Liebe Steemianer,
mich haben immer schon Redewendungen oder historische Begriffe und ihre Herkunft fasziniert, die teilweise bis ins Mittelalter und darüber hinaus zurückreicht. Ihre Bedeutung verrät oft auch viel über die Lebensweise unserer Vorfahren oder bestimmte Bräuche, die heute längst verschwunden sind und nur durch die Verwendung in der Sprache erhalten geblieben sind (z.B das Fettnäpfchen)!
Heute verwenden wir diese wie selbstverständlich (noch), meist ohne über ihre Herkunft nachzudenken.
Beispiele?
- "etwas auf dem Kerbholz haben"
Kerbhölzer wurden über Jahrhunderte benutzt als primitive Buchführung für Waren, Schulden, gezahlte Abgaben, etc., sozusagen als Schuld- und Lieferscheine, für deren Benutzung man nicht lesen können musste. Es handelte sich dabei meist um Holzleisten, die eingekerbt und danach der Länge nach gespaltet wurden, sodass beide Teile identische Kerbmuster hatten. Zum Abgleich wurden die Hölzer aneinandergelegt. Passten die Kerben der Hölzer nicht zusammen, hatte einer der beiden Vertragspartner geschummelt. Sozusagen eine blockchain in Holz mit nur 2 Knoten. Wer also Schulden gemacht oder Lieferungen und Arbeitsleistungen noch nicht beglichen hatte, der hatte etwas auf dem Kerbholz.
Als man dazu überging (als die meisten Leute lesen konnten), auf einer Kreidetafel Schulden zu vermerken (z.B. im Gasthaus oder Krämerladen), entwickelten sich dann andere Redewendungen ("in der Kreide stehen" oder "jemandem etwas ankreiden")!
andere interessante Beispiele:
- "jemandem einen Bärendienst erweisen" (Ursprung)
- "jemandem auf den Leim gehen" (Ursprung)
- "sich etwas durch die Lappen gehen lassen" (Ursprung)
- "ins Fettnäpfchen treten" (Ursprung)
- "bis zur Vergasung" (dessen Ursprung übrigens nicht die Nazi-Gaskammern sind)
Mir fällt auf, dass viele Redewendungen von den heute aufwachsenden Kindern kaum noch benutzt, oft nicht einmal passiv erinnert werden, sodass in der nächsten Generation die deutsche Sprache (abgesehen von den Anglizismen) deutlich verarmen wird. Hauptgrund ist vermutlich, dass viel weniger gelesen wird als früher und die Reichhaltigkeit der Sprache in den sozialen Medien...ich erspare mir den Rest, Ihr wisst ohnehin, worauf ich hinauswill.
Und die Ohrfeige (Backpfeife, Maulschelle, Watsche, Tachtel,...)?
Deren Ursprung kommt vom Ohr als ursprünglicher Zielort der Ausführung - Feige bezieht sich vermutlich auf die Schwellung am Ohr nach Erhalt einer.
Quelle
Variation der Ohrfeige oder vielmehr kreative Ausgestaltung der Androhung einer solchen ist der sog. Watschenbaum:
"Du rüttelst heute schon den ganzen Tag am Watschenbaum!"
Erklärung: "Der Watschenbaum, das ist kein Baum, er tut nur so. Der Watschenbaum ist ein fester Arm, und was fünffingerig dranhängt, daraus macht man die Watschen."
Wilhelm Busch beschriebt die Ohrfeige äusserst "treffend" so:
Hier strotzt die Backe voller Saft;
Da hängt die Hand, gefüllt mit Kraft.
Die Kraft, infolge der Erregung,
Verwandelt sich in Schwungbewegung.
Bewegung, die in schnellem Blitze
Zur Backe eilt, wird hier zu Hitze.
Die Hitze aber, durch Entzündung
Der Nerven, brennt als Schmerzempfindung
Bis in den tiefsten Seelenkern,
Und dies Gefühl hat keiner gern.
Aber woher kommt die Ohrfeige selbst (wie immer sie früher geheissen hat)? Wer hat sie zum ersten Mal eingesetzt? War es überhaupt der moderne Mensch oder hat schon der Homo erectus geohrfeigt? Wir werden es nie erfahren. Der Begriff scheint erst im 19.Jhd. etabliert worden zu sein, aber ich hörte einmal Folgendes: Im Mittelalter, als es noch keine öffentlichen Schulen gab, sollen Ohrfeigen als probate "Gedächtnisunterstützer" benutzt worden sein, in dem Sinn, dass immer wenn der Sohn sich was nicht gemerkt hatte, was ihm der Vater vortrug oder mitteilte, er eins aufs Ohr bekommen hatte. Auch lernresistente Schüler begreifen irgendwann, dass es langfrisitg vorzuziehen ist, sich das Gesagte zu merken.
In Deutschland ist die Ohrfeige erst seit 2010(!) strafbar. Die gesundheitlichen Risken können beträchtlich sein. In Extremfällen können Ohrfeigen bei Kindern und Jugendlichen zu einem Schädel-Hirn-Trauma und zu bleibenden Hirnschäden mit Behinderung führen.
Es gibt übrigens auch "verbale Ohrfeigen" und "non-verbale" erst recht (zB die, die Merkel vonTrump erhielt), wenngleich man heute kaum noch sagt "Fühlen SIe sich geohrfeigt!".
Zum Abschluß ein Witz aus dem 18.Jhd.:
"Ein Büblein klagte seiner Mutter: "Der Vater hat mir eine Ohrfeige gegeben." Der Vater aber kam dazu und sagte: "Lügst Du schon wieder, willst noch eine?"
Surftipp: http://www.redensarten.net/
http://www.redensarten.net/etwas-auf-dem-kerbholz-haben
https://de.wikipedia.org/wiki/Ohrfeige
https://de.wiktionary.org/wiki/Watschenbaum
http://www.worldcat.org/title/geistlicher-taschen-humorist-ein-unterhaltungsbuchlein-fur-seelsorger-prediger-katecheten-nicht-minder-fur-schullehrer-familien-und-jeden-freund-einer-angenehmen-und-nutzlichen-lekture/oclc/162736465