Liebe Steemianer,
einen Tag, nachdem in Halle 2 Menschen willkürlich ermordet wurden, kam in Deutschland der Film "Joker" in die Kinos (mehr über den Film z.B. hier). Sicher in diesem Fall eine zufällige Koinzidenz, aber es erinnert unangenehm an die Premiere von "The Dark Knight Rises" aus 2012 in Aurora, bei der ein Amokläufer 12 Menschen im Kinosaal erschossen und viele weitere verletzt hatte.
Screenshot aus "Joker" Quelle (Youtube/Warner Bros. Pictures)
Während der Joker in "The Dark Knight Rises" aber nie mehr als ein gefühlskalter und irrer Killer war, ist in "Joker" die Entstehung seiner Psychose eingehend dargestellt inklusive der üblichen externer Ursachen wie Zurückweisungen, etc. Das und die einfühlsame Darstellung durch Joaquín Phoenix könnten Sympathien und Verständnis für den Massenmörder erzeugen – nicht gerade, was man als Gesellschaft eigentlich will. Umso mehr, als auch gesellschaftskritische Töne angeschlagen werden, z.B. dass die Reichen immer reicher werden und der große Rest in Perspektivlosigkeit dahinvegetiert. So wird suggeriert, dass das eigentliche Monster nicht der irre Clown sei. Klassische Täter-Opfer Umkehr, die uns ja auch nicht ganz unbekannt ist vom Herunterspielen der bei uns üblich gewordenen Vergewaltigungen, Ehren- und Trennungsmorde und Messer- und sonstige Attacken.
Dementsprechend hatte es vor allem in den USA (bei uns natürlich nicht) eine erhöhte Alarmbereitschaft gegeben: Eine Kinokette hat dort das Tragen von Clownskostümen verboten; an den Kinoeingängen sollen die Kontrollen nach Waffen noch strenger ablaufen. Die Polizei von Los Angeles rät Besuchern zur Wachsamkeit und sogar die US-Army warnte einige ihrer Stützpunkte in einem Newsletter vor möglichen Gewaltausbrüchen rund um den Kinostart (Quelle). Nebenbei, bei uns wird nach wie vor von den Medien ein Sicherheitsgefühl vermittelt, das dem ersten Halle-Opfer vermutlich das Leben gekostet hat.
"Joker" ist nur ein möglicherweise besonders markantes Beispiel (click bait), wie Gewalt zur Nachahmung aufrufen könnte. Wir werden ja über Netlix und Co. mit einer Flut von gewalttätigen Inhalten konfrontiert, die quasi als leichte Kost für die ganze Familie daherkommen, aber letztlich äußerst brutal und gewaltaffin sind (z.B. "Game of Thrones", "The Walking Dead"), von Gewalt in Videopielen ganz zu schweigen. Im Wettbewerb um Marktanteile werden seit Jahren die Gewaltdarstellungen immer expliziter (in Videospielen immer realistischer, auch dank der besseren Rechnerleistungen), und die Menschen immer abgestumpter dagegen, wie bei einer Droge, die immer höhere Dosen erfordert. Zumindest kommt es mir so vor.
Natürlich, niemand wird gezwungen, sich das anzusehen. Genauso, wie niemand gezwungen wird zu rauchen. Aber trotzdem tun es etliche mit den Folgen, dass 90% aller Lungenkrebsfälle durch Rauchen verursacht werden (immerhin ist dieser Krebs der zweithäufigste bei Männern).
Viele Studien konnten zeigen, dass es eine Korrelation gibt zwischen der Konsumation von Gewalt in TV/Kino und aggressiven Einstellungen und Verhalten. Jedenfalls weit mehr als Studien, die keinen solchen Zusammenhang zeigen. Vermutlich keine "97%", aber es steckt hier auch keine so starke Lobby dahinter wie der IPCC beim Klima.
Korrelation ist noch keine Kausalität, theorethisch könnten ja auch nur Menschen, die schon potentiell gewaltaffin sind, solche Serien bzw. Computerspiele anschauen, und die Zunahme solcher Personen (durch welchen Grund auch immer) könnte die Sender/Spieleentwickler dazu veranlassen, mehr und gewalttätigeres zu produzieren. Ich glaube aber nicht, dass es so ist.
Die American Medical Association schätzte, dass ein Jugendlicher aus einem Haushalt mit Kabelanschluss mit 18 Jahren bereits 32000 Morde gesehen hat (Quelle). Und dass mediale Gewalt in den letzten Jahrzehnten immer häufiger ist, darüber herrscht wohl Einigkeit. Dazu kommt, dass Gewalt oft auch nicht kritisiert oder kritisch reflektiert wird, insbesondere wenn sie von den "Guten" ausgeht. Ja, dass oft der Held sich an seinen Peinigern rächt ohne Gerichtsverhandlung (Selbstjustiz), ist gängiges Schema (obwohl in der realen Welt die staatlichen Autoritäten strikt am Gewaltmonopol festhalten (meistens zumindest).
Der Vollständigkeit halber seien hier nochmal die 4 gängigen Theorien der möglichen Wirkung von Gewaltkonsumation dargestellt (Quelle):
- Der Selbstreinigungstheorie nach können Gewalthandlungen in Filmen stellvertretend
für tatsächliche Gewalthandlungen Aggressionen abbauen und dadurch die tatsächliche Gewaltbereitschaft sogar senken. - Nach der Ablehnungstheorie führt ein innerliches Ärgern über filmisch dargestellte Gewalt zu Ablehnung von Gewalt und damit ebenso zu einer Senkung der tatsächlichen Gewaltanwendung.
- Gemäß der Abstumpfungstheorie stumpft häufiges Ansehen medialer Gewalt die Zuseher immer mehr ab. Gewalt wird als „normal“ und als nichts Besonderes empfunden.
- Die Nachahmungstheorie besagt, dass häufiges Ansehen medialer Gewalt zum Nachahmen reizt und Aggressionen verstärkt . Unter bestimmten Umständen steigt so die Bereitschaft zur tatsächlichen Gewaltanwendung.
Man könnte hier trefflich diskutieren, welche Theorien stimmen und welche nicht und welche Mischung wann gegeben ist, darum geht es hier aber gar nicht. Jede dieser Theorien (und vermutlich noch andere) ist durch Studien belegt. Die Psychologie ist ja auch keine Naturwissenschaft und je nach Fragestellungen und Selektion der Probanden können höchst unterschiedliche Ergebnisse auftreten. Da jeder Mensch auch seine eigenen Motive und Bedürfnisse hat, sind solche Verallgemeinerungen ohnehin nicht zweckmässig.
Dennoch ist es auffallend, wie stark manche Themen in der Öffentlichkeit thematisiert sind und andere, bei denen es auch potentiell um Leben und Tod geht, gar nicht. Die Medienlobby ist mindestend so mächtig wie die Klimalobby und in deren Interesse ist es sicher nicht, Einschränkungen im Ausmass der Gewaltdarstellungen zu etablieren, da das ja die Nutzerzahlen beeinträchtigen könnte. Gemäß des Vorsorgeprinzips wäre aber Vorsicht angebracht - gerade bei Kindern! Wir haben ohnehin genug importierte Gewalt, da muss man nicht noch unsere kommende Generation traumatisieren. Diese potentiell "selbsterzeugte" Gewaltaffinität ist nämlich im Ernstfall nicht "nutzbar" zu einer effektiven Selbstverteidigung, wenn das restliche mindset und die Sozialisierung nicht dazupassen.
Bevor eine längst fällige Debatte um die Rolle der Medien bei der Gewaltzunahme eröffnet wird, zieht man im Zweifel lieber über die Polizei oder die ohnehin verpönte Waffenlobby her und fordert wieder mal neue Verschärfungen (wie die Demokraten es bei jedem mass shooting in den USA vorexerzieren).
Zum Abschluss lasse ich mal den Joker selbst zu Wort kommen, der die Heuchelei auf den Punkt bringt:
Mehr zum Thema:
https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/MEDIEN/FernsehenGewalt.shtml
http://www.antimedien.de/wieviel-gewalt-braucht-das-fernsehen/