bitterkeit kein Wunder, sonder eher die logische Folge. Erfahrungen damit zu machen, bleibt vielen Menschen nicht erspart, aber trotzdem sehe ich Verbitterung, grosse Besorgnis usw. nicht als schicksalhafte Eigenschaften, die an einem kleben bleiben müssen, wenn man sie einmal hat, sondern dass man sich darum bemühen sollte, mit ihnen umzugehen und sie möglichst wieder loszuwerden.
Viele Coaches im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung sagen dauernd, dass man nicht zu besorgt sein sollte, ins Machen kommen soll und dass sich viele Probleme mit der eigenen Aktivität von selbst erledigen, da das Leben nun mit neuen, vielleicht sogar interessanten Dingen erfüllt wird und die alten Probleme mit neuen Herausforderungen konterkariert werden und gleichzeitig unweigerlich an Bedeutung verlieren. Da sage ich aus ganzem Herzen: Sie haben völlig Recht. Aber es mag seltsam anmuten, wenn man sich gewohnt ist, dass eigentlich nur Experten etwas sagen dürfen, dass nur die wirklich Sachverständigen zu entscheiden haben und dass man sich ja nichts einbilden sollte, bevor man selber in einer solchen Position ist. Doch, im persönlichen, individuellen Leben gibt es keinen Experten, sondern man hat mit sich selber zu tun und ist angehalten, daraus etwas zu machen. Die Karten, die man dazu bekommen hat, können sehr gut sein, aber auch ziemlich unvorteilhaft. In beiden Fällen kann man scheitern, aber auch Erfolg haben, wobei ich davon ausgehe, dass man auf dem Weg zu Erfolgen immer Widerstände zu überwinden hat. Keine Widerstände tönt auf den ersten Blick sehr angenehm, sich daran zu gewöhnen, ist aber sehr gefährlich, weil man so das Lösen von Problemen und das Überwinden von Hindernissen und Widerständen verlernen kann oder sich entmutigen lässt. Anders als es in der Erziehung teilweise vermittelt wird, nämlich dass das stromlinienförmige Verhalten - bloss keine Probleme machen, sich einfügen und gut ist, nicht auffallen - etwas positives sei, so untauglich erweist es sich dann, wenn man die eigenen Interessen vertreten muss und bemerkt werden will, gerade dann, wenn es als Erwachsener um die eigene Existenz geht.
Was kann ich nun aus diesen kurzen Gedankengängen mitnehmen? Natürlich, dass es so etwas wie einen gesunden Menschenverstand gibt. Zunächst einmal ist das aber Menschenverstand und die nähere Bezeichnung mittels Adjektiven wie gesund, krank, naiv, verspielt, durchgeknallt, etwas verrückt usw. muss später erfolgen. Ganz zentral ist es, dass man erkennt, dass die eigene Vorstellung davon mit persönlichen Eigenschaften und Erfahrungen, auch mit dem eigenen Körper, verhaftet ist und demensprechend nicht in Gänze davon separiert werden kann. Es ist also nicht möglich, aus sich heraus den gesunden Menschenverstand zu extrahieren oder zu extrapolieren, um ihn dann 1/1 auf andere übertragen zu wollen. Das zu wollen, würde ich als anmassend bis missbräuchlich bezeichnen. Im direkten Umgang mit anderen Menschen halte ich diese Erkenntnis für sehr wertvoll, weil sie einem auch gut zeigt, wo die Grenzen des Individuums zu dessen Privatsphäre sind, wo man kein Recht hat, einzudringen. Den physischen Körper habe ich deswegen auch erwähnt, weil er eine Grenze darstellt, die andere Menschen zu respektieren haben, was in der Menschheitsgeschichte viel zu oft verletzt wurde. Andererseits ist er für den einzelnen Menschen als Tatsache hinzunehmen. Man wird über die Dauer seiner Existenz keinen anderen bekommen und muss mit dessen Anlagen und Vergänglichkeit zurechtkommen, auch wenn das für viele Menschen alles andere als einfach ist. Dies ist ein weiterer Grund, das Verhältnis zu sich selbst möglichst entspannt zu gestalten, so dass man Freude empfindet.
Um an diesem Menschenverstand Änderungen und Verbesserungen vornehmen zu können, so dass das Adjektiv gesund so gut wie möglich passt, muss man die Fähigkeit erwerben, sein Verhalten und die damit erworbenen Erfahrungen zu reflektieren und zu bewerten. Wo hat man Talent, wo ist man immer wieder auf der Höhe der Aufgabe, wo eher nicht und warum? Das sind Fragen, die man sich in diesem Bereich wohl stellen sollte.
Ich war auch schon bei Vorträgen, an denen z. B. Unternehmer über ihre Errungenschaften, ihre Lebensführung und ihre Erfolgsrezepte referiert haben. Die meisten, die ich so erleben durfte, berufen sich auf ausgeprägte, intuitive Fähigkeiten und sprechen diesbezüglich auch vom 'gesunden Menschenverstand'. Im Publikum kann man dann nicht selten eine Art erleichtertes Gefühl spüren, das sich breitzumachen scheint. Im Stile von: Ah! Wir sind alles einfache Leute und operieren nach 'gesundem Menschenverstand', er ist einer von uns. Glück gehabt und wir liegen sogar richtig.
Nach dem Erstellen dieses Textes habe ich bei Wikipedia die Enträge zu gesunder Menschenverstand, Gemeinsinn und Vernunft [2] gelesen, auf die ich im zweiten Teil eingehen werde. Man wird also sehen, ob und in welchem Masse mein Artikel mit dem, was die Autoren der grössten Enzyklopädie sagen, übereinstimmt. Beim Zeit-Leserartikel Blog ist vor einiger Zeit ein Artikel zu diesem Thema erschienen [3]. Auch auf diesen werde ich im zweiten Teil eingehen.
[1] Ideologie 053 - Was ist 'gefährliches Halbwissen'? , 22. Dezember 2017 https://steemit.com/deutsch/@saamychristen/ideologie-053-was-ist-gefaehrliches-halbwissen
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Gesunder_Menschenverstand
https://de.wikipedia.org/wiki/Gemeinsinn
https://de.wikipedia.org/wiki/Vernunft
[3] Was ist eigentlich "gesunder Menschenverstand"?. Zeit Leserartikel-Blog, 02. Februar 2010, von Loki45 http://community.zeit.de/user/loki45/beitrag/2010/02/02/was-ist-eigentlich-quotgesunder-menschenverstandquot
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