Vor ca. 2 Jahren lernte ich einen Mann kennen, der sich wegen schwerer Depression stationär behandeln ließ. Dieser Mann erhielt von seinem ambulanten Therapeuten eine recht bunte Anzahl an Diagnosen, ganz in dem Versuch seinen Zustand möglichst genau diagnostisch zu beschreiben und zugleich die Notwendigkeit einer umfangreichen und intensiven Behandlung zu unterstreichen. Chronische Depression, Persönlichkeitsstörung, Angststörung…. Mir kam jede dieser Diagnosen wie ein Todesurteil vor und ich glaube so fühlte sich der Mann auch. Er fühlte kein Leben mehr in sich, es kam ihm vor, als sei er nur noch eine Hülle. Es gab nur noch wenige Dinge, die ihn tatsächlich berührten oder irgendwas in ihm weckten. Auf der Station ergab sich schnell die Meinung es sei ein hoffnungsloser Fall und den könne man nur stabilisieren. Ambitionierte Ziele mit ihm? Nein, dafür würde die Zeit nicht ausreichen.
Diese Einstellung war mir (und ist mir bis heute) ein Dorn im Auge. Ich urteile ungerne über Menschen und deren Gesundheitsentwicklung, wenn ich so gar nichts über den Menschen, seine Grundeinstellungen, seine Prägungen, die Geschichte und seine Bedürfnisse kenne.
Wie es der Zufall will, war dieser Mann einer meiner Patienten. Durch die gemeinsame Zeit mit ihm durfte ich das erleben, was andere und auch er selbst nicht mehr an ihm wahrgenommen haben: Herzensgüte, Aufmerksamkeit, Feinfühligkeit, Verantwortungsbewusstsein, Mitgefühl, Aufopferung, Reife, Intelligenz, Zielstrebigkeit und daneben leider die Überzeugung keinen Platz in dieser Welt zu haben. Er machte sich unsichtbar und wurde unsichtbar für die Welt um sich herum.
Es hat eine ganze Weile gedauert, um herauszufinden, wann er sich zuletzt lebendig gefühlt hat und noch viel länger hat es gebraucht, um ihn soweit zu kriegen wieder in diese Richtung zu blicken: Es was die Musik. Mit jungen Jahren musizierte dieser Mann, schrieb selbst Songs und spielte sogar in einer eigenen Band. E-Gitarre war sein Instrument.
Seit sehr vielen Jahren hatte er keine Gitarre mehr angefasst und auch keine Musik mehr gehört. Sie war in seinem Leben gar nicht mehr anwesend und er hatte Angst sich wieder damit zu verbinden. Und dennoch…. Musik wurde zu einem sehr wichtigen Thema unserer Therapie (neben zich anderen) und irgendwann war er soweit seine „Hausaufgaben“ umzusetzen und sich der Musik wieder anzunähern: Er fing wieder an Musik zu hören. Er fing wieder an sich an alte Songs zu erinnern. Er fing wieder an Gitarre zu spielen und da platze der Knoten. Ab diesem Zeitpunkt änderte sich die Haltung, die Mimik und Gestik, es änderte sich die Intonation, Symptome milderten sich ab und der Mann fing an klarer zu sehen und ganz neue Sichtweisen bezüglich sich selbst und der Welt zu entwickeln. Es war so, als hätten wir in einem stickigen, dunklen und abgeschotteten Zimmer alle Fenster aufgemacht und würden endlich Licht und Sauerstoff reinbringen.
Als dieser Mann die Klinik verließ, hatte weder er noch ich selbst richtig realisiert, was da passiert war. Aber er war wieder zurück im Leben angekommen – trotzdem noch depressiv, aber mit einem ganz neuen Lebensgefühl und wieder vereint mit seiner Leidenschaft: der Musik.
Mein Wochenimpuls für die kommende Woche ist,
alte Leidenschaften auszugraben, zu entstauben und wieder zum Leben zu erwecken!
Am Ende sind es diese Leidenschaften, die uns lebendig machen, uns beflügeln und uns Kraft schenken.
P.S. Diese Erfahrung mit Menschen und der wundersamen Wirkung der Musik durfte ich nicht nur bei diesem Mann erleben, sondern bei einer ganzen Reihe von Menschen.
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