Der Winter war unerbittlich gewesen und die Vorräte schon lange aufgebraucht. Die Eiseskälte, die sich in die ausgemergelte Haut der armen Leute gefressen hatte, war noch lange in den Frühling hinein präsent. Viele hatte man begraben, mühsam Löcher in die gefrorene Erde gehackt und sie eilig wieder zugescharrt. So eilig, dass sich nun in die wärmer werdende Frühlingsluft ein Hauch von Fäulnis mischte.
In dieser Zeit, als Mensch und Tier es wieder wagten aus ihren Behausungen zu schlüpfen um die Schultern unter das Joch zustellen, erwachte auch das fahrende Volk, gleich eines Schneeglöckchens durch die letzten dreckigen Flecken Schnee. Niemand wusste, wo sie den Winter verbracht hatten und niemand wusste, wie sie ihn überleben konnten, dennoch belebten sie das Land mit ihrem bunten Treiben. Die noch aschfahlen und eingefallenen Gesichter der Menschen zeigten sich schnell an Türen und Fenstern, wenn Kesselflicker ihre Dienste feilboten oder Musikanten die Straße hinab zogen. Die Pfaffen wetterten mit neuem Eifer gegen Wahrsagerinnen, Tanz, Gesang und andere Frivolitäten. Das Bild des Lebens breitete sich wieder über das gesamte Land aus, wie der Blumenteppich den das Frühjahr mit sich brachte.
In einem Dorf, in dem sehr viele ihr Leben lassen mussten, zog eines Tages eine Gruppe von fahrenden Musikanten und Gauklern ein. Die, als sie begannen auf dem Marktplatz für Erheiterung sorgen zu wollen, sehr unsanft überredet wurden, das Feld zu räumen. Der Großbauer, einst ein kräftiger und herzensguter, fröhlicher Mann namens Severin, hatte begonnen, die Schausteller mit verfaultem Gemüse zu bewerfen. Voll des Grams und der Trauer um seine Frau und Kinder hatte ihre Fröhlichkeit seinen Hass entfacht. Der Rest der Bauern, deren Los nicht eben leichter gewesen war, taten es ihm gleich und trieben die armen Gaukler vor sich her aus dem Dorf. So rücksichtslos und blind war ihr Zorn, dass sie jene die sie zu fassen bekamen, eben so, wie ihre Habe, nicht gerade zimperlich behandelten.
Unter denen, die sie erwischten, war auch ein junger Geigenspieler. Erst war er erschrocken über eine derartige Reaktion auf sein fröhliches Spiel, doch dann begann er zu verstehen, bat um Verzeihung und versuchte zu schlichten. Doch der grausame Humor des Zufalls kannte keine Gnade, der Junge traf auf Severin. Die Geige wurde unter Füßen zermalmt und der junge Musikant so verdroschen, dass sein Gesicht nur noch ein Brei aus Knochensplittern und zerquetschtem Fleisch war. Er wurde in der Gosse liegen gelassen und sein Blut mischte sich mit dem letzten Schmelzwasser.
Als sich die Dämmerung über das Dorf legte, war das fahrende Volk in alle Himmelsrichtungen versprengt, nur die leblosen Zeugen des Geschehens lagen noch an den Straßenrändern. Diesen Überresten nahm sich im letzten Tageslicht der alte Totengräber Hadrian an, mit seinem Wagen, gezogen von einem fadenscheinigen, räudigen Esel streifte er durch die Straßen und sammelte die Rohstoffe seines Handwerks. Die Ladefläche des klapprigen Wägelchens war schon gut gefüllt, als er den jungen Geiger fand. Mit einem leisen Ächzen wollte er gerade dieses äußerst junge Exemplar zu seiner bisherigen Ausbeute befördern, als sein Ächzen mit einem leisen Stöhnen beantwortet wurde. Sein Fach war das Ende, nicht der Übergang und so versuchte er mit einem festen Tritt zu überprüfen, ob nicht ein Irrtum vorlag, aber es kam wieder ein leises Stöhnen aus der dunklen Tiefe. Zu seinem großen Erstaunen und Ärger brach das Stöhnen diesmal nicht ab, sondern wurde lauter und eindringlicher. Seine erste Überlegung war, die Situation mittels seines Spatens einfacher zu gestalten, doch seine Zunft hinderte ihn daran. Also hievte er den jungen Mann auf die Sitzfläche und nahm seine Arbeit wieder auf. Es war seine Hoffnung, dass sich bis zum Ende seines Werkes auch diese missliche Lage entspannt haben könnte.
(Fotos mit meiner Sony Alpha 6000)