Meine Bekanntschaft mit Handschellen, während man anderswo aufständige Lieder sang
Teil 2 (1968 - 1975)
Nachdem ich das, wie sich aber im Lauf der Jahre herausstellen sollte, unnütze Papier zur Bescheinigung meiner Hochschulreife in der Hand hielt, machte eine Frage innerhalb meiner Familie die Runde, die sich überhaupt nicht abzunutzen schien. „Was hat dann der doo iwwerhaapt voor?“ - Auf Deutsch und in der Interpretation meines Vaters: Aus diesem Querkopf wird doch nie was. Zu dieser Erkenntnis gelangten meine Erzeuger, als auch ihr x-ter Versuch kläglich scheiterte, mich für ein Pädagogikstudium (genau wie die Mama) oder die Betriebswirtschaft mit anschließender Geldschein-Politik (hier erübrigt sich die Zuordnung) zu begeistern. Eine Antwort für meine Eltern oder allseits akzeptablen Plan über den nächsten Monat hinaus, hatte ich auch nicht. Statt dessen aber eine Frage von für mich sehr hoher Brisanz. „Meiner Schwester habt ihr nach dem Abi den Führerschein bezahlt und ein Auto vor die Tür gestellt. Nach dem Gesetz der Logik müsste ich jetzt an der Reihe sein!?“ „Die hat, im Gegensatz zu dir, auch ihren Weg gemacht. Du bist jedoch der Meinung, alles besser zu wissen. Wir offerieren dir alle Möglichkeiten und beste Kontakte unserer Freunde. Wenn du diese Offerten partout nicht nutzen willst, musst du alleine sehen, wie du zurechtkommst.“
Diese Antwort, die mir auf diese, eigentlich recht übersichtliche und daher gut verständliche Frage serviert wurde, löste wohl in mir den Reflex aus, den ich bis heute nicht abgelegt habe: Immer einen möglichst weiten Bogen um die Herde der Folgsamen zu machen. Viele Steine, noch mehr Beton, ganze Matten Armierungseisen, Schweiß, Schürfwunden und Flaschenbier ebneten meinen Weg von der Baustelle zu dem Kapital, das ich benötigte für den grauen Lappen (Führerschein) und mein erstes Auto. Ein knallroter 2CV. Das geilste Auto überhaupt. Gut, vielleicht lasse ich den Renault4 und den Käfer noch gelten. Aber der ganze Rest war einfach nur zum Vergessen und außerdem nicht bezahlbar. Dieses Auto begleitete mich nach Auxerre, nach Basel, nach London, vors Standesamt, nach München und Frankfurt. Die ersten Sonnenstrahlen nutzend, meist mit aufgerolltem Verdeck und im Winter mit einer Flasche hochprozentigem Schnaps in Griffnähe, falls inmitten der Fahrt die Scheiben enteist werden mussten.
Ein gewisser Willy Brandt machte in Berlin auf sich aufmerksam, die Herren Filbinger und Kiesinger trugen die Fahnen der NSDAP bis in die höchsten Instanzen der Bundesrepublik und ich war aufgewühlt. Ich musste weg. Einfach nur weg von der Saar, wo die Menschen vom Kohlenstaub bereits dermaßen benebelt schienen, dass sie in ein-und-dem-selben Jahrhundert bereits zum 2. Mal, anstatt Seite an Seite mit Luxembourg den Grundstein für ein Europa der Regionen zu legen, mit Jubelgesängen zurück ins „Reich“ geflüchtet waren. Mit 100 unbeantworteten Fragen im Gepäck kratzte ich alle Ersparnisse zusammen, setzte mich in meine rote Ente und machte mich auf in die Mitte Frankreichs, wo mein Großonkel einen Weinhandel und eine kleine Pension betrieb. Dieser Mann war bereits vor 1938 nach Paris und später in die Nähe von Lyon geflüchtet, da er den schwarzen und braunen Uniformen nicht so recht trauen wollte und außerdem eine attraktive Dame bessere Argumente als die Rotzbremse aus Braunau vorzuweisen hatte. In Auxerre blieb ich beinahe ein ganzes Jahr hängen. War zwar so nicht geplant, aber die Touren von Winzer zu Winzer, Chateau zu Genossenschaft und zu den angesagtesten Gastronomen bis hoch nach Brüssel, die von meinem Großonkel beliefert wurden, entpuppten sich als absolut konkurrenzlos. Wer strebt unter den Umständen nach einem öden Studienplatz? Ich lernte sehr viel über den Wein und sog so ziemlich alles in mich auf, was ich in den verschiedensten Küchen miterleben durfte. Denn jedes Mal, wenn wir die große Tour fuhren (Paris, Nancy, Brüssel und dann an der Atlantikküste entlang zurück), machten wir meist bei den alten Stammkunden zwei bis drei Tage Rast. Während der Großonkel neue Kontakte knüpfte, arrangierte er es meist so, dass ich in der Küche der jeweiligen Pension oder Restaurant den Handlanger spielen durfte. Sensationelle Erfahrungen, die mir später noch große Dienste leisten sollten. Doch daran dachte ich in dem Moment noch nicht.
Anfang des Sommers parkte plötzlich ein VW T2 in Auxerre. Der Bus war von allen Seiten bunt mit den verschiedensten Motiven bemalt. Doch wirklich heraus stachen die rote Nelke am langen, grünen Stiel und die geballte, hochgereckte Faust. Beide Motive waren von einem Stacheldraht umwickelt. Während ich den VW-Bus noch aus Nähe begutachtete, verhandelte die Gruppe der Neuankömmlinge mit Monique (die, mit den besseren Argumenten als Adolf) über die Kosten für einen zweitägigen Verbleib in der Pension. Bereits am Abend kamen wir ins Gespräch. Sie hatten sich aus den verschiedensten Ländern zusammengefunden und waren auf dem Weg an den Golfe de Gascogne. Denn in der Region fand in dem Jahr das Treffen der sozialistischen Internationalen statt, um die Basken in ihrem Kampf um Autonomie zu unterstützen und, so ganz nebenbei General Franco mitzuteilen, dass nun Schluss mit lustig sei. Das hörte sich in meinen Ohren nicht nur gut, das hörte sich nach Widerstand und eingeforderter Solidarität an.
Zwei Tage später wurde ich von meinen „Pflegeeltern“ mit ess- und trinkbaren Rationen versorgt, die mich lockerst eine Woche überlebensfähig machen sollten. Adieu Auxerre, bonjour Biarritz! Es verging kaum eine Woche, da saß ich ganz brav auf dem Polizeirevier von Pau und hatte Zeit mich zu fragen, wieso meine Arme hinter meinem Rücken mit Handschellen verbunden sind? Vielleicht war die Idee, mit Transparenten, Bannern und viel Geschrei die Franzosen aufzufordern jetzt und sofort den Basken ihr Land zurückzugeben, doch noch nicht ganz bis zu Ende gedacht. Dass ich nicht mehr mit meinen Mitstreitern in der Zelle, sondern auf dem Revier saß, hatte ich dem Anruf meines Großonkels zu verdanken, der wohl seine Kontakte in der Region aktiviert hatte. Doch vor meinen ersten (aber nicht letzten) Erfahrungen mit Handschellen schlüpfte noch die Erkenntnis, dass sozialistische Revolutionäre ganz miserabel kochen, maximal von drei Liedern aus dem linken Spektrum den Text abrufbereit haben, anstatt Marx zu lesen und verstehen, viel lieber mit Drogen experimentieren und sich dabei als ganz dreckige, hinterlistige Kapitallistenschweine outen können.
Denn eines Abends, die große Mehrheit saß um das große Feuer, trank Rotwein aus dem Tetrapck, kiffte und philosophierten über den unendlichen Kampf gegen die Unterdrückung, stand ich in der Behelfsküche und bereitete mir was zum Essen, da ich Grießbrei und ähnliches Futter für Zahnlose verabscheue. (Und diesen Matsch sah man beinahe jeden zweiten Tag auf dem Teller.) Auf meinem Weg zurück zu meinem Zelt musste ich dann miterleben, wie einer der Dummschwafler, die tagsüber am lautesten nach der Befreiung des Proletariats schrien, in seiner Unterkunft getrocknete Bananenschalen, die er zu einer klebrigen Masse verarbeitet hatte, ganz sorgfältig mit über Stanniolpapier aufgewärmtem Haschisch vermischte. Die wundersame Kapitalvermehrung durch den selbsternannten Mitstreiter des Ernesto Che Guevara. Als der Freund meines Großonkels eine Kiste mit Köstlichkeiten aus dem Burgund auf der Wache den Polizisten übergab, wechselte man noch ein paar joviale Freundlichkeiten, ich wurde von den Handschellen befreit und bekam zum Abschied noch ein offizielles Schreiben überreicht.
Die Revolution im Baskenland musste verschoben werden, da die Franzosen der Meinung waren, ich müsste innerhalb von zwei Tagen das Land verlassen und danach auch drei Jahre nicht mehr versuchen Marianne unter den Rock zu schlüpfen. Das fand ich nicht sehr nett von meinen Nachbarn. Aber dieser Platzverweis bot mir die Möglichkeit Verschobenes nachzuholen.