Teil1
Als Hadrian wieder bei seinem Häuschen, nahe dem Friedhof angekommen war und begonnen hatte seine Ernte in die Gruft zu laden, kam noch immer ein leises Wimmern von der Sitzfläche seines Wagens. Er ignorierte es und legte auch den Geiger in die kalte, modrige Gruft. Den einzigen Luxus, den er ihm zuteilwerden ließ, war ein separierter Platz auf dem Balsamiertisch und ein fleckiges Leichentuch, das er ihm als Decke überwarf. Ob es nun Gewohnheit oder Wunschdenken war, dass er auch das Gesicht damit bedeckte, vermochte man nicht zu sagen.
Der nächste Tag tauchte das Dorf in ein diesiges Licht. Die Sonnenstrahlen vielen auf die krummen Häuser, deren bröckeliges Fachwerk fransige Schatten warf. Von dem vergangenen Tag zeugten nur noch vereinzelte rote Lachen, alles andere war von Hadrian und von findigem Getier beseitigt worden.
In der Kate des Totengräbers brannte ein Öllämpchen in den letzten Zügen, es beleuchtete die ärmliche Einrichtung und das schmuddelige Nachtlager, auf dem sich Hadrian herumwälzte. Ein leises Winseln störte seinen Schlaf, es hatte sich erst leise in seine Träume geschlichen, um dann zu einem nervenzerreißenden Lärm heranzuwachsen. Das Erwachen brachte auch die Erinnerung zurück, dass er gestern nicht nur ausreichend Füllmaterial für eine etwas größere Grube mitgebracht hatte. Mit einem gewissen Gottvertrauen, dass sich alles klären würde, nahm er ein karges Frühstück zu sich und machte sich daran eine Grube auszuheben. Das Schaufeln ging ihm bei dieser Grube ungewöhnlich langsam von der Hand. Als er sein Werk vollendet hatte, musste er einsehen, dass er es nicht mehr länger herauszögern konnte, also lenkte er seine Schritte hin zum sozialen Aspekt seines Berufsstandes.
Als er die düstere Halle der Gruft betrat und ihm der, ihm heimelig gewordene, Geruch entgegenschlug, wähnte er sich schon glücklich und erleichtert. Als plötzlich wieder ein Wimmern von den kahlen, feuchten Wänden zurückgeworfen wurde.
„Wasser!“
Das war es, was das Echo verlauten ließ, voller Qual und dennoch eindeutig. Hadrian lief es eiskalt den krummen Rücken hinunter, so sehr hatte er gehofft, nichts mit alledem zu tun haben zu müssen. Er machte sich seine Pflicht als Christenmensch bewusst und ging, um Wasser zu holen, denn, so dachte er sich: „Wasser brauch‘ ich, ob er‘s nun trinkt, oder ob ich damit ihn und seinesgleichen reinige, ist mir einerlei.“
Als er aber mit seinem Eimer zurückkam, herrschte Totenstille in der Gruft, das leise Knistern der Lampen an den Wänden und sein rasselnder Atem waren die gewohnten und einzigen Geräusche. Fast fröhlich über diese Rückkehr zur Normalität machte er sich daran seine Gäste zu entkleiden, notdürftig zu säubern, ihre Habseligkeiten zu sortieren um sie dann, einen nach dem anderen, zu ihrer letzten Ruhestätte zu schleppen.
„Wasser!“
Seine Arbeit war fast getan, als dieser Ruf erscholl, lang gestreckt und flehentlich. Er hatte sich den jungen Geiger auf dem Tisch zur Sicherheit bis ganz zum Schluss aufgehoben, vor dem er nun mit ratlosem Blick stand. Vorsichtig zog er das Leinentuch vom Gesicht des Geigers, das ihn unter all dem verkrusteten Blut und Eiter bittend anstarrte. In seiner Not griff er schnell nach seinem Lappen, tränkte ihn im Rest des schon schmuddeligen Wassers und träufelte etwas davon zwischen die offenstehenden Lippen seines Patienten. Ein röchelndes Husten gefolgt von immer leiser werdendem Keuchen war die Antwort auf seine Barmherzigkeit. Als das Keuchen und Husten erstarb, folgte wieder Stille. Hadrian wartete auf ein weiteres Lebenszeichen, doch als ihm die Stille immer länger vorkam, lud er sich auch den jungen Mann auf seine Schulter und legte ihn zu seinen Leidensgenossen. Mit dem erhebenden Gedanken etwas Gutes getan zuhaben, verbrachte er den Rest des Tages damit die Grube wieder zu verschließen, und da er gute Laune hatte, zimmerte er dem fahrenden Volk ein kleines Kreuz.
(Fotos mit meiner Sony Alpha 6000)