Liebe Steemonauten,
woran kann es liegen, dass unsere Neujahrvorsätze so oft nicht eingehalten werden, oder dass es für Menschen so schwer ist, sich aus freien Stücken (nicht aufgrund von Lebenskrisen) komplett zu ändern? Vielleicht weil wir es gar nicht in der Hand haben, etwas frei zu entscheiden?
Experimente
Schon 1965 hatten die deutschen Neurologen Kornhuber und Deecke publiziert, dass eine Sekunde vor einer willkürlichen Handbewegung elektrische Signale im Gehirn messbar sind. Doch in der Alltagserfahrung des Menschen vergeht nicht eine Sekunde von der Absicht bis zur Ausführung. Die Absicht des freien Willens muss aber noch vor den ersten „Bereitschaftpotenzialen“ im Gehirn da sein. Doch wie lässt sich der Zeitpunkt der bewussten Entscheidung, die Hand zu bewegen, messen, da jede Auskunft darüber ja wieder mit einer zeitlichen Verzögerung verbunden ist? Darüber zerbrach sich der US-Hirnforscher Benjamin Libet lange den Kopf, bevor er die Idee hatte, dass die Versuchspersonen auf einer Uhr (mit einem sich schnell bewegenden Punkt) sich den Zeitpunkt merken sollten, an dem sie den Vorsatz gefasst hatten, das Handgelenk zu bewegen (1). Diese Experimente aus dem Jahr 1979 sorgten für großes Furore, denn sie ließen den Schluss zu, dass es gar keinen freien Willen gibt! Die Probanden gaben den Zeitpunkt ihres eigenen willkürlichen Entschlusses für die Bewegung ca. 0,2 Sekunden vor der eigentlichen Bewegung an. Die Bereitschaftspotenziale im Gehirn setzten aber immer mindestens 0,55 Sekunden, teilweise bis zu einer Sekunde (wie bei Kornfeld und Deecke) vor der Bewegung ein. Doch wie war es möglich, dass sich im Gehirn Aktivität nachweisen ließ, bevor überhaupt der freie Wille zur Bewegung da war? Libet selbst waren die Konsequenzen seiner eigenen Versuche unheimlich und er versuchte sie durch andere Experimente zu widerlegen, aber es gelang ihm nicht.
Spätere Experimente ähnlicher Art bestätigten Libets Ergebnisse nicht nur, sondern fanden sogar, dass bis zu 10 Sekunden vor der Willensentscheidung neuronale Aktivität nachweisbar ist (2). Wenn das Bewusstsein einsetzt („kicks in“), ist die meiste neuronale Arbeit schon gemacht!
We found that the outcome of a decision can be encoded in brain activity of prefrontal and parietal cortex up to 10 s before it enters awareness. This delay presumably reflects the operation of a network of high-level control areas that begin to prepare an upcoming decision long before it enters awareness.
Es kommt noch schlimmer: 1992 wurde ein Experiment durchgeführt, bei dem die Probanden gebeten wurden, zufällig die rechte oder die linke Hand zu bewegen. Man fand heraus, dass durch die Stimulation der Hirnhälften durch magnetischer Felder die Wahl der Hand stark beeinflusst werden konnte. Normalerweise wählen Rechtshänder die rechte Hand in der Mehrheit der Fälle. Wurde jedoch die rechte Hirnhälfte stimuliert, wurde die linke Hand zu 80 % ausgewählt. Trotz dieses Einflusses von außen berichteten die Versuchspersonen weiterhin, dass sie der Überzeugung waren, die Wahl frei getroffen zu haben!
All das bestätigt, dass das Gehirn als „Strohmann“ das Bewusstsein vorschickt und uns damit glauben macht, wir hätten bei der Entscheidung eine Wahl gehabt. Doch in den Tiefen des Unterbewusstseins ist alles arrangiert gewesen. Die unbequeme Schlussfolgerung:
Wir tun nicht was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun!
Habt Ihr schon einmal versucht, den Strom Eurer Gedanken, Euren „inneren Monolog“ abzuschalten und an gar nichts zu denken? Oder durch Willenskraft einzuschlafen? Wenn es einen freien Willen gäbe, sollte das doch eigentlich möglich sein. Die Tatsache, dass das aber unglaublich schwierig ist und nur Wenigen durch Meditation gelingt, bestärkt die Annahme, es gibt keinen.
Hatte Neo im Film „Matrix“ wirklich eine freie Wahl, die rote oder die blaue Pille zu nehmen, oder war es nicht durch seinen bisherigen Lebensweg, seine Erfahrungen und Motivationen quasi „vorherbestimmt“, die rote zu nehmen?
Die Philosophie beschäftigt sich seit eher mit der Frage des freien Willens und den Konsequenzen seines möglichen Fehlens, wobei die Definition des freien Willens selbst bei weitem nicht einheitlich ist. Von Schopenhauer stammt das Zitat „der Mensch könne tun, was er will, aber er könne nicht wollen, was er will“. Während in der klassischen Mechanik die Welt als grundsätzlich vorherbestimmt angesehen wird (deterministisch), wurde mit der Quantenmechanik ein Element der Unbestimmbarkeit eingeführt, das manche Forscher dazu gebracht hat, einen Zusammenhang zwischen menschlicher Entscheidungsfreiheit und quantenmechanischer Unschärfe herzustellen (3). Ich finde diesen Ansatz ganz interessant, aber rein spekulativ. Die verschiedenen Positionen zum freien Willen reichen von der unbedingten Willensfreiheit (doch ist ein Wille, wenn er durch nichts bedingt ist, nicht rein zufällig und unmotiviert und widerspricht somit der Alltagserfahrung?) bis hin zu den harte Deterministen, die einen freien Willen gänzlich ablehnen, und vielen Variationen dazwischen.
Eine Sonderform des freien Willens ist übrigens die Selbstkontrolle. Langzeitstudien haben gezeigt, dass Kinder, die sich besser unter Kontrolle hatten, als Erwachsene mehr Erfolg im Leben hatten, etwa bei materiellem Wohlstand und Zufriedenheit (4). Der Zusammenhang zwischen Fettleibigkeit (meist aufgrund fehlende Kontrolle von Fressattacken) und Sozialstatus scheint das zu bestätigen. Selbstkontrolle ist jedenfalls Teil des (unbewussten) Affektsystems und daher nur schwer zu kontrollieren. Selbstdisziplin galt/gilt nicht ohne Grund in vielen Kulturen als erstrebenswert (scheint aber heute in der westlichen Welt außer Mode gekommen zu sein, in der unreflektierter Konsum Trumpf ist).
Schlussfolgerungen
Die meisten neurophysiologischen Experimente legen jedenfalls einen harten Determinismus nahe. Sind wir tatsächlich nur raffinierte Automaten und unser Bewusstsein (die Bandbreite unseres Bewusstseins ist ja mikroskopisch, verglichen mit der Bandbreite unseres Unbewussten) eine bloße Begleiterscheinung der ständigen Denkprozesse, ohne kausale Macht? Das wäre auch in Einklang mit Richard Dawkins Theorie des egoistischen Gens, wonach alle Lebewesen nur mehr oder wenig komplexe DNA-Replikatoren sind.
Müssten konsequenterweise nicht alle Kriminellen sofort enthaftet werden (viele bleiben heutzutage ohnehin straffrei, aber das ist eine andere Geschichte). Nein, da – unabhängig von der wissenschaftlichen Wahrheit - unser Rechts- und Gesellschaftssystem auf der Annahme eines freien Willens basiert. Das könnte auch (neben der erlebten Erfahrung) der Grund sein, dass sich der freie Wille als Konzept überhaupt etabliert hat – damit die Folgen des eigenen Tuns auch strafrechtliche oder sonstige Konsequenzen haben, wodurch unser soziales Zusammenleben erst ermöglicht wurde. Also ähnlich wie der Glaube an eine höhere Macht ist der freie Wille letztlich ein gesellschaftliches Konstrukt, das sich eines Überlebensvorteils wegen etabliert hat.
Obwohl der deutsche Hirnforscher Wolf Singer ebenfalls nicht an den freien Willen glaubt, sagt er (8):
“Wenn ich abends nach Hause gehe, mache ich meine Kinder dafür verantwortlich, wenn sie irgendeinen Blödsinn angestellt haben, weil ich natürlich davon ausgehe, dass sie auch anders hätten handeln können.“
Quellen:
(1) Libet, B. et al. “Time of conscious intention to act in relation to onset of cerebral activity (readiness-potential). The unconscious initiation of a freely voluntary act“ Brain 106 (Pt 3): 623-42 (1983)
(2) Soon CS. et al. „Unconscious determinants of free decisions in the human brain“ Nature Neuroscience 11, 543–545 (2008)
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Freier_Wille#Philosophische_Positionen
(4) http://www.spektrum.de/magazin/ein-besseres-leben-dank-frueher-selbstbeherrschung/1314683
(5) https://therealsasha.wordpress.com/2011/08/26/free-will-determinism-and-moral-responsibility/
(6) http://opishposh.com/21-thought-provoking-questions-about-our-existence/
(7) http://www.qul.org.au/library/40-sufi-comics/1369-philosophy-free-will-or-pre-destination
(8) Reto U. Schneider, Das Buch der verrückten Experimente, Goldmann 2004
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