Liebe Steemianer (und alle anderen),
viele Wiener wissen gar nicht, dass nicht der 23-stöckige "Ringturm", der 1956 fertiggestellt wurde, sondern - versteckt in der Herrengasse - der älteste und dezenteste "Wolkenkratzer" (so wurde er damals genannt) Wiens steht, das "Hochhaus Herrengasse".
Es stammt aus dem Jahr 1932, und ist 53m hoch, mit 16 Stockwerken und 235 Wohnungen. Errichtet wurde es auf einem Grundstück, dass der Familie Liechtenstein gehört hatte und auf dem neben einem Familienpalais auch der sog. Bösendorfersaal stand.
Die Architekten Theiß & Jaksch erhielten den Auftrag durch Direktvergabe, nach jahrelangen Rangeleien der Parteien (Christlichsoziale gegen Sozialdemokraten) und Änderung der Bauordnung extra für dieses Vorhaben.
Während der Bauarbeiten 1931, für den Hochhausteil wurde ein Stahlskelett verwendet. Links im Hintergrund der Stephansdom
Es wurde damals nur noch vom Stephansdom überragt, die Planer waren aber extrem vorsichtig und es wurden z.B. die obersten Geschoße abgestuft, um nicht zu stark in das Stadtbild der 1. Bezirks einzugreifen (den Eliten heute ist das Stadtbild übrigens völlig egal, siehe Debatte um das umstrittene Hochhausprojekt am Heumarkt, dessentwegen Wien auf der roten Liste des gefährdeten Welterbes steht).
Die Architektur des Gebäudes gehört mit ihrer Klarheit der „Neuen Sachlichkeit“ an.
Stiegenaufgang, könnte auch von einem Haus aus dem 21. Jhd sein!
Das Hochaus in der Herrengasse war 1932 eine kleine Revolution, zumindest für das damalige Wien, und wie man sich vorstellen kann, gab es viele Kritiker, wie generell alles Neue immer kritisiert wird, besonders in Wien (später ist dann alles wunderbar und schön 😊). Die Gegner sprachen von "krassem Amerikanismus" oder dass "das Profil der Herrengasse, eine der schönsten Gassen Wiens, völlig zerfetzt würde". Das ist aber nicht korrekt, da durch die geschickte Planung das Haus in der unmittelbaren Umgebung nicht höher als die benachbarten Gebäude erschien, somit integrierte es sich perfekt in seine Umgebung und gilt daher auch als "unsichtbar".
Blick von der Burggasse, Höhe Volkstheather
Gleichzeitig war das Gebäude ein Symbol für Fortschritt und Bekenntnis zur modernen Stadt und Lebensweise.
Das Konzept mit vielfältigen Serviceeinrichtungen innerhalb des Gebäudekomplexes war für damals sehr innovativ. Aus einer Beschreibung von 1933:
"Frauen können Gebäck und Delikatessen einkaufen, Milch bestellen, Nachthemden bestellen, Möbelstoffe aussuchen, Möbel aussuchen, Photographien hin- und zurückbringen, ein Buch besorgen, alles im Haus. […] ein Studio für Hüte im sechsten Stock, man kann im siebenten turnen, sich im siebenten der Gesichtspflege befleiszigen, sich im sechsten psychologisch analysieren lassen..."
Ebenfalls revolutionär damals: Fast die Hälfte der 225 Wohnungen waren für Singles konzipiert - sogenannte Ledigenwohnungen. Es stellte sich heraus, dass sie, obwohl sehr teuer, extrem begehrt waren (alle waren vergeben noch vor Baubeginn!), daher wurde das Konzept aufgegriffen und es entstanden danach noch viel mehr kleinere Wohneinheiten. Kein Wunder - Singles hatten bis dahin nur die Möglichkeit, in möblierten Untermietzimmern zu wohnen, unter Verzicht von Privatsphäre (Mieter wohnte nebenan).
Diese Single-Wohnungen hatten nur eine (elektrische! - damals brandeu) kleine Kochgelegenheit im Vorraum, aber keine Küchen. Es war geplant, das nicht gekocht würde, sondern das Essen konnte man über einen Abonnementdienst vom im Dachgeschoß untergebrachten Restaurant beziehen (diese Idee wurde aber nie sehr gut angenommen). Es gab auch ein hauseigenes Wäschereiservice.
Im Inneren einer "Ledigenwohnung"
Das Junggesellendasein kam damals erst so richtig auf und galt als neuzeitgeistliche Modeerscheinung. Die Ledigenwohnungen hatten zu Beginn auch etwas "Anrüchiges", lasterhaftes an sich und die Zeitungen schlachteten das Thema dementsprechend aus.
Als Sensation galten auch die Schnellaufzüge, mit denen man im Nu zu einer Wiener Melange fahren konnte auf der Dachterasse, mit herausragendem Ausblick auf Wien.
Das Kaffeehaus "Sterngucker" war nach einem anfänglichen Ansturm aber nie sehr erfolgreich (es war seehr teuer und hatte bald den Ruf, dass nur "Neureiche" dort hingingen) - in der 1960er Jahren wurde die obersten Stockwerke schließlich zu Wohnungen umgebaut.
Viele Schauspieler und andere Künstler zogen hier ein. Unter anderem hatten Gunter Phillip, Susi Nicoletti, Paula Wessely und Curd Jürgens im Hochhaus Herrengasse gewohnt. Auch heute noch sollen hier viele Künstler wohnen.
Das „unsichtbare Haus“ ist nur von einigen Punkten in Wien sichtbar, wie z. B. vom Turm der Minoritenkirche mit Blickrichtung zum Stephansdom (siehe erstes Photo) oder von der Burggasse (drittes Photo). Das Gebäude mit seinen derzeit 170 Bestandsobjekten befindet sich seit Generationen im Privateigentum, und ist rundum ein ungewöhnliches und sehr interessantes Haus in Wiens Innerer Stadt.
Quellen (inkl. Bilder):
https://magazin.wienmuseum.at/hochhaus-herrengasse
https://de.wikipedia.org/wiki/Hochhaus_Herrengasse