Manchmal tendieren wir Menschen dazu, etwas Neues erst einmal als etwas Schlechtes zu sehen, bevor wir uns wirklich damit auseinandersetzen und versuchen, es bis ins letzte Detail zu verstehen. Das ist auch viel einfacher und man hat immer viele Leute auf seiner Seite, nicht wahr? Ich muss gestehen, dass ich auch manchmal so einer bin, der das Meckern dazu nutzt, der Wahrheit Schritt für Schritt näher zu kommen. Wäre ja auch schade, wenn wir das gar nicht mehr tun würden und immer alles abnicken und gutfinden würden, was das System uns entgegenwürfelt.
Die 19. harte Gabel hat uns ganz schön aufgegabelt, könnte man meinen, aber ist das wirklich so und woher kommt es, dass der Mensch sich darüber beschwert, wenn man ihm auf einmal die vierfache Voting-Stärke zukommen lässt? Ich glaube, einige Antworten darauf jetzt gefunden zu haben und möchte euch meine Gedanken dazu hiermit mitteilen.
Die Gabelung zu einem neuen Weg
Vor der HF19 war es auf Steemit so, dass man 40 volle 100%-Votes geben konnte, ohne die täglich vorhandenen 20% der gesamten Voting-Power (VP) zu überschreiten. Für die Neulinge: 20% deiner VP laden sich in 24 Stunden wieder auf, d.h. es dauert 5 Tage, um von 0% wieder auf 100% zu kommen, wenn man in dieser Zeit gar nicht mehr votet.
Die Frage ist aber, ob man das früher nur konnte oder auch musste! Das beste Ergebnis, was die Einnahmen durch Kuration betrifft, erzielt man natürlich nur, wenn man täglich die vorhandene Power auch voll (mindestens zu 20%) ausschöpft. Jemand, der ständig über 80% Voting-Power liegt, kann diese Bedingung natürlich nicht erfüllen und lässt sich damit einige Einnahmen und Einfluss auf Einnahmen anderer Steemians entgehen.
Wenn man sich jetzt mal in einen in Vollzeit arbeitenden Menschen hineinversetzt, der gestresst von der Arbeit kommt, sich am Abend noch um seine Familie kümmern muss/möchte und eindeutig zu wenig Zeit hat, um dann noch mal eben 40 Votes hier reinzuballern, sieht man einen der wesentlichen Gründe, welche für die HF19 sprechen. Diese Leute müssen jetzt nur noch 10 Votes abgeben und haben trotzdem in etwa denselben Einfluss wie früher. Es ist also eine Art von Optimierung, die auch eine große Zeitersparnis mit sich bringt.
„Nein!“ werden jetzt einige sagen, denn „vorher wurden meine Votes ja automatisch von Accounts kopiert, denen ich vertraue.“ Von diesem „ich kopiere einfach alles, was du magst, da du sowieso immer alles gut machst“-Denken halte ich persönlich nicht viel und auch die harte Gabel mochte so ein Verhalten gar nicht. Zu Recht, wie ich finde. Allerdings ist das im Prinzip immer noch möglich, wenn man weiß, wie man das umsetzt und in bestimmten Fällen macht es durchaus auch Sinn, aber das ist ein anderes Thema.
Aber ich will doch alles geben
Die Meisten von uns wurden so erzogen, immer alles, also 100% zu geben. Die Entscheidung, einem anderen Menschen nur 25% zu geben, obwohl dieser alles richtig gemacht hat, erscheint aus menschlicher Sicht so, als würde man einem guten Schüler in der Schule, der alle Fragen im Test richtig beantwortet hat, eine 4 geben. Von diesem Denken müssen wir weg, auch wenn es manchmal wirklich schwer fällt! Man sollte dankbar für jeden Vote sein, den man erhält.
Solange sich jemand durchschnittlich im Bereich unterhalb von 81% VP bewegt, gibt es an einem schwächeren Vote nichts auszusetzen, denn dieser Mensch gibt bereits alles, was ihm täglich zur Verfügung steht, um Einfluss auf die Steem-Welt zu nehmen. Man sollte versuchen, das nicht persönlich zu nehmen und sich einmal in die Lage der sehr aktiven Voter versetzen. Soll jetzt nur noch 10 starke Votes pro Tag abgeben und den Rest der Community ignorieren? Da wäre das Geheule sicher wieder groß.
Wenn man das Gefühl hat, dass man zu wenig Power pro Tag zur Verfügung hat, sollte man sich einen Plan erstellen, der einem mehr Votes mit geringerer Stärke ermöglicht. Man könnte z.B. nur 8 mal 100% für Artikel geben und für 8 Kommentare 25%. Ich bin auch selbst noch dabei, das Optimum für mich zu finden und werde dazu demnächst mal einen neuen Post machen. Hier hat man tatsächlich seit der HF19 etwas mehr nachzudenken und kann nicht einfach drauf los voten, aber wie gesagt, es ist immer alles eine Sache des richtigen Plans.
Qualität muss gut belohnt werden
Dieser Punkt bereitete mir die meisten Schwierigkeiten. Bis vor Kurzem war ich auch der Meinung, dass es nur um Qualität auf Steemit gehen sollte, aber ich denke inzwischen anders. Natürlich sollte gute Arbeit gut belohnt werden, aber heißt das im Umkehrschluss, dass weniger gute Arbeit nicht mehr belohnt werden sollte, weil z.B. ein Komma vergessen wurde oder derjenige des Schreibens grundsätzlich nicht so mächtig ist wie einige sehr Begabte auf diesem Gebiet?
Wenn dein Haus brennt, du nichtsahnend im oberen Stockwerk aus dem Fenster schaust und einen begrenzt sprachlich versierten Menschen grammatikalischen Müll schreien hörst wie: „Alda, deine Mudda Haus brennd wie Hule gewesen, raus die Bude!“ Würdest du ihm zuhören und dein Haus verlassen oder lieber verbrennen, weil das kein 1er-Schüler war?
Sind wir nicht alle irgendwie das Schulsystem Leid, in dem die perfekten Auswändig-Lerner als bessere Menschen erscheinen gegenüber den Leuten mit weniger Bildung, aber einem großen Herz? Was das betrifft, bin ich auf jeden Fall für mehr Gleichgewicht und Gerechtigkeit, denn jeder hat nun mal andere Stärken und Schwächen. Die positiven Effekte auf unsere Welt muss man sehen und nicht immer nur die 100%ige Perfektion bei der Erfüllung eines bereits definierten Gedanken.
Früher war alles besser
Nur weil der Reward-Pool an seine Grenzen kam und der Steem-Kurs sich für diesen Boden sehr viel Zeit nimmt, heißt das noch nicht, dass früher alles besser war! Mittlerweile bin ich wieder sehr positiv gestimmt und jetzt, wo ich die Gründe für die HF19 besser verstehe, freue ich mich darüber sagen zu können, dass die Entwickler und Weiterdenkenden hier wirklich große Arbeit geleistet haben.
Über die linearen Rewards kann man sich streiten, aber es ist in meinen Augen ebenfalls die gerechtere Variante, so wie es jetzt ist. Wenn jemand hier z.B. 100.000 $ von seinem eigenen Geld der Community zur Verfügung stellt, so sollte er auch an der Menge seines Einsatzes gemessene Rewards erhalten, so wie es seit der Gabel der Fall ist. Es sollte ja schließlich in unserem Interesse liegen, neue Investoren für diese wunderbare Plattform anzulocken und diese vor allem auch als zufriedene Unterstützer zu behalten.
Der Codename der HF19 lautet übrigens „Equality“, was übersetzt „Gleichheit, Gerechtigkeit“ bedeutet ;)
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