Kryptoeuphorie
2017 war das Jahr der Rekorde für Kryptowährungen: Der BitCoin-Preis wird voraussichtlich am Ende des Jahres zehnmal so hoch stehen wie am Anfang. Aus diesem Anlass wird das Digitalmagazin tn3 am 29. November 2017 eine Ausgabe mit dem Titel Die goldene Ära der Blockchain veröffentlichen. Ich werde mir dieses Heft auf jeden Fall kaufen, weil ich es mir einrahmen und späteren Generationen davon erzählen möchte. Deswegen war ich eben in einer Bahnhofsbuchhandlung meines Vertrauens, um zu sehen, ob das Magazin dort geführt wird.
Kryptoangst
Ich hatte Glück. Da die aktuelle Ausgabe dort ausliegt, habe ich mir die Beiträge zum Thema Kryptowährungen und Blockchain gleich angeschaut. Zu meiner Überraschung ist der Ton der Beiträge recht nüchtern. In einem Artikel werden ICOs mit der Dot-Com-Blase der späten 90er-Jahre verglichen, an anderer Stelle raunt der Gründer eines digitalen Bankhauses eine baldige Konsolidierung im Kryptobereich herbei, weil die Werte zu schnell und unnatürlich hoch gestiegen seien.
Wenn es nach den Kryptomahnern geht, steht den Kryptowährungen der finale Crash unmittelbar bevor. Das ist dann gleichzeitig der Samenerguss aller, die es schon immer gewusst haben (Fotoquelle: Pixabay).
Blasen- und Crashrhetorik
Da ich bei einem für mich wichtigen Thema immer darauf achte, möglichst auch Meinungen zu lesen, die meiner diametral entgegenstehen, sind mir derartige Verlautbarungen nicht fremd. Kurz zusammengefasst: der Markt ist überbewertet, der Crash ist nicht nur unumgänglich, er steht sogar unmittelbar bevor. Ich möchte diesem dumpfen Raunen des deutschen Blätterwaldes ein anderes Szenario entgegenhalten, weil ich davon ausgehe, dass viele der Kommentatoren bestimmte mathematische Grundlagen ignorieren und dadurch unnötigen Trugschlüssen aufsitzen.
Grundlegendes
Zunächst möchte ich den englischen Begriff Crash eindeutschen und konkretisieren. Damit ist nach meinem Verständnis eine Konjunkturüberhitzung gemeint. Ein solches Heißlaufen kann Einzelunternehmen, ganze Volkswirtschaften, Erdteile oder auch die ganze Welt ereilen. Das wohl bekannteste Beispiel trug sich an der New Yorker Börse während einer verheerenden Woche Ende Oktober 1929 zu. Doch auch unsere Zeit kennt diese Szenarien: die subprime mortgage crisis von 2007 - 2010 oder das Platzen der spanischen Immobilienblase im Jahre 2007. Ich bin kein Volkswirt, aber all diesen Beispielen war gemein, dass ein bestimmter Teil der Wirtschaft aufgrund von Verbraucherkrediten unnatürlich gewachsen ist, bevor es zum Dominoeffekt aus Kreditausfall und ausbleibenden Verkäufen gekommen ist. 1929 standen die Hersteller von Waren aller Art plötzlich vor dem Abgrund, weil der auf Pump finanzierte Konsum unvermittelt einbrach und sie vor vollen Warenlagern standen. Ähnlich ist es auch dem deutschen Automobilhersteller Borgward ergangen: Bei einer zu großen Modellpalette reichte im Grunde eine einzige schlechte Exportsaison im Jahr 1960 aus, um den fünftgrößten deutschen Autobauer zu zerstören. Bei Immobilienkrisen ist es häufig ähnlich: ein zu großes Angebot an Immobilien steht einer zu kleinen oder zu zahlungsschwachen Käuferschaft gegenüber.
Der Unterschied zu Krypto im Jahre 2017
Allen oben geschilderten Beispielen ist ein Merkmal gemein: Marktsättigung. Mit anderen Worten: faule Kredite führen nicht in die Krise, wenn nur ein paar Schuldner zahlungsunfähig werden. Der Kreditausfall wird zu einem bestimmten Prozentsatz sogar von den Bankhäusern eingepreist und in Form von Gebühren auf die Allgemeinheit abgewälzt. Genauso ist die südeuropäische Immobilienkrise nicht entstanden, weil zwei oder drei Ferienwohnungen zu viel gebaut wurden, sondern zehn Tausende. Ebenso verhielt es sich mit dem Enron-Debakel im August 2000. Man war an einem Punkt angekommen, an dem jeder Taxifahrer und jede Putzfrau Aktientipps gegeben hatte und breite Bevölkerungsschichten investiert hatten. Den Deutschen dürfte die Telekomaktie noch in traumatischer Erinnerung sein: Popularisiert durch Werbespots mit dem berühmten Musiker und Schauspieler Helmut Krug (möge er in Frieden ruhen), sind viele Kleinanleger bei der Telekom eingestiegen ohne sich der Risiken bewusst zu sein. Aktienkäufe waren zu dieser Zeit zum Volkssport geworden. Als es mit der Telekomaktie steil bergab ging, ergriff viele Kleinanleger Panik und sie veräußerten ihre Papiere und realisierten zum Teil dramatische Verluste. (An dieser Stelle sei mir die Randnotiz gestattet, dass jeder, der seine Aktie damals einfach gehalten hat, bis heute mit Dividenden und allem Drum und Dran ein besseres Ergebnis erzielt hätte als die meisten Festgeldsparer.) All diese Beispiele zeigen meines Erachtens, dass man eine gewisse Marktsättigung braucht, um einen Crash auszulösen.
Man mag auch an die Knallgasprobe aus dem Chemieunterricht denken: Wenn die Wasserstoffkonzentration im Reagenzglas nicht hoch genug ist, dann knallt es nicht. Die Crashpropheten müssen sich also diese Frage gefallen lassen: Ist der Kryptomarkt saturiert?
Auch wenn's wehtut: ein bisschen Mathematik
Ich beobachte gern Menschen und ihr Verhalten. Das gilt insbesondere für ihre Reaktion auf Kryptowährungen als soziologisches Phänomen. Ich unterhalte mich also mit vielen jungen Menschen, häufig mit akademischem Hintergrund und frage sie, ob sie schon von Kryptowährungen gehört haben und ob sie investiert haben und wenn ja, wieviel. Im Ergebnis gehe ich davon aus, dass momentan maximal 1,5% der deutschen Bevölkerung Kryptowährungen besitzen. Marktsättigung sieht anders aus. Wenn man diese Zahl zur Grundlage nimmt, kann man endlich in einige wichtige mathematische Theoreme einsteigen, die uns verdeutlichen, wie weit der große Crash noch weg ist. Für mich sind die Exponentialfunktion und die Gaußsche Normalverteilung hier von fundamentaler Bedeutung. Letztere wird häufig dazu herangezogen, um die Verbreitung von Trends in der Gesellschaft zu illustrieren.
Die Gaußsche Normalverteilung wird benutzt, um zu beschreiben, wie insbesondere technologische Innovationen sich in der Gesellschaft verbreiten (Fotoquelle: Wikipedia.org).
Folgt man diesem Modell, dann befinden sich Kryptowährungen mit einer Verbreitung von unter 2,5% noch immer in der Pionierphase. Rein mathematisch ist das Fortschreiten in die Phase der early adopters frühestens im Jahr 2018 denkbar. Die frühe Mehrheit könnte dann 2019 und später nachziehen. Gleichzeitig sollte man die Exponentialfunktion betrachten.
In seinem Buch The Tipping Point versucht der amerikanische Autor Malcolm Gladwell zu beschreiben, wie sich bestimmte Phänomene in menschlichen Populationen verbreiten. Dazu gehören sowohl technische Neuerungen wie soziale Netzwerke als auch Seuchen oder ähnliches. Wie in der Grafik oben zu erkennen ist, beginnt die Exponentialfunktion ab einer Verbreitung von circa 3% nach oben "auszubrechen". Hier ungefähr liegt der Tipping Point. Es gibt natürlich keinerlei Garantie dafür, dass eine Idee sich durchsetzt. So können die Einschätzungen der Pioniere erheblich von denen der early adopters abweichen und deren Ideen wiederum können erheblich von denen der frühen Mehrheit abweichen. Es gibt also keine Garantie, dass Kryptowährungen sich durchsetzen. Wenn das allerdings passieren sollte, dann steht uns eine starke Beschleunigung der Adoptionsrate unmittelbar bevor.
Inspiriert von Gladwells Buch nannte die amerikanische Band The Roots ihr sechstes Studioalbum The Tipping Point. Vermutlich stellte die von Scott Storch produzierte Hit-Single "Don't Say Nuthin'" den Tipping Point der Gruppe dar: Den Punkt, an dem 3% der Amerikaner The Roots als großartige Gruppe wahrnahmen.
Fazit
Ja, ich glaube, dass der große Kryptoknall im Jahr 2018 kommt. Diese Explosion wird aber nicht der von vielen deutschen Zauderern sabbernd herbeigesehnte Crash sein, sondern das hörbare Erreichen des Tipping Points. Gleichzeitig kann ich die Crashpropheten trösten: der Crash kann durchaus noch kommen, nur eben später als vermutet. Zuerst müssen Muddi und Vaddi in Kryptos einsteigen und das eine oder andere Reihenhaus den Eigentümer wechseln -- für 1 BTC. In der historischen Rückschau wird man das Jahr 2017 mit seiner Verzehnfachung des BitCoin-Preises als possierliches und zutiefst mediokres Präludium des Jahres 2018 ansehen.