Wie so oft, hat auch mich die Politik in die Knie gezwungen.
Am heutigen Tag bewegen wir uns ein paar hundert Meter aus dem Dorf heraus, hinauf zu einem kleinen Hügel, auf dem, neben vielen, sehr vielen Laubbäumen, noch ein völlig alleinstehendes Gehöft das Landschaftsbild beherrscht.
Da ich die Befürchtung hege, sollte jemals diesem Gemäuer die Möglichkeit eingeräumt werden, exklusiv seine eigene Geschichte zu erzählen, käme ein heftiger Heulkrampf, gewissermaßen als Ouvertüre, zum Zug. Direkt im Anschluss zögen sich geräuschvolle Kotzeinlagen wie ein roter Faden durch die emotional aufgeladene Schilderung.
Kann ich euch das zumuten?
(Mir sei die rohe Ausdrucksweise in diesem Fall erlaubt, da ein wiederholtes Übergeben die Sache nicht wirklich wiedergibt). Selbstverständlich möchte ich euch dies ersparen. Und somit übernehme ich die Aufgabe des Chronisten. Möglichst tränenfrei und ohne retroperistaltische Einlagen (Kotzeinlagen, für alle, die es weiterhin bodenständig lieben).
Das Gehöft wurde von der Kaufmannsfamilie Hatz errichtet, die 1808 aus Ungarn nach Zagreb umsiedelten. Während einer der Söhne zum Zagreber Bürgermeister aufstieg, lebte der größte Teil der Familie fünfzig Kilometer weiter westlich der Stadt, hier auf diesem kleinen Hügel. Wobei mir in diesem Fall klein nicht das treffende Adjektiv zu sein scheint, denn die Familie durfte, neben diesem Anwesen, 350.000 qm Wald und weitflächige Ackerflächen ihr Eigen nennen. Da kann man dann schon mal leicht die Orientierung verlieren. Bevor so etwas passiert, entschied man sich zum Verkauf an die Familie Vergot, deren verfügbares Kapital offenkundig auch nicht von schlechten Eltern, aber doch nicht ganz so üppig wie das der Familie Hatz zu sein schien. Die neuen Besitzer waren fortan (wen wundert es) der größte Arbeitgeber im ganzen Umfeld, nutzten das Gehöft jedoch nicht als Lebensmittelpunkt, sondern verpachteten es an den Staat. Lukrativ für den Eigentümer und eine willkommene Gelegenheit für die Obrigkeit endlich das einzurichten, was die meisten der Dorfbewohner noch nie von innen gesehen hatten - eine Schule.
Das schlimme Los (wie sich bald herausstellen sollte), das die Familie Vergot mit dem Kauf gezogen hatte, wurde seinerzeit im Umfeld eines Mannes verpackt, zu dessen Markenzeichen ein braunes Hemd, eine stets nervöse Hand gehörte, die unablässig den Weg in die Luft suchte und ein Schnauzer, der getrost auch als Rotzbremse bezeichnet werden kann. Dieser wahnsinnige Ex-Gefreite hatte sich partout in den Kopf gesetzt, ein Reich zu schaffen, das 1.000 Jahre Bestand haben sollte. Heute darf getrost behauptet werden, dass der Wahnsinnige nicht nur nicht malen, sondern auch nicht rechnen konnte.
Da die Jugoslawen jedoch nicht durchweg gute Erfahrungen mit den Österreichern gemacht hatten, entschlossen sie sich dazu, einen roten Stern auf die Mütze zu nähen und ihren Teil beizusteuern, dem deutschen Adler mitsamt seinem Führer nach Möglichkeit die Flügel zu stutzen. Was ihnen auch letztendlich gelang. Zum Leidwesen der Familie Vergot. Die neuen kommunistischen Strippenzieher fragten sich nämlich, wahrscheinlich bei einem ersten Blick in die Bilanzen, wieso Pachtzins an einen Großgrundbesitzer fließt, der sich dabei auch noch zu fein ist, die Sense selbst in die Hand zu nehmen und sich zudem die Wiesen von den Schülern mähen ließ. Ja, sie waren zwar durch die Bank ungebildete und ungehobelte Deppen, jene Kommunisten weit draußen auf dem Land, aber so blöd waren sie dann doch wieder nicht. Zum Leidwesen der Familie Vergot, die von da an ohne Ländereien und Tagelöhner auskommen mussten.
Welche Veränderung brachte dies für die Kinder, aufgewachsen auf den Bauerndörfern der Umgebung? Keine! Sie trabten weiter jeden Tag zur Schule und mussten danach das Land der neuen Machthaber mähen. Ganz nach dem Motto: nur ja keine zu großen Veränderungen. Was sich jedoch schlagartig änderte, waren die Abnehmer für das gemähte Gras oder getrocknete Heu, das nun in Hülle und Fülle zur Verfügung stand. Es waren die Bauern, ob sie im eigenen Stall Vieh stehen hatten oder nicht, die gewissermaßen über Nacht ihre Liebe zum Kommunismus entdeckt hatten.
(Eine neue Liebe kann ja ohne weiters mal plötzlich über Nacht hereinplatzen. Dagegen ist kein Kraut gewachsen).
Und weil sie ihren roten Stern immer so fein polierten, wurden sie zusätzlich (wenn man schon am Verteilen war) mit einem Stück aus dem Laubwald beschenkt, das man der Familie Vergot unter dem Hintern weggezogen hatte.
Die großzügige Gesippschaft vollbrachten ihre ‘Wohltaten’ selbstredend nicht ohne Eigennutz. Egal, in welchem der Dörfer sie sich auch blicken ließen, ohne wohlschmeckende Beilagen und einen Dank an das kommunistische System mit seinem unfehlbaren Kommandeur Tito, war an kein alkoholgesteuerten Rückzug zu denken.
Es nahm einige Jahre in Anspruch, bis eine Truppe mathematisch geschulter Kommunisten zu der Überzeugung gelangte, der Tatsache, Kindern aus dem nahen Umfeld eine schulische Ausbildung zukommen zu lassen, eine Abfuhr zu erteilen und stattdessen einen Radius von 5 km um das Gehöft zu ziehen, bis die Erkenntnis reifte, dass es viel effektiver für die Volkswirtschaft sei, wenn alle Schulen (außer einer einzigen) in diesem Umkreis geschlossen werden und ab sofort das junge und dazu noch katholische Bauernpack am Morgen einen Fußmarsch von mindestens 2 km durch Wald und über Wiesen absolvieren muss. Logische Konsequenz des Vaters: „Das musst du dir nicht antun. Hier zu Hause lernst du auch, was du für das Leben brauchst.”)
Ein hervorragendes Beispiel dafür, bis in einer neu geordneten Machtstruktur sich die, die sich nach ganz oben gedient haben, das Innovative in die Tat umsetzen können. - Kleine Ewigkeiten!
Falls jemand an der Definition einer Talfahrt interessiert sein sollte, darf er getrost am Ball bleiben. Von heute auf morgen stand ein ganzes Gehöft leer. Leer, wie leer und ungenutzt - außer einem kleinen Anbau, in dem, in rosigen Zeiten des Anwesens, Magd und Knecht ihr Zuhause hatten. Ein idealer Standpunkt für ein Lebensmittelgeschäft! Von jedem Dorf mindestens 600 m entfernt und nur über eingetrampelte Waldwege zu erreichen. Ja, wer sich am Abend eine Flasche Bier wünscht, der überwindet auch solche Hindernisse. Das Problem dabei - warum teures Bier kaufen, wenn der Wein keine paar Meter neben mir im Keller lagert? Nudeln wurden grundsätzlich selbst gemacht, Kartoffeln und anderes Gemüse lagerten im Keller und der ganze Rest (außer den Plastik-Tischtüchern) war nicht unbedingt überlebensnotwendig. Mineralwasser? -Was ist das für ein neumodischer Blödsinn?
Nicht nur im neuen Supermarkt, auch in der ehemaligen Schule und den anreihenden Nutzgebäuden lief der Stromzähler anstandslos weiter. Es hätte ja schließlich sein können, dass sich urplötzlich ganz andere Möglichkeiten zur Nutzung ergibt. Mann muss lediglich die Geduld haben, auf den Zeitpunkt zu warten, bis in dem Komitee der Entscheidungsträger eine machbare Lösung fruchtbaren Boden findet. Der Zeitpunkt überschritt sein Haltbarkeitsdatum, das Gehöft gibt sich weiter dem Zahn der Zeit hin und doch tut sich Erstaunliches. Die einst so innig geliebten Kommunisten mit dem roten Stern auf der Mütze hatten urplötzlich ihren Glanz eingebüßt.
Die neuen, demokratischen Machthaber schmieden sofort Nägel mit Köpfen und reichen das einst enteignete Land (selbstverständlich ohne die Stücke, die an andere Bauern ‘verschenkt’ wurden) zurück. Entschädigung für den entstandenen Wertverlust des Anwesens gab es selbstverständlich nicht, denn daran waren ja die Anderen, nämlich die Roten, dran schuld.