24. Oktober 2017
Schon oft habe ich Wortbeiträge gehört oder Texte gelesen, in denen zu erklären versucht wurde, warum in Führungspositionen in der Wirtschaft und der Politik nicht besonders viele Frauen vertreten sind. Auch die gesetzgebenden Parlamente werden häufig mehrheitlich von Männern bevölkert. Den Gründen für diese Tatsache, die nicht von allen Frauen gerne hingenommen wird, möchte ich in diesem Artikel etwas mehr auf den Grund gehen, am Beispiel der Bundesrepublik Deutschland und deren bundesweitem Parlament, dem Bundestag.
In diesem fand heute die erste Sitzung nach der Wahl vom 24. September 2017 [1] statt. Ich nutzte die Gelegenheit, einige als Einzelvideos veröffentlichte Interviews zu dieser ersten Sitzung anzuschauen, in denen auch der Frauenanteil [2] von 30,6 % Thema war. Gegenüber der letzten Legislaturperiode ist dieser Anteil ziemlich stark gesunken, von 36,5 % auf 30,6 %. Das ist ein Rückgang um 16,2 %, fast ein Sechstel weniger.
Beim öffentlich-rechtlichen Sender phoenix, der die Sitzung übertrug, waren etwa die Abgeordneten Nicole Hoechst (AfD) [3] und Linda Teuteberg (FDP) [4] zu Gast. Diese äusserten sich zur Situation der Frauen im Parlament so, dass sie gerne mehr Frauen in ihren Reihen begrüssen würden, aber eigentlich zuversichtlich sind, dass das in Zukunft auch der Fall sein wird.
In einem weiteren Gespräch wurde die Abgeordnete Anke Domscheit-Berg (parteilos, Fraktion Die Linke) [5] befragt, die sich mehr Regulierung wünscht, etwa eine Pflicht für die Parteien, dass sie ihre Kandidatenlisten 1/1 mit Frauen und Männern zu besetzen.
Meine Hypothese zu diesem Sachverhalt, bevor ich mich mit dem Thema etwas eingehender auseinandersetzte, war die, dass ich davon ausging, dass sich die Politik seit langer Zeit vorwiegend als Männerdomäne etabliert hat. Oder zumindest als Männerdomäne, wenn es um die sichtbaren Figuren geht, die die Ämter offiziell innehaben. Eher weniger zweifelte ich daran, dass die Frauen auch in der Vergangenheit wussten, wie sie Männer dazu bringen, ihre Interessen zu vertreten. Wirklich interessierte mich also die Zusammensetzung der Parteien nach ihren Mitgliedern, ob man das Verhältnis der Mitglieder nach Geschlechtern getrennt auch in den Parteien selber wiederfindet. Ich glaubte nicht daran, dass sich die Verteilung ähnlich der bürgerlichen Gesellschaft zusammensetzt, mit einem leichten der längeren Lebenserwartung geschuldeten Frauenüberschuss. Glücklicherweise gibt es in Deutschland für jede Partei mehr oder weniger aktuelle Zahlen über den Frauenanteil unter den Mitgliedern. In der Schweiz und Österreich fand ich dazu leider keine Zahlen.
Tabelle 1. Parteimitglieder in Deutschland, nach Geschlechtern getrennt. Zahlen von den jeweiligen Wikipedia-Seiten der Parteien [6-12].
| Partei | Mitglieder | Frauen [%] | ca. Zahl Frauen | ca. Zahl Männer |
|---|---|---|---|---|
| SPD | 438'823 | 32,0 | 140'400 | 298'423 |
| CDU | 431'000 | 26,9 | 115'900 | 315'100 |
| CSU | 142'000 | 19,5 | 27'700 | 114'300 |
| FDP | 63'000 | 22,8 | 14'400 | 48'600 |
| Grüne | 61'596 | 38,6 | 23'800 | 37'796 |
| Linke | 58'910 | 37,2 | 21'900 | 37'010 |
| AfD | 28'000 | 16,0 | 4'500 | 23'500 |
| Total | 1'223'329 | 28,5 | 348'600 | 874'729 |
Als Ergebnis zeigt sich eindeutig, dass in Sachen Mitgliedern in Deutschland das Parteigeschäft eine eindeutige Männerdomäne ist. Selbst in den mit vielen Frauen gesegneten Parteien Bündnis 90/Die Grünen, der Linken und der SPD zeigen sich Frauenanteile von unter 40 %. Über alle gesehen zeigt sich ein Frauenanteil von 28,5 %. Ein Frauenanteil von 30,8 % zeigt die Frauen gegenüber ihrem Anteil in den Parteien sogar leicht höher repräsentiert (30,8 / 28,5 = 1,08).
Tabelle 1.2. Deutsche Bevölkerung in Deutschland. Stand, 30. Juni 2016, auf Grundlage des Zensus 2011 [17].
| Deutsche | 73'337'300 | 100 % |
|---|---|---|
| weiblich | 37'549'400 | 51,17 % |
| männlich | 35'827'900 | 48,83 % |
Tabelle 2. Die Zusammensetzung des neuen Bundestag von 2017. Änderungen nach der Wahl wie die beiden Austritte aus der AfD habe ich nicht berücksichtigt.
| Partei | Abgeordnete | Frauen | Frauen [%] | Männer | Männer [%] |
|---|---|---|---|---|---|
| SPD | 153 | 64 | 41,8 | 89 | 58,2 |
| CDU | 200 | 41 | 20,5 | 159 | 79,5 |
| CSU | 46 | 8 | 17,4 | 38 | 82,6 |
| FDP | 80 | 18 | 22,5 | 62 | 77,5 |
| Grüne | 67 | 39 | 58,2 | 28 | 41,8 |
| Linke | 69 | 37 | 53,6 | 32 | 46,4 |
| AfD | 94 | 11 | 11,7 | 84 | 88,3 |
| Total | 709 | 218 | 30,8 | 491 | 69,3 |
Aus der Tabelle ist sehr eindeutig zu entnehmen, dass die älteren Parteien Union und FDP wohl eher schwer damit zu tun scheinen, viele Frauen in den Bundestag zubringen. Das gleiche gilt für die AfD. Alle diese Parteien haben keinen Hintergrund einer grösseren Zusammenarbeit mit feministisch-aktivistische Bewegungen. Anderes gilt für die SPD, Bündnis 90/Die Grünen und die Linke. Bei der AfD sehe ich zusätzlich eine Hemmschwelle für viele Frauen, überhaupt dieser Organisation beizutreten. Es gab in der jüngeren Vergangenheit sehr viele Publikationen in etablierten Medienerzeugnissen, die gegen die AfD gerichtet waren. Dazu gab es auch Sachbeschädigungen an Eigentum von Partei und Mitgliedern und tätliche Angriffe. Frauen, die der AfD beitreten, dürften also zur risikofreudigen Minderheit gehören, die auch kein Problem damit haben, sich mit in der Öffentlichkeit wenig populären Ansichten zu positionieren. Wenn ich die bekannten Frauen der AfD betrachte, Beatrix von Storch, Alice Weidel und die mittlerweile ausgetretene Frauke Petry, so glaube ich in ihnen aussergewöhnliche, besonders charakterfeste und risikoaffine Frauen zu erkennen. Allerdings kenne ich keine von diesen persönlich, die Aussagekraft meiner Behauptung muss also nicht riesengross sein.
Tabelle 3. In dieser Tabelle finden sich die Wahrscheinlichkeiten, mit der man sich als weibliches (P Frau [‰]) oder männliches (P Mann [‰]) Mitglied einer Partei im aktuellen Bundestag befindet. Die Ratio PF/PM zeigt das Verhältnis der beiden Wahrscheinlichkeiten an. Ein Verhältnis grösser als 1 zeigt, dass Frauen eher berücksichtig werden, bei einem von unter 1 werden eher Männer berücksichtigt.
Die zur Berechnung der Wahrscheinlichkeit nötige Rechnung lautet:
| Partei | Mitglieder (F/M) | P Frau [‰] | P Mann [‰] | Ratio PF/PM |
|---|---|---|---|---|
| SPD | 153 (64/89) | 0,456 | 0,298 | 1,53 |
| CDU | 200 (41/159) | 0,354 | 0,505 | 0,70 |
| CSU | 46 (8/38) | 0,289 | 0,332 | 0,87 |
| FDP | 80 (18/62) | 1,25 | 1,28 | 0,98 |
| Grüne | 67 (39/28) | 1,64 | 0,741 | 2,21 |
| Linke | 69 (37/32) | 1,69 | 0,865 | 1,95 |
| AfD | 94 (11/83) | 2,44 | 3,53 | 0,69 |
| Total | 709 (218/491) | 0,625 | 0,561 | 1,11 |
Der Tabelle lässt sich entnehmen, dass in den Parteien SPD, Bündnis 90/Die Grünen und der Linken Frauen mit grösserer Wahrscheinlichkeit im Bundestag sitzen als Männer. Bei der FDP zeigt sich das Verhältnis ausgeglichen. In den Parteien CDU, CSU und AfD zeigt sich eine grössere Wahrscheinlichkeit für Männer, im Bundestag zu sitzen. Die grössten Wahrscheinlichkeiten erreicht die AfD. 2,44 ‰ der weiblichen und 3,53 ‰ der männlichen Mitglieder sitzen für die kleinste der sieben Bundestagsparteien im Parlament.
Tabelle 4. Diese zeigt ein hypothetisches Parlament mit einer ausgeglichenen Zahl an Abgeordneten. Da die Gesamtzahl mit 709 ungerade ist, und es drei Parteien mit ungerader Anzahl Abgeordneter, die allesamt Frauen eher berücksichtigen, habe ich den Frauen den Überhang um ein Mandat zugewiesen. Der SPD, die in der Tabelle 3 mit 4,53 die niedrigste Ratio PF/PM unter diesen drei Parteien, habe ich einen Mann mehr zugeteilt. Mit RR ist das Verhältnis zwischen den beiden Ergebnissen für Ratio PF/PM aus den Tabellen 3 und 4 gemeint.
| Partei | Abgeordnete (F/M) | P Frau ‰ | P Mann ‰ | Ratio PF/PM | RR |
|---|---|---|---|---|---|
| SPD | 153 (76/77) | 0,541 | 0,258 | 2,098 | 1,37 |
| CDU | 200 (100/100) | 0,863 | 0,317 | 2,72 | 3,88 |
| CSU | 46 (23/23) | 0,830 | 0,201 | 4,13 | 4,75 |
| FDP | 80 (40/40) | 2,78 | 0,823 | 3,38 | 3,44 |
| Grüne | 67 (34/33) | 1,43 | 0,873 | 1,64 | 0,74 |
| Linke | 69 (35/34) | 1,60 | 0,919 | 1,74 | 0,89 |
| AfD | 94 (47/47) | 10,4 | 2,00 | 5,22 | 7,55 |
| Total | 709 (355/354) | 1,02 | 0,405 | 2,52 | 2,26 |
Für einen solchen Bundestag müssten sich die Wahrscheinlichkeiten teilweise ziemlich stark ändern. Die SPD, CDU, CSU, FDP und AfD müssten massiv die Förderung von Frauen betreiben oder diese bevorzugt als Kandidaten aufstellen. Die Parteien Bündnis 90/Die Grünen und die Linken müssten dagegen mehr Männer zu Kandidaten machen. Die bisher erst mit wenig Frauen vertretene AfD müsste sich am meisten ändern, gäbe es im Bundestag 47 Vertreterinnen dieser Partei, wären 1,04 % ihrer weiblichen Mitglieder im Bundestag. Zum Vergleich schafften es in dieser Konstellation nur gerade 0,541 ‰ der weiblichen SPD-Mitglieder ins bundesweite Parlament, da läge ein Faktor 19,2 dazwischen.
Das Gespräch mit den Bundestagsabgeordneten Nicole Hoechst (AfD) und Linda Teuteberg (FDP) [13].
Das Interview mit der Bundestagsabgeordneten Anke Domscheit-Berg (parteilos, Fraktion die Linke) [14].
Die Premiere der Rede eines Abgeordneten der AfD ereignete sich auch heute [15]. Diese wurde von Dr. Bernd Baumann [16] gehalten und kontrovers interpretiert.
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Bundestagswahl_2017
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Frauenanteil_im_Deutschen_Bundestag_seit_1949
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Nicole_Hoechst
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Linda_Teuteberg
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Anke_Domscheit-Berg
[6] https://de.wikipedia.org/wiki/SPD
[7] https://de.wikipedia.org/wiki/CDU
[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Christlich-Soziale_Union_in_Bayern
[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Freie_Demokratische_Partei
[10] https://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%BCndnis_90/Die_Gr%C3%BCnen
[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Linke
[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Alternative_f%C3%BCr_Deutschland
[13] Linda Teuteberg und Nicole Höchst zur konstituierenden Bundestagssitzung am 24.10.17. phoenix YouTube Kanal, 24. Oktober 2017
[14] Anke Domscheit-Berg zur konstituierenden Sitzung des Bundestages am 24.10.17. phoenix YouTube Kanal, 24. Oktober 2017
[15] AfD - Dr. Bernd Baumann: "Das Volk hat entschieden und nun beginnt eine neue Epoche". HSM2k2 YouTube Kanal, 24. Oktober 2017
[16] https://de.wikipedia.org/wiki/Bernd_Baumann
[17] Bevölkerung auf Grundlage des Zensus 2011. Stand 30. Juni 2016. Destatis https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/Bevoelkerungsstand/Tabellen/Zensus_Geschlecht_Staatsangehoerigkeit.html
Bisherige Posts in der Rubrik «Politik».
Übersicht über alle Rubriken.