Free Jazz ist geil …
Free Jazz zu hören ist so erfreulich wie einen Ziegelstein ins Gesicht zu kriegen. Es klingt als hätte keiner wirklich Lust mit dem anderen zu spielen. Aber es soll eine Philosophie dahinter stecken und ein komplexes harmonisches Konzept, beherrscht nur von wenigen Musikern. Das es so wenige sind könnte an der schwierigen Musiktheorie liegen, oder schlicht daran, daß keiner sich das antun will. Könnten Ohren twittern gäbe es auch ein MeToo Hashtag dafür.
… Bis man sich eingesteht, daß man es nicht ausstehen kann
Ungefähr eineinhalb Jahre lang versuchte ich andere davon zu überzeugen, daß Free Jazz einfach super ist. Schließlich war es Avantgarde, und crazy, und anders und überhaupt total hip. Die armen Freunde, meine arme Familie. Diese Kakophonie an krakeelenden Saxophonen, verwirrten Schlagzeugern, verstimmten Gitarristen und klappernden Pianisten mußten wie ein Offenbarungseid der Vernunft klingen. Aber ich hielt eisern durch, bis ich mich eines Tages durch ein einstündiges Free Jazz Konzert zwang. Seitdem leide ich an Gewaltfantasien.
Ornette Coleman
[Quelle: https://www.newyorker.com/culture/culture-desk/seeing-ornette-coleman]
… Aber jetzt zu dem was ich eigentlich erzählen wollte
Wie komme ich jetzt darauf? … Ach ja; ich mußte an eine Anekdote über Ornette Coleman denken, die mir ein befreundeter afro-amerikanischer Künstler erzählte. Es war in Amerika – ich glaube die 50er oder so in etwa. Jedenfalls lebte dieser Künstler damals mit Ornette Coleman in einem Keller eines großen New Yorker Miethauses. Es war der Kellerraum in dem sich alle Rohre der Wasserversorgung sammelten. Beide hatten sie kein Geld und kämpften um jeden Cent. Ornette Coleman schrieb in dieser dunklen, feuchten Gruft Musik und entwickelte seine Free Jazz Methode, während sein Freund Bilder malte, die selten gekauft wurden. Es war karg. Ab und an passierte es, daß zu ihrem ärmlichen Leben in diesem Keller auch noch die Wasserleitungen leckten. So mußten sie in knöcheltiefem Wasser wohnen und schlafen, bis der Hausmeister wieder ausgenüchtert genug war um den Schaden zu beheben.
In dieser tiefen Verzweiflung waren sie um jedes bisschen Geld dankbar. Eines Tages kam tatsächlich ein Plattenboss, der auf Ornette Coleman aufmerksam geworden ist, und bot ihm einen Vertrag an. Vier Alben solle er an die Firma liefern … für insgesamt 25,- $. Das war auch damals wenig Geld. In der Not willigte aber Ornette Coleman ein. Diese vier Alben liefen auch gut, wovon er aber natürlich nichts hatte. Die Rechte waren ja abgetreten.
Doch er veröffentlichte dann sein bahnbrechendes Album „Free Jazz“. Das sicherte ihm einen Platz in der Musikgeschichte. Und heute ist sein Name in einem Satz mit den Größen des Jazz genannt. Ein kleiner Fun fact zum Album: man hört ein Doppelquartett gleichzeitig spielen. Der linke und der rechte Kanal laufen getrennt, oder gemeinsam interagierend, oder … ich weiß nicht. Hört selbst. Ich verstehe es nicht.
Meine Gehversuche im Free Jazz …
… waren kurzlebig und bestanden eher in akustischen Gewaltausbrüchen. Aber ein Freund von mir – ein Schlagzeuger – war zu einer Studioaufnahme eingeladen. Er betrat das Studio und hörte die Band im Aufnahmeraum schon ihre Instrumente stimmen. Er war jung und begierig sich einen Namen zu machen. Während die Band sich einstimmte betrat er den Raum und sagte:
„Servus Jungs!“
Als plötzlich die Musiker verstummten und aus der Regie eine Stimme schrie:
„Alter spinnst du! Wir nehmen gerade auf!!“
Eine Free Jazz Band war gerade dabei ihr Album aufzunehmen.
Den Job hat er nicht gekriegt.
Und hier noch ein Ohrschmankerl für die sonnigen Gemüter …
The Ornette Coleman Double Quartett - Free Jazz
Ornette Coleman Sextett - Free Jazz
PS: Beim Schreiben habe ich nebenher Free Jazz gehört und stelle gerade fest, daß es mir vielleicht doch wieder gefällt. Was ist bloß los mit mir?!