Diese Tage denke ich viel an letztes Jahr um diese Zeit und die Erinnerungen sind wieder sehr präsent.
Der 19.12.2016 war ein Montag, ich hatte an diesem Tag geschäftlich im Mediamarkt zu tun, mein Mann lag seit Anfang Dezember wieder mal im Krankenhaus. Seit Juli stand die Diagnose MDS, Myelodysplastisches Syndrom, mit Übergang in eine sAML, also sekundäre Leukämie. Die rettende Stammzellentransplantation war für Anfang Januar geplant, ein Spender war zum Glück gefunden.
Doch sah es ein paar Tage vor Weihnachten so aus, als würde er es nicht bis dahin schaffen...
Meine Mittagspause verbrachte ich am 19.12.16 im Krankenhaus. lag auf der Isolierstation, ich durfte ihn nur desinfiziert, vermummt und in Schutzkleidung besuchen.
Thomas ging es sehr schlecht, er hatte hohes Fieber und starke Schmerzen. Doch das schlimmste war, dass er 0 Abwehrkräfte mehr hatte.
Deshalb heilte auch die an sich harmlose Wunde, die eine Weisheitszahnextraktion verursacht hatte nicht. Das Gesicht schwoll immer mehr an, man vermutete Eiter im Kiefer, am 16.12. erfolgte eine Not-OP. Doch es war kein Eiter vorhanden, nicht mal das konnte der Körper mehr herstellen. Die weißen Blutkörperchen, die Leukozyten, lagen bei 0,2 oder sogar noch darunter. Antibiotika und alles, was die Ärzte versuchen, brachte keinen Erfolg, im Gegenteil.
Die Ärzte kamen nicht weiter, die Diagnose lautete schwere Neutropenie, d.h. lebensbedrohlicher Zustand bei fast nicht mehr vorhandener körpereigener Abwehr.
Am Nachmittag erhielt ich einen Anruf aus dem Krankenhaus mit dieser Mitteilung. Der Chefarzt meinte "wir warten auf einen Zug, der nicht ankommt. Doch wir sehen noch eine Möglichkeit".
Ich solle bis morgen vormittag ca. 5-6 Personen aus dem Verwandten- oder Bekanntenkreis mobilisieren, die bereit sind, Granulozyten für Thomas zu spenden.
Neutrophile Granulozyten sind eine Unterform der weißen Blutkörperchen (Leukozyten). Sie machen ca. 2/3 aller Leukozyten aus, sind Teil des zellulären Immunsystems und bekämpfen Krankheitserreger.
So wäre es möglich, so der Arzt, dass Thomas den lebensnotwendigen "Anschubser" bekommt, damit er bis Anfang Januar soweit stabilisiert werden könne, dass er die Stammzellentransplantation bekommen könne. In seinem jetzigen Zustand würde er es wohl nicht überstehen.
Damit war mit schlagartig bewusst WIE kritisch der Zustand war. Dass es nicht von ohne war, wusste ich, aber mit welchem Nachdruck mir der Arzt das erklärte, war schon eine andere Hausnummer.
Alle geschäftlichen Termine sagte ich ab. Dann habe ich nur noch funktioniert. Es war wie in einem schlechten Traum. Nur war es kein Traum, Tatsache.
An diesem Nachmittag und Abend habe ich fast durchweg telefoniert und organisiert. Meine Freundin rief sofort ihren Mann an. Ich rief die Verwandtschaft durch. Meine Sorge, wie ich kurz vor Weihnachten 5 Leute auftreiben sollte, erwies sich als absolut unbegründet. Jeder sagte sofort JA, klar mache ich das! Nur kam eben nicht jeder in Frage.
Am folgenden Vormittag, den 20.12., bin ich zusammen mit den ersten beiden evtl. inFrage kommenden Spendern in die Onkologie nach Chemnitz gefahren, um unser Blut einem Vor-Test zu unterziehen.
Unser Schwiegersohn und ein Freund von Thomas ließen sich am Nachmittag testen. Meine Tochter und der andere Schwiegersohn wohnen weit weg und machten das an ihrem Wohnort.
Von allen, die bereit zur Spende waren, wurden 2 ausgewählt, die am 23.12. zu umfassenden Tests in die Uniklinik nach Dresden mussten. Ich fuhr natürlich selber mit und ließ ebenfalls alle Untersuchungen über mich ergehen. Das zog sich den ganzen Tag hin und schließlich wurde unser Schwiegersohn als der Passendste ausgewählt.
Die eigentliche Granulozytenspende wurde für den 27.12. angesetzt. Vor Weihnachten war es nicht mehr zu schaffen, da sich der Spender vorab Wachstumshormone spritzen musste und das dauert nun mal eine Weile.
Meine Frage, ob denn der 27.12. nicht zu spät sei, beantwortete mir die Ärztin in der Uniklinik mit den Worten "Ich kann ihre Sorge verstehen, wir tun unser Bestes".
Dies beruhigte mich keineswegs, zumal sie erwähnte, dass die Voruntersuchungen von Dresden aus am 22. geplant waren, so dass die Spende noch vor Weihnachten hätte stattfinden können. Doch Chemnitz hätte den Termin nicht rechtzeitig bestätigt.
Na toll.... Ich konnte es nicht fassen.... Außer abwarten und das Beste hoffen, konnten wir jetzt nichts tun.
Das Weihnachten 2016 werde ich sicher nicht so schnell vergessen.
Wie die Granulozyten-Infusion am 27.12. ablief, hat Thomas in diesem Artikel selber beschrieben:
https://steemit.com/deutsch/@germansailor/der-reset-button-meines-lebens-genesungstagebuch-2017-teil-16