Verletzlichkeit ist der Weg, den wir wählen, wenn wir uns unsere Ängste, Schmerzen, Schwächen eingestehen, wenn wir bewusst zulassen, dass Dinge passieren, die uns auf die Knie zwingen. Doch trotz dieser unangenehmen Dinge, die sie zu bringen scheint, existiert hinter ihr eine neue Welt des Selbst.
Ich will das an einem weltlichen Beispiel aus meinem Leben beschreiben: an einem Besuch beim Zahnarzt.
Ich habe eine große, völlig irrationale Angst vor Zahnärzten. Ich kann diese Angst bewusst beobachten und gleichzeitig in ihr und außer ihr sein. Sie ist sehr präsent in meinem Körper und manifestiert sich mit Zittern und mit dem Gefühl nicht gut atmen zu können. Ich kann nicht essen oder trinken. Es ist einfach eine große Angst. Zum größten Teil kommt sie daher, dass ich denke, ich werde bei irgendetwas still halten müssen, von dem ich mich aus einem natürlichen Impuls zurückziehen würde. Zum Beispiel habe ich Angst, dass mein Würgereizgefühl sehr schnell geweckt wird und ich es nicht zurückhalten kann. Ich denke, dass so niemand mit mir arbeiten kann.
So ging es mir bei diesem Zahnarztbesuch über den ich hier erzählen will.
Die Ärztin muss an einem bestimmten Zahn oben etwas machen und dafür erklärt Sie mir, dass sie ein Gummi einsetzen muss, das man auf die anderen Zähne drauf befestigt. Das soll sie trocken halten. So hält die Füllung anscheinend besser.
In mir geht schon vom ersten Moment in dem ich in die Praxis eintrete ein innerer Kampf los zwischen dem Angsthasen, der alles versuchen würde um wegzukommen und der vernünftigen Seite, die gerne diese Angst endlich überwinden will und sich bewusst ist, dass der Eingriff nötig ist.
Die Ärztin bringt das Gummi in meinem Mund an und es hängt komisch von einer Seite des Mundes zur anderen. Solange dieses Gummi drin ist, kann man den Mund nicht schließen und nicht reden, nur irgendwelche Geräusche von sich geben. In dem Moment, in dem sie das fertig anbringt, merke ich, wie ich leicht Panik bekomme. Das Teil berührt meine Zunge so, dass ich hochkonzentriert versuchen muss den Würgereiz unter Kontrolle zu halten. Ich versuche ihr mit irgendwelchen Geräuschen klar zu machen, dass ich Angst habe, mich gleich übergeben zu müssen. Sie ist entschlossen die Arbeit weiter zu machen, hört meinem verzweifelten Versuch zu reden zu und sagt mit einer selbstbewussten Stimme: „Ich weiß, aber vertrauen Sie mir, das wird gut gehen.“ Meine zwei Seiten kämpfen: die eine will wegrennen, die andere sagt mir die ganze Zeit ich müsse stärker sein, mich zusammenreißen und lernen, den unnötigen Strom an negativen Gedanken in den Griff zu bekommen.
Ich erkläre weiter mit blockiertem, offenen Mund und Geräuschen, dass ich Angst habe. Ich merke, sie weiß genau, was sie tut und sagt nochmal, ich solle an etwas anderes denken und Vertrauen haben. Sie verspricht mir: „Es wird alles gut.“
In mir fühle ich noch einen letzten Versuch der Angstseite sich zu wehren und dann wird sie still. Ich sehe mich wie von außen, wie ich loslasse, den Kopf senke und nur nicke. Sie soll machen. Kein Wehren, kein Versuch mehr etwas zu ändern. Ich lasse mich los im Fluss dessen, was kommen sollte. Ich gebe auf gegen etwas zu kämpfen und lasse zu, dass ich klein und verletzlich bin. Ich akzeptiere meine Vulnerabilität. Die Ärztin arbeitet und es läuft alles gut.
Letztendlich war nichts schlimm, außer den eigenen Projektionen von Angst. Als ich aufstand, um zu gehen, spürte ich eine innere Stille wie den größten Frieden, den es auf der Welt geben kann – nicht weil die Arbeit zu Ende war, sondern weil ich wusste, ich hatte etwas losgelassen, das mir innere Schmerzen zuführte. Ich fühlte, etwas hatte sich gereinigt und der innere Kampf war nicht mehr nötig. Ich erkannte: es ist das, was man am anderen Ufer entdeckt, wenn man sich traut den Fluss der Vulnerabilität zu überqueren.
Ich kann es nicht anders beschreiben, als durch Märchenbilder. Die Vulnerabilität öffnet ein Tor von kristallinen Wasserklängen. Es ist wie die diaphane Energie zauberhafter Feen, wie ein Weg von grenzenlosem Respekt für alles, was einem auf dem Weg begegnet, wie die Entdeckung einer ewigen Quelle mit Wasser. So deckt man die zarte Kraft in sich selbst auf, die, trotz ihrer Zärtlichkeit, unzerstörbar ist. Sie ist jenseits der Bilder, die wir von der Welt haben. Sie ist die Repräsentation der Unendlichkeit des Göttlichen.
Ich habe verstanden, dass die Überwindung seiner eigenen Ängste – durch die Akzeptanz der Vulnerabilität – etwas aus unserem inneren Feld wegreißt, das uns nur davon abhält, den Frieden und die Stille in uns zu spüren.
Das Sakrale kann sich in den unwichtigsten, profanen Tätigkeiten verstecken. Wir müssen die spirituelle Kraft nicht da draußen suchen, sondern in uns selbst. Sie ist nirgends und nie abwesend. Es ist nie zu früh oder zu spät das loszulassen, was uns davon abhält, die wahre Kraft in uns zu befreien.