16. Januar 2018
Wie im ersten Teil [1] angekündigt, will ich als Ergänzung zu den eigenen Gedanken zum Thema gesunder Menschenverstand einiges an weiteren Inhalten präsentieren und kommentieren. Der Artikel war ein grosser Erfolg, auch die Diskussion zeigte sich sehr lebendig und auf hohem Niveau. Ein herzliches Dankeschön an alle, die sich daran beteiligt haben. Im zweiten Teil will ich auf drei Einträge bei der deutschsprachigen Wikipedia [2-4] und einen beim Zeit online Leserblog erschienenen Artikel eingehen [5]. In meinem Text nehme ich sowohl Ausführungen aus den Artikeln und füge auch ein paar Interpretationen meinerseits ein. Wo der Übergang von übernommenem Inhalt und Interpretation nicht ganz klar ist, habe ich jeweils das Wort Anmerkung angefügt. Wer genau wissen will, was in den erwähnten Artikeln steht, muss diese auch noch lesen. Im Text werden verschiedene philosphische Strömungen und Epochen angesprochen, mein Wissen dazu ist sehr begrenzt. Wer die Dinge besser versteht und Anmerkungen machen will, ist herzlich eingeladen, das zu tun, wer sich langweilt, darf das Lesen gerne einstellen. Den Lesern Zeit stehlen, ist nicht meine Absicht, allerdings ist dieser Artikel definitiv überlang geworden.
Ein Winterbild aus meiner Heimat. Eigene Aufnahme.
Der gesunde Menschenverstand [2]
Die Definition beinhaltet, ähnlich wie ich es auch gesagt habe, den einfachen, erfahrungsbezogenen Verstand des Menschen beziehungsweise dessen natürliches Urteilsvermögen. Es steht darin noch, dass der Begriff auch den allgemein geteilten Verstand des Menschen definiert, wobei ich keinen allgemein geteilten Verstand kenne und wiederum nicht wüsste, wie das zu definieren wäre. Man könnte das vielleicht als den kleinsten gemeinsamen Nenner definieren.
Im Abschnitt Abgrenzungen wird darauf eingegangen, dass die Begriffe gesunder Menschenverstand und Gemeinsinn eigentlich auf dieselben Ursprünge zurückgehen und zeitweise (bis ins 18. Jahrhundert) synonym verwendet wurden, sich aber im Laufe der Zeit voneinander entfernt haben. Gemeinsinn steht heute mehr für den Sinn für die Gemeinschaft, also eine solidarische Gesinnung, währenddessen der gesunde Menschenverstand als natürliches Urteilsvermögen schon einen Link zur Umwelt hat, sich aber trotzdem mehr auf das Individuum bezieht. Es wird noch gesagt, der gesunde Menschverstand urteile auf Basis von Begriffen und sei deswegen weder Emotion noch Intuition. Leider wird nicht gesagt, was mit Begriffen genau gemeint ist, denn es gibt sicherlich Begriffe, die eher emotional ansprechen oder intuitive Reaktionen auslösen. Vielleicht wird auch auf eine Dualität, ein sowohl als auch angesprochen.
Danach wird im Abschnitt Allgemeines auf die drei Aspekte eingegangen, die der gesunde Menschenverstand offenbar beinhalten sollte:
- der Normalverstand. Anmerkung: Das durchschnittliche Urteilsvermögen, das methodisch keine Umwege geht und auch nicht durch Lehrmeinungen im Urteil getrübt wird.
- der arbeitende Verstand. Der Verstand, der mit praktischer Erfahrung aufgebaut wird, es geht um die praktische Anwendung und Anwendbarkeit.
- die Vorstellung von einem allgemein von mündigen Menschen geteilten Verständnis der Dinge, welches in seinem Urteilen auf die wirklichen und möglichen Urteile aller anderen Rücksicht nimmt. Anmerkung: Das tönt ziemlich abstrakt, für eine Zivilisation ist es trotzdem wichtig. Denn es ist notwendig, dass man sich auf die Menschen, denen man täglich, nahe und unbewaffnet begegnet, in einem gewissen Masse verlassen kann. Mindestens so, dass man weiss, dass sie die körperliche Integrität des anderen nicht verletzen.
Im gesunden Menschenverstand ist also nicht nur der Verstand enthalten, sondern auch dessen Urteile, deren Herkunft und Entstehung nicht immer einfach nachvollziehbar sind. Wiederholt entstehen Konflikte zwischen dem gesunden Menschenverstand als ein pragmatisches Objekt und dem Expertenverstand, der auf der Interpretation abstrakter Fakten basiert. Ein Problem des letztgenannten ist, dass für ihn die Lage dann ganz schwierig wird, wenn kaum Daten vorhanden sind, dann hinkt er der Sache unweigerlich hinterher. Denn, ohne Daten und Erfahrungen, welche Wege der Interpretation sinnvoll und hilfreich sind, ist es sehr unwahrscheinlich, dass aus den Daten sinnvolles herausgelesen wird. Vielleicht ist es sogar so, dass man nicht einmal weiss, ob man mit den gesammelten Rohdaten überhaupt etwas sinnvolles anfangen kann. Eine wirkliche Lösung kann eigentlich nur aus einer Symbiose aus beidem, dem natürlichen Urteilsvermögen und der auf Erfahrung aufbauenden Expertise entstehen. Eine wichtige Tugend im Umgang mit beidem dürfte die Demut sein, dass man einerseits wagt, die Werkzeuge, die man hat, zur Anwendung zu bringen, sich aber trotzdem nicht einbildet, man könne durch die einseitige Forcierung der einen Seite zu einer Art Unfehlbarkeit gelangen.
Erwähnt wird auch, dass der Begriff gesunder Menschenverstand fundamentale Widersprüche enthält. Einerseits, weil er sowohl eine Fähigkeit, als auch ein Wissen bezeichnet. Dazu ist er in den Bereichen ziemlich verwundbar, in denen sich ein Mensch überhaupt nicht auskennt. Wenn man sich neu in ein Thema einliest, sollte man wohl zu verschiedenen Zeitpunkten die eigenen Gedanken und Schlussfolgerungen dazu notieren, um die eigene Entwicklung nachvollziehen zu können. Wenn ein Thema in Fleisch und Blut übergegangen ist, ist es längst nicht immer nötig, für ein Urteil die ganze Methodik durchzudenken, oft kann man dann abkürzen und erhält ein brauchbares Resultat, obwohl man viel weniger Zeit gebraucht hat.
In der Begriffsgeschichte erkennt man vor allem aus den Entsprechungen in der englischen Sprache - common sense - und der französischen - sens commun oder bon sens - den lateinischen Ursprung sensus communis. Dieser Begriff ist die Übersetzung von ϰοινὴ αἴσθησις (koiné aísthesis) aus dem Griechischen, ein Ausdruck, den bereits Aristoteles (384-322 v. Chr.) [6] im Altertum geprägt hatte. Er meinte damit einen inneren Sinn mit Sitz im Herzen, der die verschiedenen Informationen der einzelnen Sinne bündelt und beurteilt. Danach wird der Begriff erst im 18. Jahrhundert wichtiger mit der schottischen Common-Sense-Philosophie, auch Schottische Schule genannt, populär [7]. Auch die deutsche Popularphilosophie im selben Jahrhundert half mit. Eine Weiterentwicklung fand mit Immanuel Kant (1724-1804) [8] statt. Auch er kommt zu drei wichtigen Maximen des gesunden Menschenverstandes, die nicht ganz einfach umsetzbar sind:
- Selbstdenken.
- An der Stelle jedes andern denken.
- Jederzeit mit sich selbst einstimmig denken.
Nachdem das 18. Jahrhundert den gesunden Menschenverstand ausgesprochen würdigte, wurde im 19. eine Korrektur vorgenommen. Im Deutschen Idealismus [9] wird der gesunde Menschenverstand für etwas an die Trivialität gebundenes gehalten. Regelrechte Polemik für den gesunden Menschenverstand gibt es auch von Karl Marx (1818-1883) [10], wobei dessen Theorien bisher auch keine überzeugende Praxistauglichkeit bewiesen haben.
Bis heute hat sich die Common-Sense-Philosophie wohl am ehesten in den USA erhalten.
Der Gemeinsinn [3]
- ein Vermögen im Rahmen einer philosophischen Psychologie, welches den einzelnen Sinnen eine reflektierte Einheit bietet.
- Synonym zu gesundem Menschenverstand.
- innere Grundlage für das am Gemeinwohl orientierte Denken, Fühlen und Handeln.
Der Wikipedia-Eintrag darunter ist in drei grosse Abschnitte gegliedert, in
- Gemeinsinn im Sinne der (philosophischen) Psychologie.
- Gemeinsinn als gesunder Menschenverstand.
- Gemeinsinn als Sinn für das Gemeinwohl.
Im ersten Abschnitt wird als neuzeitlicher Philosoph, der den Gemeinsinn ähnlich wie Aristoteles als inneren Sinn verstand, René Descartes (1594-1650) [11] erwähnt. Dasselbe wird von den Sensualisten [12] gesagt.
Der zweite Abschnitt wird weiter auf die Geschichte eingegangen. Da mein Wissen dazu sehr begrenzt ist, gehe ich darauf nicht ein.
Im dritten Abschnitt wird in Kürze dargelegt, was unter dem Sinn für das Gemeinwohl zu verstehen ist. Ich kann daraus nur wenig entnehmen, unter anderem wird auch auf eine Definition nach dem Rotteck-Welckerschen Staatslexikon verwiesen [13] und erwähnt, dass nach Ernst-Wolfgang Böckenförde (geboren 1930) [14] eine freiheitliche Ordnung einen Gemeinsinn als Fundament benötigt.
Nicht erwähnt wird, das ist keine Überraschung, die kurze Abhandlung über Altruismus und Egoismus in Ludwig von Mises' (1881-1973) [15] Werk Die Gemeinwirtschaft [16], welches 1922 erschienen ist. Er erklärt darin, dass sich Egoismus und Altruismus nicht vollständig separieren lassen, wie das im täglichen Sprachgebrauch oft getan wird. Für mich persönlich war diese Feststellung eine der wichtigen, erhellenden Passagen in diesem Werk.
Die Vernunft [4]
Unter Vernunft wird nach moderner Definition das Vermögen des menschlichen Denkens verstanden, aus dem im Verstand durch Beobachtung und Erfahrung erfasste Sachverhalte weitergedacht und so allgemein gültige Zusammenhänge erschlossen werden können. Einerseits die Fähigkeit, Regeln und Prinzipien aufzustellen, andererseits auch danach zu handeln. Man kann zwischen Theorie und Praxis unterscheiden, wobei mir persönlich die Praxistauglichkeit sehr wichtig ist, denn im täglichen Leben helfen vor allem die praxistauglichen Dinge. Die Erkenntnis, dass Dinge nicht funktionieren und warum das so ist, ist natürlich auch wichtig.
Zur Geschichte des Begriffes werden auch einige interessante Dinge gesagt. Bereits im alten Griechenland gab es drei Begriffe für Vernunft:
- νοῦς (nous) [17]. Die Fähigkeit des Menschen, geistig etwas zu erfassen. Dazu die Instanz im Menschen, die für das Erkennen und Denken zuständig ist. In der deutschen Sprache wird der Begriff meist mit Geist, Intellekt, Verstand oder Vernunft wiedergegeben.
- λόγο (lógos) [18]. Dieses Wort, von welchem das Wort Logik abgeleitet ist, wird unspezifisch gebraucht. Sowohl Wort und Rede und deren Gehalt, das geistige Vermögen und dessen Produkte können damit gemeint sein, als auch ein allgemeiner gehaltenes oder übergeordnetes Prinzip eines Gesamtsinns der Wirklichkeit oder eine Weltvernunft. Auch spezifischere Dinge, in deutscher Sprache Rechnung, Lehrsatz, Argument oder Definition können gemeint sein (lateinisch ratio).
- διάνοια (dianoia) [19]. Auch dieser Begriff wird mit ratio [20] in die lateinische Sprache übersetzt. Er bezeichnet ein grundlegendes Denkvermögen oder eine diesem Denkvermögen zugeordnete Fundamentaldisziplin. Die meisten Themen von Darstellungen einer Dianologie werden heute der Epistemologie (Erkenntnistheorie) [21] oder der Logik [22] zugeordnet.
Abschliessend noch ein kurzer Abschnitt zur Neurologie. Dort gibt es etwa den Begriff der flüssigen Intelligenz, welcher die Fähigkeit zum logischen Denken und Problemlösen bezeichnet. Im Gehirn finden sich die entsprechenden Strukturen im präfrontalen Cortex. Die Vernunft selber, die Fähigkeit, auf Erfahrungen basierend Vorgänge einzuschätzen, zu planen und auch sich selbst zu disziplinieren, ist vorwiegend im orbitofrontalen Cortex lokalisiert. Verletzungen des Gehirns in den entsprechenden Bereichen führen zu Veränderungen im Verhalten, in der Regel nicht zum Guten. Dem aus Filmen mit Bud Spencer und Terence Hill bekannten Zitat - ein kleiner Schlag auf den Hinterkopf erhöht das Denkvermögen - wohnt keine Wahrheit inne.
Was ist eigentlich "gesunder Menschenverstand"? [5]
Nachdem der Autor einige Definitionen vorgestellt hat, beschreibt er kurz einen vernunftbasierten Vorgang. Nachdem man nun Bescheid wisse, hofft er, dass der Leser nun über so viel Vernunft verfüge, dass er mittels Anwendung des Verstandes durch die Logik mit dem Intellekt zu einem shlüssigen Ergebnis gelangen kann. Damit meint er die Erkenntnis, dass der gesunde Menschenverstand, vor allem, was sich dahinter versteckt, vor allem eine sprachliche Floskel ist.
Abschliessend bringt Loki45 noch ein Zitat von René Descartes [11], welches ich meinen Lesern auch nicht vorenthalten möchte. Zu welcher Gelegenheit er es gesagt hat, habe ich nicht herausfinden können.
"Der gesunde Menschenverstand ist die am besten verteilte Sache in der ganzen Welt, denn ein jeder fühlt sich damit angemessen ausgestattet. So pflegen sich auch jene, die sonst in allen Dingen sehr schwierig zufrieden zu stellen sind, von diesem nicht mehr zu wünschen als sie bereits haben."
[1] Persönlichkeitsentwicklung 023 - Der gesunde Menschenverstand Teil 1/2 - Eigene Gedanken. , 12. Januar 2018 https://steemit.com/deutsch/@saamychristen/persoenlichkeitsentwicklung-023-der-gesunde-menschenverstand-teil-1-2-eigene-gedanken
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Gesunder_Menschenverstand
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Gemeinsinn
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Vernunft
[5] Was ist eigentlich "gesunder Menschenverstand"?. Zeit Leserartikel-Blog, 02. Februar 2010, von Loki45 http://community.zeit.de/user/loki45/beitrag/2010/02/02/was-ist-eigentlich-quotgesunder-menschenverstandquot
[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Aristoteles
[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Common-Sense-Philosophie
[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Immanuel_Kant
[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Idealismus
[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Marx
[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Ren%C3%A9_Descartes
[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Sensualismus
[13] https://de.wikipedia.org/wiki/Rotteck-Welckersches_Staatslexikon
[14] https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst-Wolfgang_B%C3%B6ckenf%C3%B6rde
[15] https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_von_Mises
[16] Die Gemeinwirtschaft - Untersuchungen über den Sozialismus. Ludwig von Mises, 1922, Seiten 390-393. IV. Teil. Der Sozialismus als sittliche Forderung, IV. Sozialismus und Ethik, § 3. http://www.mises.de/public_home/article/31/2
[17] https://de.wikipedia.org/wiki/Nous
[18] https://de.wikipedia.org/wiki/Logos
[19] https://de.wikipedia.org/wiki/Dianoiologie
[20] https://de.wikipedia.org/wiki/Rationalit%C3%A4t
[21] https://de.wikipedia.org/wiki/Erkenntnistheorie
[22] https://de.wikipedia.org/wiki/Logik
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