Lieber Pilgerfreund, jetzt ist es also soweit und ich blicke in den Abendhimmel vor meiner letzten Etappe. Morgen werde ich das Ziel dieser Reise erreichen. Aber wenn der Weg das Ziel ist, wie kann dann ein Ort das Ziel meiner Reise sein? Wie auch immer - nach fünf Wochen immer gleichen Tagesablaufs kommt langsam etwas Schwermut auf. Wie wird es sein, wieder im Alltag funktionieren, teil des normalen Lebens sein zu sollen?
Nach einem kargen Spanischen Frühstück geht es also los und so beginnen die letzten Kilometer wie schon für so viele Pilger vor mir.
Passend zur allgemeinen Stimmung fängt es in Strömen an zu regnen und so erreiche ich Santiago de Compostela am zweiten Regentag dieser Reise, nach 800 km zu Fuß durch den Norden Spaniens.
Da sich die Stadt touristisch ganz und gar ihrem Thema verschrieben hat, werde ich an dieser Stelle nicht weiter auf diesen Ort eingehen, denn es waren die 799 km davor, die die Reise für mich ausgemacht haben. Es ist kaum möglich, 20 Schritte zu laufen, ohne irgendwie daran erinnert zu werden, wo man sich gerade befindet. Der Tradition folgend besuchte ich hier das zweite Mal auf meiner Reise nach Santiago de Compostela eine Messe und so durfte ich, neben sich gegenseitig fotografierenden Priestern am Altar (während der Messe, versteht sich) auch Zeuge des Räucher-Schauspiels, in der gleichnamigen Kathedrale werden. Ein wahrhaft bewegender Moment. Auch ein bekannter Hersteller braunen Zuckerwassers scheint damit in direktem Zusammenhang zu stehen.
Neben viel Essen, Trinken und Feiern war noch zwei Tage Zeit für die Introspektion und so kam mir wieder eine Visitenkarte in den Sinn, die mir irgendwo auf der Reise in die Finger gefallen ist.
Eine spannende Frage, die sich hier stellt und so fühle ich langsam den Drang in mir aufsteigen, etwas zu bewegen - nicht nur meine Beine - und freue mich wieder ein bisschen auf Zuhause.
Der Ruckack ist ein letztes Mal gepackt und das Flugzeug steht bereit.
Jetzt geht sie also los, die Reise zurück ins normale Leben. In den Alltag mit all seinen Ablenkungen und seinem Lärm aber auch mit all seinen Optionen und Möglichkeiten. Zu wissen, dass ich 800 km zu Fuß bewältigen kann gibt mir ein bisschen das Gefühl, alles schaffen zu können und für den Moment mag ich dieses Bewusstsein.
Sobald ich mein Ziel definiert habe muss ich lediglich einen Fuß vor den andern setzen und entschlossen und beharrlich diesem Ergebnis entgegenstreben. Schritt für Schritt.
Frage: Wo und wie, lieber Leser, möchtest Du von jetzt ab in 10 Jahren sein?
Eine andere Sache, die ich auf dem Weg gelernt habe ist, dass jeder in seinem eigenen Tempo gehen muss. Nur wenn beide ihrem inneren Tempo folgen können und niemand auf den anderen warten muss, macht die gemeinsame Reise Spaß. Ich denke, dieses Bild kann auf ziemlich alle zwischenmenschliche Begegnungen angewendet werden.
Meine Reise auf dem Jakobsweg endet hier aber es soll nicht die letzte Reise und auch nicht das letzte Abenteuer bleiben. Auf einige davon werde ich Dich auch in Zukunft wieder mitnehmen.
Die obligatorische Compostela - die offizielle Vergebung aller Sünden, hängt heute in meinem Flur und was bleibt, sind die Erinnerungen an viele spannende und bereichernde Begegnungen, viele einsame Stunden alleine mit meinen Gedanken, das Wissen, was ich schaffen kann, wenn ich den Willen dazu habe und nicht zuletzt - frei nach Konfuze - eine einfache Einsicht: Auch der längste Weg beginnt mit einem ersten Schritt.
Mein Name ist Christian und ich bin unterwegs.