Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Text verfasse und hatte mich eigentlich schon dagegen entschieden, weil ich meine STEEMIT-Präsenz nicht unnötig politisch aufladen will. Aber dann hat die Schriftstellerin Jana Hensel den rührseligsten (lies: erbärmlichsten) Merkel-Promo-Write-Up produziert, den man sich vorstellen kann.
http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-09/angela-merkel-finsterwalde-wahlkampf-demonstranten-brief
Obama, Merkel, Trump: Zweimal JA, einmal NEIN
Für alle, die sich den Text nicht in voller Länge antun können oder wollen, hier meine super subjektive Zusammenfassung: Hensel macht sich mit ihrem neunjährigen Sohn von Berlin auf den Weg nach Finsterwalde im Süden Brandenburgs -- unter anderem, weil das Kind neben Barack Obama auch Angela Merkel ziemlich gut findet. So steht das im ersten Absatz. Trump findet der Junge nicht gut. Nein, nein, Trump nicht. Der Junge ist Trumpgegner. Ja, ja. Er ist unbedingt für Merkel und Obama, aber entschieden gegen Trump. Das alles steht ausdrücklich im ersten Absatz dieses Textes, der als offener Brief an Angela Merkel verfasst ist.
Donald Trump: Von Jana Hensel und ihrem Sohn bekommt er jeweils ein 'NEIN'. Dr. Merkel ist schon im Re-Call und sicher in Abu-Dhabi mit dabei -- zusammen mit dem Friedensnobelpreisträger Barry Obama. (Fotoquelle: RTL)
Im Kern geht es in diesem Text darum, dass zahlreiche Demonstranten ein "unfassbares Pfeifkonzert" veranstaltet hätten. Es sei "furchtbar" gewesen, "ohrenbetäubender Lärm". "Wut" und "Brutalität", kurzum akustische "Gewalt", natürlich zum Großteil männlichen Ursprungs. So habe es sich auf dem malerischen Marktplatz von Finsterwalde zugetragen (übrigens eine blühende Landschaft!).
Aufstand der Anständigen reloaded
Hensel fragt Merkel, warum sie sich nicht direkt an die Demonstranten gewandt habe, die Zuhörer wären bestimmt aufgestanden und hätten applaudiert. Der Leser soll wissen: So hätte man es dem Mob zeigen können.
Ich will die Leser dieser Zeilen nicht weiter mit Details des Textes nerven. Man kann sich denken, dass es im Kern um den von Schröder damals geforderten "Aufstand der Anständigen" und diesen ganzen Dreck geht. Und es geht darum, dass Frau Dr. Angela Merkel im Grunde zu bedauern ist, weil sie jenseits ihres politischen Zenits krampfhaft versucht, sich an die Macht zu klammern.
[Nur noch ein Gedanke zu diesem Schriftsatz, bevor ich zu meiner Version des Geschehens komme: Wenn ich einen neunjährigen Sohn hätte und dieser mir erzählen würde, dass er Merkel und Obama toll findet, dann würde ich ihn vielleicht ein bisschen weniger Fernsehen gucken lassen und wahrscheinlich würde ich nur noch in offenen Briefen mit ihm über ZeitOnline kommunizieren.]
Jetzt meine Gedanken -- fast zitatfrei
Ich bin auch der Meinung, dass Merkel weg muss. Aber nicht aus tumbem Hass oder AfD-Hörigkeit, sondern weil ich verstanden habe, dass Abnutzungseffekte (Merkel) und Neuheitseffekte (Schulz) unausweichlich zum Lebenszyklus öffentlicher Personen dazugehören. Wenn ich seit geschätzten zehn Jahren ungeduldig und zumindest innerlich "Merkel muss weg!" skandiere, dann tue ich das genauso, wie ich der Meinung bin, dass Bernhard Hoecker, Jörg Pilawa und Günther Jauch dringend "weg müssen".
In seinem Text "Die Deutschrockstunde" bringt der Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre es gut auf den Punkt:
"Rechtzeitig aufhören, das ist in der Musik wie überall ein elementares Kriterium für Größe. Tappert, Beatles, Lafontaine. Und eben nicht Matthäus, BAP, Kohl. Auf der Bühne sterben, O.K., aber bitte nicht siechen."
Das gilt auch für dich, Angela. Auch du bist Rockstar. Der spontane Atomausstieg und dein "Wir schaffen das!" waren zwei Gesten, wie man sie nur von ganz großen Entertainern geboten bekommt. Ich will diese über zwölf Jahre durchgehaltene opportunistische Ad-Hoc-Politik hier gar nicht näher analysieren. Ich will nicht darauf eingehen, ob du trotz Physik-Doktorats die grausame Realität dieser Wissenschaft unterschätzt hast und ob du die Dubliner Verträge gebrochen und deine europäischen Partner unzählige Male arrogant übergangen hast. Darum soll es nicht gehen. Vielmehr soll deutlich werden, dass du in deiner Karriere viele große Soli auf der Bühne der Weltpolitik gespielt hast.
Nach Fukushima hast du entschieden, dass die Reaktoren abgestellt werden müssen. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise hast du uns versichert, dass wir das schaffen. Du hast betont, dass die Flüchtlingskrise uns alle überrascht habe und gekonnt überspielt, dass sie auf exakt zwei geostrategische Fehler zurückgeführt werden kann und durchaus absehbar war: die Absetzung von Oberst Gaddafi und der Versuch, es mit Assad genauso zu machen. Du hast uns erklärt, dass die Griechen-Pleite an deren mangelndem Fleiß liegt.
Angela, das waren deine großen Momente, in denen du allein auf der Bühne gestanden hast und die E-Gitarre der Weltpolitik mit deinen Zähnen spieltest. In diesen Augenblicken warst du larger than life.
Als deutsche Kanzlerin hast du die G8-Gipfel in Heiligendamm 2007 und in Hamburg 2017 ausgetragen. Angie, du warst Headlinerin bei Rock am Ring und Rock im Park, zwei der größten Festivals überhaupt -- letzteres freilich mit recht lebhafter Crowd. Und wenn ich deine Karriere nicht noch einmal recherchiert hätte, wäre mir glatt entfallen, dass auch der G7-Gipfel 2014 in Deutschland (nämlich im Bayerischen Schloß Elmau) stattfand. Beim Out4Fame hast du also auch noch gerockt.
Angie, ich will hier gar nicht auf die unappetitlichen Dinge eingehen: die Frisuren der Anfangszeit, die zu kurzen Jacken, die Schwierigkeiten im Umgang mit Messer und Gabel.
Nur soviel: nach all den unzähligen Rockstar-Momenten wäre Anfang 2017 der ideale Zeitpunkt zum Aufhören gewesen. Die Tür ins UN-Generalsekretariat in New York stand nach deinem "Wir schaffen das!" sperrangelweit offen. Du hattest die seltene Gelegenheit zum Abgang auf dem Zenit. Philipp Lahm hatte es vorgemacht.
Und stattdessen? Schlecht besuchte Auftritte auf dem Marktplatz von Finsterwalde und anderswo mit durchwachsenem Publikum. Kritiker sprechen vom langweiligsten Wahlkampf aller Zeiten und halten die große Koalition für beschlossene Sache.
Ich nicht. Ich glaube, dass am 24.09.2017 unsere eigene Brexit-Trump-Infratest-Dimap-Bombe hochgeht.
CDU + SPD < 50%
Bye, bye, Rock 'n' Roll.