Die Geschichte des Ersatzkaffees (das Ersetzens des Hauptbestandteils des Kaffees, der Kaffeebohne, durch durch Rösten billigerer und heimischer Stoffe) ist so alt wie Kaffee selbst. Schon die alten Ägypter hatten Getränke aus geröstetem Getreide. Aber anders als etwa Tabak, gibt es keinen Kaffeeanbau in der nördlichen Erdhalbkugel, daher waren Kaffebohnen schon immer exotisch, relativ teuer und manchmal einfach nicht verfügbar, besonders in Kriegszeiten.
Je mehr sich das Kaffeetrinken verbreitete (zuerst nur in den obersten Kreisen, im 17. Jahrhundert entstanden in Europa dann die ersten Kaffeehäuser, aber nur Männer verkehrten dort zunächst), umso größer wurde auch die Kritik daran (teurer, belastet die Handelsbilanz(!), gesundheitsschädlich, macht impotent, usw.).
An die Stelle des teuren Importprodukts traten inländische und gesunde Ersatzstoffe für eine sparsame familiäre Kaffeejause, teilweise gefördert von den jeweiligen Herrschern bzw. Regierungen oder einfach aus ökonomischem Zwang heraus. Denn verzichten auf dieses Luxusgetränk und zugleich Statussymbol und auf seine aufmunternde Wirkung wollte man nicht.
Aus Lupinen, Eicheln, Bucheckern, Mandeln, Karotten (Möhren) und Kastanien, aus Roggen, Gerste und Hafer, aus Hagebutten, Kletzen, Feigen und anderen Früchten, auch aus Rüben und Kartoffeln und vor allem aus den bitter schmeckenden Wurzeln der Zichorie wurde Kaffee gemacht.
Die gemeine Wegwarte oder Zichorie wächst an vielen Wegrändern wild. Dass sich ihre zwischen 650 und 1000g schweren Wurzeln (die der Zuckerrübe ähneln) als Kaffeeersatz eignen, wurde bereits früh erkannt. Sie werden im Oktober und November geerntet, zerkleinert und getrocknet. Die Schnitzel werden geröstet (trocken erhitzt, ca. 300 Grad Celsius), gemahlen und gedampft. Als Kaiser Napoleon I. von 1806 bis 1813 gegen England ein Importstopp verhängt hatte, gelangten fast keine Kaffeebohnen mehr auf das europäische Festland, was Kaffee für die meisten Menschen unerschwinglich machte. In der Folge hatte der Zichoriekaffee eine Hochblüte.
Tipp für Survivalisten: Auch aus den Wurzeln des Löwenzahns, der mit der Zichorie botanisch verwandt ist, kann ein kaffeeähnliches Getränk hergestellt werden.
Übrigens, in Frankreich nannte man den falschen Kaffee “Moka Faux” (falscher Kaffee). Daraus wurde in Deutschland ab 1870 der “Muckefuck” (so zumindest eine gängige Theorie, es gibt auch andere über die Entstehung diesen bizarren Wortes, das ich als Österreicher bis vor kurzem gar nicht kannte!). Auch „Preußenkaffee“ hieß es oft, wegen der besonders rigorosen Bekämpfung des Bohnenkaffees durch König Friedrich II. Die Schweizer hatten das Wort „Päckli-Kaffee“, weil der Ersatzkaffee abgepackt verkauft wurde, im Unterschied zu den damals noch offen verkauften Kaffeebohnen (die man sich erst zu Hause selbst röstete).
Der Ersatzkaffee sparte Devisen, und er war vor allem viel billiger als der Bohnenkaffee. Er wurde so zu einem Hauptgenussmittel der Unterschichten vom späten 18. Jahrhundert bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Zusammen mit Kartoffeln und Branntwein bildete er die klassische und viel kritisierte Trias der Nahrung der Industriearbeiter und städtischen Unterschichten im 19. Jahrhundert.
Hier wird Exotik suggeriert, die größten Zichorienanbaugebiete waren aber in Böhmen (heutiges Tschechien). |
Man beachte die Rollenverteilung - für mich völlig normal, aber so ein Sujet würde heute nie die gender-Zensur überstehen! |
Durch den 1. Weltkrieg ging der Nachschub an Kaffeebohnen zurück, so dass man relativ bald dazu überging, diesen zu strecken, zunächst nur mit Karamell (also geröstetem Zucker), dann mit Getreiden. Ein übliches Rezept lautete: „Die Mischung bestand aus fünf Prozent Bohnenkaffee (zunächst zehn Prozent), fünfzehn Prozent Lupinienmehl und zehn Prozent Eichelmehl (von den zunächst zehn Prozent Zuckerrübenmehl war nicht genug aufzubringen) sowie 70 Prozent Karamell (zunächst 80 Prozent).“ Die Herstellung großer Karamellmengen wurde durch eine österreichische Erfindung erleichtert - die Behandlung des Rohzuckers mit einer einprozentigen Salzsäure. Denn auch die Kohle begann knapp zu werden und wurde rationiert - durch die Zugabe der Salzsäure als Katalysator war die Karamellisierung mit weniger Energieaufwand durchführbar.
Der Krieg führte aber auch zu einer strengen Getreidebewirtschaftung (schon drei Monate nach Kriegsbeginn wurde per Reichsgesetzblatt eine Reduktion von Weizen- und Roggenmehl im Brot angeordnet). Für die Kaffeeerzeugung wurde schliesslich kein Getreide mehr zugeteilt. Es gab daher keine Ausgangsprodukte mehr für guten Ersatzkaffee. Auch Feigen und Zichorien gingen zur Neige. Die Ernährungswissenschaftler waren gefordert. "Die Kaffeeersatzstoffe wurden ersetzt durch noch billigere, irgendwie röstbare Körner, Fasern und Rinden". Ersatzkaffeesorten, in denen kein Getreide mehr enthalten war, wurden unter den vielsagenden Marken „Soso“ und „Krika“ (eine vom Ernährungsamt für die Zivilbevölkerung vorgeschriebene Bezeichnung) auf den Markt gebracht. Es wurde Ersatz vom Ersatz produziert, aber die Leute tranken diese Getränke nach wie vor wie Kaffee.
In Restaurants und Kaffeehäusern wurden die Zuckerstreuer behördlich verboten, da auch Zucker zur Neige ging. Wer aber seinen ErsatzKaffee dennoch versüßen wollte, durfte Zucker von zu Hause mitbringen (falls er welchen hatte)!
Erst 1920 besserte sich die Lage wieder. Aus einer Verbrauchsstatistik aus der Zwischenkriegszeit (Verbrauch pro Person und Jahr 23,9 Liter Bohnenkaffee und 90 Liter „Kaffeemittel“) geht hervor, dass Bohnenkaffe zwar wieder verwendet wurde, aber Ersatzkaffee nach wie vor dominierte.
1931, am Höhepunkt der Arbeitslosigkeit, warb man etwa: „Dem Arbeiter ein kräftiges Frühstück, das gut schmeckt, nicht viel kostet: natürlich den echten Kneipp Malzkaffee.“
Im zweiten Weltkrieg hatte man gelernt und vermied Benennungen wie Kriegskaffee, Krika oder Soso wie im Ersten Weltkrieg, die Assoziationen an billige Inhaltsstoffe oder Not hätten erwecken können. Man schuf für den zivilen Bereich die neue Marke „Linde’s Kaffeemittelmischung“ und für die Wehrmacht die „Großküchenmischung“, die so erfolgreich waren, dass Linde’s, später einfach „Linde“, zur Hauptsorte auch nach 1945 und im Wirtschaftsaufschwung der 1950er Jahre wurde. In der deutschen Nachkriegszeit blieb Bohnenkaffee noch eine Zeitlang Mangelware. In Gaststätten wurde auf der Getränkekarte Ersatzkaffee als „Deutscher Kaffee“ geführt. Als der Bohnenkaffee bei steigendem Wohlstand in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts deutlich billiger wurde, verschwand der Ersatzkaffee zunehmend aus der Werbung und den Regalen. Um 1960 bestand nur noch ein Drittel des in Mitteleuropa konsumierten Kaffees aus Ersatzkaffee. Den Kornkaffee mit Zichorie von Linde „mit Kneipp Malzkaffee“ (ein Originalrezept für Malzkaffee stammte noch von Kneipp selbst) gibt es aber auch heute noch zu kaufen (als Marke des Nestle-Konzerns).
Der Marktführer bei Ersatzkaffee, die Firma Franck, wechselte nach 1945 durch Gründung der Firma Laevosan auf die Fructosegewinnung aus der Zichorie (Laevulose) für medizinische Anwendungen wie etwa Infusionen und wurde dann von der Firma Fresenius aufgekauft.
Der in der DDR chronisch herrschende Bohnenkaffeemangel wurde 1976 akut (DDR-Kaffeekrise) und löste Proteste und Ansehensverluste beim DDR-Regime aus. Angeblich 20-25% des Kaffeebedarfs deckten Geschenke durch Verwandte im Westen (die "Westpakete"), sodass Kaffee auch ein wichtiges innerdeutsches Verständigungssymbol wurde.
So, nach all dem brauche ich jetzt eine gute Tasse starken Kaffee (mit 100% Bohnen). Wenn Ihr Euren nächsten trinkt, trinkt ihn bewusst und denkt dran, dass sicher manche Eurer Vorfahren darauf verzichten mussten.
Referenzen:
http://diepresse.com/home/science/4640564/Erster-Weltkrieg_Kriegskaffee-Teesurrogat-und-Kartoffelbrot
https://de.wikipedia.org/wiki/Kaffee%C3%A4hnliches_Getr%C3%A4nk
http://industriegeschichte.at/Betriebe/Franck/Franck_10.html
Bilder:
https://bowmoredarkest.wordpress.com/2013/10/10/muckefuck/
https://picclick.de/sammeln-seltenes/reklame-werbung/werbeartikel/etiketten/?page=41
http://www.f1online.de/de/bilder-fotos/lightbox:234y59i26p13.html?enlarge=true