Liebe Steemit Community,
liebe Freiheitsfreunde,
liebe Freiheitsfeinde,
liebe Marxstatuebefürworter,
liebe Marxstatuegegner,
das aktuelle politische Geschrei (an dem ich mich nicht beteilige) vom konservativen Teil unserer Bevölkerung zwingt mich heute etwas zu tun, von dem ich nie geglaubt hätte, es tun zu müssen.
Was ist geschehen?
Karl Marx hatte am Samstag den 5. Mai seinen zweihundertsten Geburtstag und China hat der Stadt Trier folgende Statue geschenkt, die nach einem Stadtratsbeschluss (Mehrheit der CDU, SPD, Linken und Grünen dafür, Teile der Grünen, AfD und FDP dagegen) der Stadt Trier angenommen und feierlich eingeweiht wurde.
Mein erster Gedanke war:
"Ist mir völlig egal, jetzt haben wir neben Chemnitz, Berlin, Frankfurt Oder , Fürstenwalde, Leipzig, Neuhardenberg und Wernigerode ein Karl Marx Denkmal mehr.
Nur dieses Mal hat es dem deutschen Steuerzahler nichts gekostet und Trier hat ein Attraktion mehr".
Aber natürlich kam sehr schnell die Kritik der Konservativen, vor allem der AfD, aber auch Opferverbänden kommunistischer Gewaltherrschaft.
Hier die Pressemeldung der AfD:
Berlin, 4. Mai 2018. An diesem Wochenende findet anlässlich des 200. Geburtstages von Karl Marx in Trier eine feierliche Enthüllung einer Karl-Marx-Statue statt. Diese war Trier als dessen Geburtsort von der Volksrepublik China geschenkt worden. Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft sowie die AfD können dem kritiklosen Umgang mit dem Kommunisten Marx hingegen wenig abgewinnen, der die tödlichen Folgen der marxistischen Ideologie völlig ausblendet.
Quelle
Hier die Aussage von Dieter Dombrowski, Bundesvorsitzender der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft:
„Karl Marx ist nicht missverstanden worden“, unterstrich Dombrowski. Diktatoren hätten das realisiert, was Marx aufgeschrieben habe. Zudem sei er ein Antisemit gewesen. „Die Opfer des Kommunismus warten vergeblich auf ein Mahnmal“.
Quelle
Petr Byrston sprach auf seiner Rede auf einer Gegenveranstaltung der AfD über die 100-150 Millionen toten Opfer des Kommunismus, für die Marx die theoretische Grundlage geliefert hätte (min 3:36)
Auch aus den USA kam Kritik von der konservativen Seite (die sich noch vor nicht allzu langer Zeit darüber beschwert hatte, dass die Linken die Statuen von Generälen der Südstaatenarmee abbauen wollten).
Die offiziellen Reden im Rahmen der Feierlichkeiten von Malu Dreyer und einem überraschenderweise äußerst nüchternen Jean-Claude Juncker fand ich dagegen viel differenzierter und stimme ihnen weitgehend zu:
Schauen wir uns die Kritik im Einzelnen an:
1. Marx war Antisemit und Rassist:
Diese Kritik ist berechtigt. Es gibt genügend Beispiele, wo sich Marx (aber auch Engels) antisemitisch (obwohl er selbst jüdischer Abstammung war) und rassistisch äußert.
Da ich diese Ausfälle hier nicht alle noch mal wiederholen will, gebe ich nur die Quellen für einige Zitate an und dann kann sie jeder selber lesen, wenn er Bedarf hat:
- Marx an Engels, 1862 (MEW 30, 257)
- Engels, 1848 (MEW 5, 80)
- Marx, 1853 (MEW 9, 248)
Quellen
Ein Zitat, zur "Judenfrage", möchte ich aber doch bringen:
Nun wohl! Die Emanzipation vom Schacher und vom Geld, also vom praktischen, realen Judentum wäre die Selbstemanzipation unsrer Zeit. [...] Wir erkennen also im Judentum ein allgemeines gegenwärtiges antisoziales Element. [...] Die Judenemanzipation in ihrer letzten Bedeutung ist die Emanzipation der Menschheit vom Judentum. [...] Ja, die praktische Herrschaft des Judentums über die christliche Welt hat in Nordamerika den unzweideutigen, normalen Ausdruck erreicht, dass die Verkündigung des Evangeliums selbst, dass das christliche Lehramt zu einem Handelsartikel geworden ist, und der bankerotte Kaufmann im Evangelium macht wie der reichgewordene Evangelist in Geschäftchen. [...] Das Geld ist der eifrige Gott Israels, vor welchem kein andrer Gott bestehen darf. [...] Die chimärische Nationalität des Juden ist die Nationalität [sic] des Kaufmanns, überhaupt des Geldmenschen.«
(Quelle: Karl Marx, Zur Judenfrage (1844), MEW 1, S. 372f. zitiert aus Blankertz, Stefan. Mit Marx gegen Marx: 11 x 11 Thesen )
Diese Aussagen sind natürlich komplett abzulehnen, es stellt sich aber auch die Frage, ob man nicht erstens den historischen Kontext miteinbeziehen muss und, ob sich Marx bei dem oben genannten Zitat zur Judenfrage gegen die Juden im Allgemeinen richtet, oder ob sich diese Aussage gegen die von ihm verhasste Bänkerelite richtete, von denen eben auch viele Juden waren.
Ich für meinen Teil, kann diese Frage nicht beantworten.
Für mich ist allerdings Antisemitismus und Rassismus zu aller Zeit und in allen Lebenslagen abzulehnen.
Wer also wegen Marx' Antisemitismus gegen diese Statue ist, den kann ich verstehen. Dann sollte man sich aber auch gegen Statuen anderer "Berühmtheiten" richten, die sich ähnlich antisemitisch geäußert haben, z.B. gegen Luther.
1543 forderte er die evangelischen Fürsten zur Versklavung oder Vertreibung der Juden auf und erneuerte dazu die judenfeindlichen Stereotype, die er 20 Jahre zuvor verworfen hatte. Damit überlieferte er diese in die Neuzeit.
2. Ist Marx für die 100-150 Millionen Todesopfer des real existierenden Sozialismus verantwortlich?
Hier lautet meine klare Antwort nein.
Marx hat zusammen mit Engels zahlreiche Bücher, Aufsätze und Briefe verfasst.
Er hat aber an keiner Stelle dazu aufgerufen 100 Millionen der eigenen Leute umzubringen.
Dafür sind Lenin, Stalin, Mao, Pol Pot, Ulbricht usw. verantwortlich.
Man kann auch nicht Jesus oder die Verfasser der biblischen Texte für die Verbrechen der katholischen Kirche während der Inquisition und Kreuzzüge verantwortlich machen. Man kann auch nicht Mohammed oder die Verfasser des Korans dafür verantwortlich machen, wenn islamische Terroristen mit dem Flugzeug zur Arbeit erscheinen.
Eine strafbare Handlung kann durch Tun oder Unterlassen erfolgen, auch Aufrufe zur Gewalt wären hier zu nennen. Man kann aber keinen Autor dafür verantwortlich machen, wenn angeblich in seinem Namen, Morde begangen werden, die auch noch lange nach seinem Tod erfolgt sind.
Etwas weniger Hysterie und mehr Vernunft wäre also auch im Falle der Marxstatue angebracht.
Als Konservativer oder Libertärer (oder was auch immer), sollte man nicht den gleichen Reflexen verfallen, wie die Antifakinder.
Nicht umsonst heißt mein Credo:
"Wenn die Linken mich als Nazi, die Rechten mich als Linken/Kommunisten und die Libertären mich als Agent der Zentralbanken bezeichnen, dann weiß ich, dass ich richtig liege.“
Dass Marx aber auch Dinge gesagt bzw. geschrieben hat, an denen Konservative und Libertäre ihre Freude haben könnten, zeigt uns Stefan Blankerts in seinem Buch: Mit Marx gegen Marx – 1 x 11 Thesen, aus dem ich noch ein paar Zitate bringen möchte:
Stefan Blankertz glaubt nämlich, das viele der etatistischen Forderungen aus dem Kommunistischen Manifest auf Engels und nicht auf Marx zurückzuführen sind.
Hier also ein paar Beispiele, die auch Konservative und Libertäre unterschreiben könnten:
Marx zu der Lage der Bauern:
Bedrückung, Mühe und dem Elend, zu dem er unter dem Schein des angeblichen [sic] Eigentums verurteilt ist, [zu] retten« und »sein nominelles Eigentum an dem Boden in wirkliches [sic] Eigentum an den Früchten seiner Arbeit [zu] verwandeln« und »die Vorteile der modernen Agronomie, die von gesellschaftlichen Bedürfnissen diktiert werden und ihn jetzt täglich wie ein Feind bedrohen, mit der Erhaltung seiner Stellung als wirklich unabhängiger Produzent [zu] verbinden«.
Blankertz, Stefan. Mit Marx gegen Marx: 11 x 11 Thesen (German Edition) (Kindle Locations 930-934). Books on Demand. Kindle Edition.
Im Vergleich dazu Mises:
Ludwig von Mises: »Großgrundeigentum und Latifundienbesitz sind nirgends und niemals aus dem freien Verkehr hervorgegangen. Sie sind das Ergebnis militärischer und politischer Bestrebungen. Durch Gewalt begründet, konnten sie auch stets nur durch Gewalt aufrechterhalten werden. Sowie die Latifundien in den Tauschverkehr des Marktes einbezogen werden, fangen sie an abzubröckeln, bis sie sich schließlich ganz auflösen. Wirtschaftliche Gründe haben weder bei ihrer Entstehung noch bei ihrer Erhaltung mitgespielt.118 Die großen Latifundienvermögen sind nicht aus der wirtschaftlichen Überlegenheit des Großbesitzes entstanden, sondern durch gewaltsame Aneignung außerhalb des Tauschverkehrs.«
Blankertz, Stefan. Mit Marx gegen Marx: 11 x 11 Thesen (German Edition) (Kindle Locations 940-945). Books on Demand. Kindle Edition.
Marx zu den Steuern:
»Die Steuer ist die Lebensquelle der Bürokratie, der Armee, der Pfaffen und des Hofes, kurz, des ganzen Apparats der Exekutivgewalt. Starke Regierung und starke Steuer sind identisch.«
Blankertz, Stefan. Mit Marx gegen Marx: 11 x 11 Thesen (German Edition) (Kindle Locations 947-949). Books on Demand. Kindle Edition.
»Um den wirklich niedrigsten Level des Minimums [an Arbeitslohn] herbeizuführen, [trägt bei] [...] das Wachstum der Steuern und die größere Kostspieligkeit des Staatshaushalts, [...]. Das Wachstum der Steuern, um dies nebenbei zu bemerken, wird zum Ruin [!] der kleinen Bauern, Bürger und Handwerker.«
Blankertz, Stefan. Mit Marx gegen Marx: 11 x 11 Thesen (German Edition) (Kindle Locations 953-955). Books on Demand. Kindle Edition.
Ein durchsichtiges Steuersystem ist vorzuziehen, weil es zur Kontrolle und Begrenzung des Staates anregt: »Wenn man [...] zwischen zwei Steuersystemen zu wählen hat, empfehlen wir die völlige Abschaffung der indirekten Steuern und ihre allgemeine Ersetzung durch direkte Steuern; [...] weil indirekte Steuern dem einzelnen verbergen, was er dem Staat zahlt, während eine direkte Steuer unverhüllt und einfach ist und auch vom Ungebildetsten verstanden werden kann. Die direkte Steuer regt deshalb jeden [!] dazu an, die Regierung zu kontrollieren, während die indirekte Steuer jede Tendenz zur Selbstverwaltung zerstört.«
Blankertz, Stefan. Mit Marx gegen Marx: 11 x 11 Thesen (German Edition) (Kindle Locations 969-971). Books on Demand. Kindle Edition. *
Ja, Abbau des Staates ist revolutionär... »Das Volk brauchte nur [... eine Miliz ...] zu organisieren, um mit dem stehenden Heere Schluss zu machen; das ist die erste [sic] ökonomische conditio sine qua non für alle sozialen Verbesserungen, um diese Quelle von Steuern und Staatsschulden und diese ständige Gefahr der Regierungsusurpation durch die Klassenherrschaft – der regulären Klassenherrschaft oder der eines Abenteurers, der vorgibt, alle Klassen zu retten – sofort zu beseitigen.
Blankertz, Stefan. Mit Marx gegen Marx: 11 x 11 Thesen (German Edition) (Kindle Locations 988-992). Books on Demand. Kindle Edition.
Marx zum Geld:
»Die provisorische Regierung gab dagegen den Noten der Bank Zwangskurs. Sie tat mehr. Sie verwandelte alle Provinzialbanken in Zweiginstitute der Banque de France und ließ sie ihr Netz über ganz Frankreich
auswerfen. Sie versetzte ihr später die Staatswaldungen als Garantie für eine Anleihe, die sie bei ihr kontrahierte. So befestigte und erweiterte die Februarrevolution unmittelbar die Bankokratie, die sie stürzen sollte.«
Blankertz, Stefan. Mit Marx gegen Marx: 11 x 11 Thesen (German Edition) (Kindle Locations 1064-1066). Books on Demand. Kindle Edition.
»Das Geschäft der Münzung [fällt] dem Staat anheim«,klingt, als ob damit keine Interessen verbunden werden. Ebenso: »Staatspapiergeld [...] wächst unmittelbar aus der metallischen Zirkulation heraus. [...] Kreditgeld [besitzt] in der Funktion des Geldes als Zahlungsmittel seine naturwüchsige Wurzel.«
Blankertz, Stefan. Mit Marx gegen Marx: 11 x 11 Thesen (German Edition) (Kindle Locations 1499-1502). Books on Demand. Kindle Edition.
Marx zum staatlichen Bildungszwang:
»Ganz verwerflich ist eine ›Volkserziehung durch den Staat‹. [...] Vielmehr sind Regierung und Kirche gleichmäßig von jedem Einfluss auf die Schule auszuschließen.«
Blankertz, Stefan. Mit Marx gegen Marx: 11 x 11 Thesen (German Edition) (Kindle Locations 1183-1185). Books on Demand. Kindle Edition.
Marx zum Kapitalismus:
»Das Resultat [!] der kapitalistischen Produktionsweise [ist es], die Produktivität der Arbeit fortwährend zu steigern [...] und daher den Preis der einzelnen Ware zu senken oder die Warenpreise überhaupt zu verwohlfeilern«.
Blankertz, Stefan. Mit Marx gegen Marx: 11 x 11 Thesen (German Edition) (Kindle Locations 1478-1480). Books on Demand. Kindle Edition.
Marx zum Lobbyismus:
»Durch Schutzzölle, Monopole, Staatszwang« verschaffen sich die Kapitalisten »höhere Preise« als solche »bei freiem Austausch«.
Blankertz, Stefan. Mit Marx gegen Marx: 11 x 11 Thesen (German Edition) (Kindle Locations 1524-1526). Books on Demand. Kindle Edition.
Marx zum Privateigentum an Produktionsmitteln:
»Das Privateigentum des Arbeiters an seinen Produktionsmitteln [sic] ist die Grundlage des Kleinbetriebs, der Kleinbetrieb eine notwendige Bedingung für die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktion und der freien Individualität des Arbeiters selbst. Allerdings existiert diese Produktionsweise auch innerhalb der Sklaverei, Leibeigenschaft und andrer Abhängigkeitsverhältnisse. Aber sie blüht [sic] nur, schnellt nur ihre ganze Energie, erobert nur die adäquate klassische Form, wo der Arbeiter freier Privateigentümer seiner von ihm selbst gehandhabten Arbeitsbedingungen ist, der Bauer des Ackers, den er bestellt, der Handwerker des Instruments, worauf er als Virtuose spielt.«
Blankertz, Stefan. Mit Marx gegen Marx: 11 x 11 Thesen (German Edition) (Kindle Locations 1547-1552). Books on Demand. Kindle Edition.
Will man sich als libertär geneigter Mensch weiterbilden, ist Stefan Blankertz mit Sicherheit eine der besten Adressen, da er den Libertarismus/Anarchismus nicht als Religion und seine Vertreter/Wegbereiter wie Mises, Hayek, Rothbard und Hoppe nicht als Götter ansieht, denen man unreflektiert folgen muss und sich auch niemals zu schade ist über den Tellerrand hinauszuschauen. Schade, das ser immer seltener im Eigentümlich Frei – Magazin zu finden ist.
Bis bald,
Stephan Haller