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In einem Schaubergwerk bei Hallstatt (der ältesten Salzmine der Welt), abseits der Touristenströme, 500m tief im Berg, lagern keramische Datenträger (Tontafeln) bedruckt mit Bildern und Texten und sollen das Gedächtnis der Menschheit für die nächsten Jahrtausende bewahren. Im Ernst, Tontafeln??
Das Problem
"Wir produzieren ständig gigantische Datenmengen, aber wir hinterlassen keine Aufzeichnungen, die dauerhaft bestehen werden.“, so Martin Kunze, der Gründer und Betreiber des MoM-Archivs, des „memory of mankind“. „Was von uns gefunden werden wird, sind Edelstahlkochtöpfe mit den Prägungen „IKEA“ und „Made in China“ “ - Wollen wir das? Nein, sagte sich Kunze, der vom Brotberuf eine Keramikwerkstatt in Gmunden betreibt, vor 5 Jahren und arbeitet seither fieberhaft an diesem gigantisch wirkenden Projekt.
Unsere Zeit ist die der Digitalisierung: Nationalbibliotheken, Stadtarchive, und Fotokünstler - alle sind damit beschäftigt, ihre Schätze zu digitalisieren. Vieles Neue erhält gar keine physikalische Form mehr, sondern wird rein digital produziert und „archiviert“, zum Beispiel als pdf, mp3 oder jpg.
Aber digitale Bestände veralten schnell durch Format- und Hardwareänderungen, zum Beispiel sind in den National Archives der USA ganze Abteilungen unlesbar geworden und bei der NASA wichtige Informationen aus den frühen Jahren verloren gegangen! Digitale Bestände sind nur sicher, solange man sie wartet, also regelmäßig auf Lesbarkeit prüft und bei Bedarf umkopiert und auf aktuelle Formate umwandelt. Digitale Aufbewahrung ist daher wesentlich teurer als die von Papier, weil ständig was zu tun ist. Papier kann man einfach liegen lassen bei guten Bedingungen (Dunkelheit, 18 Grad Celsius und ca. 45% Luftfeuchtigkeit). Im Falle eines Krieges oder einer Umweltkatastrophe können aber (Papier)Archive zerstört werden (ist schon öfters passiert in der Geschichte, z.B. die Bibliothek von Alexandria) und für digitale Wartung könnte auch die benötigten Ressourcen oder das Wissen dazu verloren gehen. Dann verschwindet alles.
Um das Problem richtig zu verstehen, muss man langfristig denken, aber nicht wie ein HODLer, sondern seeehr langfristig: Denn was wird bleiben in Zehntausend Jahren, in einer Zukunft, in der vielleicht nach Atomkriegen oder Asteroideneinschlägen die menschliche Spezies aufgehört hat zu existieren? Oder in einer Zukunft, in der alle Bibliotheken verrottet, Festplatten unlesbar sind und sich auch die digitale Cloud in Nichts aufgelöst und keine einzige Blockchain überdauert hat. Was würde eine neue Zivilisation (oder Aliens) finden, wenn sie in Zehntausend Jahren nach Spuren der Vergangenheit sucht? Diese Gefahr, auch „digital dark age“ genannt, beschäftigt auch andere Institutionen und Archivare. Und so kommt die scheinbar banale Lösung Martin Kunzes in Form von Tontafeln zunehmend ins Gespräch.
Die Lösung
Die Keramikdatenträger im Salzberg sind ein billiger Werkstoff, bessere Badezimmerfliesen aus glasiertem Ton im Format 20x20 Zentimeter, 600 Gramm schwer, frontseitig bedruckt mit Text oder Farbbildern (bis zu 50.000 Zeichen pro Tafel), aber halten eine halbe Ewigkeit - sie überstehen Überflutungen und Brände (bis 1200 Grad) und sind unempfindlich gegen Licht, Druck, Chemikalien, Magnetismus, Radioaktivität und einen EMP. Und selbst wenn sie brechen, bleiben sie lesbar - Scherben zusammensetzen ist das Geschäft der Archäologen.
Außerdem braucht es keine Lese- oder Abspielgeräte, um sie zu verstehen, bloß Sensoren für das für uns sichtbare Spektrum des Lichts (=Augen). Für jede Sprache, die verwendet wird, existiert eine Tafel mit der Auflistung des Alphabets (Übersetzungen sind meines Wissens keine mit dabei, also kein Stein von Rosetta, offenbar will man den Findern die Arbeit nicht zu einfach machen 😊). Daneben gibt es „keramischen Mikrofilm“, mit dem sich bis zu 5 Mio. Buchstaben auf eine Tafel packen lassen, das entspricht 5 Büchern á 400 Seiten! Um die zu lesen, reicht eine 10-fach Lupe.
Warum das Salzbergwerk? Aus geologischer Sicht sind die Hinterlassenschaften dort am sichersten aufgehoben. Ein weiterer Vorteil: Der Gang zur Archivkammer wird sich selbst verschließen, weil der Druck des Bergs das umliegende Gestein aus Salz und Ton in alle Hohlräume fließen lässt. Es bewegt sich ungefähr so schnell, wie Fingernägel nachwachsen. "Nach ein paar Jahrzehnten wird das Archiv völlig verschlossen sein", sagt Kunze.
Das Salz macht den Berg zudem „duktil“: Stöße, Druck, Bewegungen werden abgefedert und so werden Kunzes Tontafeln geschützt wie ein Insekt in Bernstein. Mit den Salinen Austria, den Besitzern des Bergwerks und Betreibern der Salzmine, hat Kunze einen soliden Vertrag abgeschlossen: Das MoM bleibt im Berg, selbst wenn das Unternehmen einmal verkauft werden sollte.
Eingelagert werden Texte und Bilder (Kunze und sein Team arbeiten noch an einer Lösung für die Archivierung von Tonaufzeichnungen). Wie aber auswählen? Was werden künftige Archäologen oder außerirdische Wissenschaftler finden? Zum Beispiel die hundert wichtigsten Objekte des Naturhistorischen Museums Wien, die dieses ausgewählt hatte. Private Texte, Analysen, Berichte oder Verschwörungstheorien. Hochzeitserinnerungen und andere private Dokumente, Gedichte, jeder kann mitmachen und einen Text auf der MoM-Seite eingeben (mit einer Begründung, warum dieser Text archivierungswürdig ist).
Die Zukunft
Und wie findet man das Archiv später, wenn alle Aufzeichnungen (in Papier oder digital) vernichtet sind? Jeder, der weltweit mitmacht, bekommt einen Token (nein, keinen digitalen) zugeschickt – eine Art Schatzkarte aus Keramik, siehe erstes Bild. Darauf ist die Lage des Archivs auf dem europäischen Kontinent abgebildet (und auf der Rückseite der Hallstädter See als landschaftlicher Marker). Ziemlich genial, diese dezentralen Hinweise.
Das Archiv steht noch am Anfang und soll laufend erweitert werden. Erst 50 Kisten sind eingelagert. Ein Großinvestor wird noch gesucht, auch um eine Möglichkeit für Tonaufzeichnungen zur Entwicklungsreife zu bringen.
Ab dem Jahr 2070 sollen sich die Besitzer der Token beziehungsweise deren Nachkommen alle fünfzig Jahre treffen. „Dabei geht es darum herauszufinden, ob sie noch wissen, was in der Kammer liegt und ob Ergänzungen möglich sind“.
Also, liebe Steemianer, wenn ihr einen wirklich wichtigen oder interessanten post habt, dann ab damit ins Salzbergwerk!
Was hält Ihr von diesem Projekt? Bitte schreibt fleissig Kommentare. Nach 7 Tagen werde ich den post zusammen mit den Kommentaren ins MoM schicken!
Zur website: https://www.memory-of-mankind.com/deutsch/
Das ist mein 2.Post zum Thema „Bibliotheken der besonderen Art“
- Teil : Die Babel-Bibliothek
ENGLISH
In a salt mine tourists can visit near Hallstatt in Salzburg, Austria (the oldest salt mine in the world), aside the tourist flows, 500m deep in the mountain, are modern clay tablets stored, printed with text and pictures and should keep the memory of mankind for the next millenia. Honestly, clay tablets??
The Problem
„We constantly produce huge amounts of data, but all of those will not be kept permanently“, says Martin Kunze, founder of the MoM-archive, the „memory of mankind“. „What will be found from us, are kettles with the IKEA-logo or „Made in China“ on it.“ Do we want that? No, concluded Kunze who by profession runs a pottery studio, 5 years ago and since then works feverishly on this mammoth project.
Our time is the time of digitalization. National libraries, municipal archives, artists - all are occupied with digitalizing their treasures. Many newly produced things never get a hard copy, they are saved purely digitally, e.g. as pdfs, mp3s, or jpgs.
But digital content quickly ages due to format- or hardware changes. In the US National Archives whole departments have become illegible and important information from the NASA´s early ages has been lost. Digital content is only safe, if you pemanently check it for legibility and copy or change format if needed. Thus this is more expensive than keeping paper archives. Paper you just can leave alone if you ensure proper conditions (dark, 18 degree celsius and app. 45% air humidity). But in case of a war or environmental catastrophy (paper) archives can get destroyed (like happened in history many times, e.g. the Ancient Library of Alexandria) and digital archives could lose also resources or the knowledge for maintaining them. Then everything is lost.
To get the problem fully, one needs tot hink long-term. Not like HODLers but reeally long-term. What will stay in lets say tenthousand years, in a future where maybe after an atomic war or an asteroid impact mankind no longer exists? In a future where all libraries will been decayed, all hardrives illegible and digital clouds will have dissolved to nothing. And no single blockchain will have persisted. What would a new civilization or Aliens find, if they would dig for the past? This threat, also called digital dark age, keeps also other institutions and archivists around the world busy. And thus the seemingly simple solution of Martin Kunze in form of clay tablets gets increasingly attention.
The solution
The ceramic data storage media are cheap, better bathroom tiles from glazed clay, 20 by 20cm in size, 600g of weight, on one side printed (text, picture, max. 50.000 characters), but last for a half eternity - they survive floods, fires (until 1200 degree celsius) and are not damaged by EMPs, light, pressure, chemicals, magnetism and radioactivity. Even if they break, they stay legible - to fix potsherds is daily business for archeologists.
Also you don´t need sophisticated reading devices to understand them, justs sensors for the optical spectrum of light (=eyes). For each language used, a tablet with a listing of the alphabet is archived as well (but as far as I know there are no translations stored, no stone of rosetta is included (maybe they don´t want to make it too easy for the finders 😊).
There is as well a clay „microfilm“ which can pack up to 5 mio. characters on each tablet - corresponding to 5 books with 400 pages each! To read that you need only a 10-fold magnifier.
Why the salt mine? Geologically this is the safest place. The corridor towards the archive will close itself, because the pressure of the mountain will make the salt flow in every cavity. The salt crawls with about the speed of fingernails growing back. „In a few decades the archive will be completely closed“, says Kunze.
The salt also absorbs pressure, shocks, movements. Kunzes clay tablets (put in clay boxes) will be protected like an insect in amber. With the owner of the mine he has a contract, that garantuees that the archive can stay in the mountain, even if the mine is sold.
Currently Martin Kunze and his team store text and pictures (they are searching for a solution to store audio recordings). But what to choose? What will the future archeologists of alien scientists find?
For example the 100 most important artifacts of the Austrian Museum of Natural Sciences, which have been selected and sent in by the Museum. Private text, analyses, reports, essays or even conspiracy theories. Wedding memories, poems - everybody can contribute and add a text on the MoM web site (with a justification of why exactly this text is worth archiving)!
The future
But how to find the salty clay archive later, when all written or digital documentation about it is gone? Everybody who participates - from all over the world - gets a token (no, not a digital one) sent - a sort of treasure map made of clay (see first pic). On it is the MoM´s location on the European continent depicted (on the backside the close Hallstatt sea as a landscape marker). Quite clever, those decentralized hints.
The MoM is still at it´s start. Only 50 boxes full of clay tablets, were deposited. An investor is still searched for, to finalize the development of the solution for the audio samples.
From 2070 onwards the token owners (or their offspring) shall meet every 50 years. „This is to check, if they still know what is inside the archive or if amendments are needed and feasible“
So , dear Steemonauts, if you have an important post, then off with it to the salt mine!
What do you think about this concept? Please enter any feedback & comments, after 7 days I will enter the post together with its comments to the MoM!
Website: https://www.memory-of-mankind.com/
This is my second post on the theme „libraries of the special kind“
- Part: The library of babel
References:
http://www.sueddeutsche.de/wissen/archiv-der-menschheitsgeschichte-toepfern-fuer-die-nachwelt-1.3481491 (german only)
pics
https://www.focus.de/wissen/mensch/schatzkarte-aus-keramik-unterirdisches-archiv-soll-wissen-fuer-die-ewigkeit-sammeln-und-jeder-kann-mitmachen_id_7135906.html
http://www.hallstatt.net/about-hallstatt/memory-of-mankind-mom-en-us/
!steemitworldmap 47.556372 lat 13.642273 long Memory of Mankind d3scr