In den letzten Jahren wurde Amazon populärer und populärer, die Aktie stieg und stieg. Das führte unter anderem dazu, dass Jeff Bezos den langjährigen Leader der Liste reichster Erdbürger, Microsoft-Gründer Bill Gates, von diesem imaginären Thron stieß und nun mit Respektabstand der vermögenste Mann auf diesem Planeten sein soll. Eine Tatsache, die natürlich einigen Leuten sauer aufstößt. Auch diverse Massenmedien ziehen lieber auf die eine oder andere Weise über das Amazon-Phänomen her, anstatt mal zu analysieren, warum das Modell so gnadenlos erfolgreich ist. Bestes Beispiel ein gestriger Artikel in einer der - zumindest nach eigenen Ansprüchen - seriösesten Tageszeitungen unserer Alpenrepublik: ""You Are Jeff Bezos": Spiel zeigt auf, wie absurd viel Geld der Amazon-Gründer hat". Zwar ist schon der Titel an sich natürlich kompletter Humbug und faktisch einfach nur falsch, aber hey, ist ja gegen Amazon, also alles cool!
Bitte versteht mich nicht falsch, ich finde es ebenfalls nicht unbedenklich, wenn eine Firma mehr Macht zu haben scheint als ganze Regierungen. Aber ist es die Schuld von Amazon, wenn sie einfach ein soviel besseres Produkt bieten als die Mitbewerber und damit erfolgreich sind? Ist es nicht genau das, was wir uns von einer freien Marktwirtschaft erwarten? Soll sich nicht das beste Angebot durchsetzen, sondern das richtige? Ich weiß es nicht. Was ich weiß ist jedoch, dass Amazon einfach so beschissen gut im Vergleich mit den Mitbewerbern ist, dass es mir als Individuum schwer fällt, absichtlich zur (deutlich) schlechteren Konkurrenz zu gehen.
Bestes Beispiel ein Problem mit meiner Computermaus vor einer Woche. Letzten Freitag begann meine knapp ein Jahr alte Logitech G703 (gekauft via Amazon) plötzlich minimal zu spinnen, bei 20% Akkuladung und darunter hing der Mauszeiger manchmal etwas nach - ein Fehler, der bei einer so teuren Maus nicht sein sollte. Ich kontaktiere den Amazon-Kundensupport und nach ein paar Standardfragen (Haben sie den Treiber neu installieren versucht? Haben sie den PC neu gestartet?, etc) wurde mir prompt ein nagelneues Ersatzgerät auf den Weg geschickt, welches am Samstag zu Mittag in meiner Wohnung eintraf. Es hat also keine 24 Stunden gedauert, dass ich ein defektes Elektrogerät, welches ich vor 11 Monaten gekauft hatte, ausgetauscht bekam und uneingeschränkt weiterarbeiten konnte. Zeitaufwand für diese Prozedur unter fünf Minuten.
Wie hätte es ausgesehen, hätte ich die Maus stattdessen bei einer lokalen Filiale eines Elektronikgroßhändlers (Mediamarkt, Saturn & co.) gekauft hätte? Step-by-Step in etwa so:
- Ich hätte die elf Monate alte Rechnung suchen müssen, um überhaupt zu Step 2. weitergehen zu können. Hätte ich sie nicht gefunden, hätte ich halt Pech gehabt.
- Ich hätte mich ins Auto setzen müssen und knapp 20 Minuten zu diesem Elektronikgroßhändler fahren müssen.
- Ich hätte am Samstagvormittag bei diesem Elektronikgroßhändler sehr wahrscheinlich einige Zeit (vor zwei Monaten mal 30 Minuten gewartet, nur um einen Laptop, für den ich mich bereits zuhause entschieden hatte, aus der Vitrine in die Hände zu bekommen) auf einen der inkompetenten Mitarbeiter gewartet.
- Ich hätte diesem minutenlang mein Problem schildern müssern und darauf hoffen dürfen, dass der Garantieanspruch rasch erkannt wird.
- Hätte ich einen Garantieanspruch zugesprochen bekommen, so wäre die Frage nach dem Ersatzgerät entstanden, da dieser Elektronikgroßhändler das Gerät wohl zu Logitech geschickt hätte. Und selbst wenn ich ein Ersatzgerät bekommen hätte wäre fraglich, ob der Händler das selbe Modell gerade lagernd gehabt hätte.
- Nach einem wahrscheinlich mindestens halbstündigen Aufenthalt hätte ich mich auf den 20-minütigen Rückweg gemacht.
Konservativ geschätzt, hätte ich also auf diesem Weg knapp eine Stunde mehr Freizeit vertrödelt und ganz nebenbei noch ein bisschen Benzingeld verbrannt und die Umwelt belastet.
Wundert es bei der Auswahl zwischen solchen Szenarien wirklich jemanden, wieso Leute lieber zu Amazon greifen?
Anstatt sich immer nur über das böse Amazon aufzuregen, sollte man sich lieber auf zwei Dinge konzentrieren. Die Konkurrenz sollte sich mal hinterfragen, warum Amazon so extrem viel besser ist. Und die Politik sollte sich fragen, wieso sie so schwach ist, dass ihnen große Firmen so auf der Nase herumtanzen lassen. Ich finde nicht, das Amazon zu stark in diesem "Kampf" ist - die Politik ist hier einfach lächerlich schwach.
Wie seht ihr dieses Thema? Bin ich ein Rosinenpicker und elendiger Heuchler, weil ich mich von Amazons Angebot verführen lasse, die Macht der Firma aber gleichzeitig auch mit einem skeptischen Auge betrachte?
Liebe Grüße,
Martin
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