Ich bitte euch, die volle Konzentration auf die menschenleere Straße im Hintergrund zu richten. Hier handelt es sich nämlich um die berühmte Straße, um die es heute geht. Im Vordergrund, der vielleicht hätte wegretuschiert werden können, seht ihr übrigens meine Schwester und mich im hauseigenen Swimmingpool. Ein, zu jener Zeit, luxuriöses Teil, welches mich jedoch nicht vollends überzeugte, da mir strengsten verboten war, Kopfsprünge ins angewärmte Nass zu trainieren. Meine Schwester übte sich lieber in der Disziplin auf der Stelle tauchen, was paradoxerweise erlaubt wurde. Damit sie in Reichweite neuer Rekorde gelangen konnte, saß ich ihr oft helfend zur Seite und legte fürsorglich meine Hand auf ihren Hinterkopf, damit sie den Pool-Boden besser erkunden konnte.
… doch jetzt, ab auf die Straße.
Der eigentliche Grund, weshalb just diese Straße in meiner Heimatstadt einstmals nach jenem bekannten Dichter und Dramatiker benannt wurde, konnte mir bislang niemand verlässlich erläutern. Diejenigen, welche dafür verantwortlich waren, das Wohnviertel, in dem meine Eltern ihr Wohnheim für die endliche Ewigkeit zu erbauen gedachten, Straße für Straße mit den Namen hinlänglich bekanntener Philosophen, Schreiberlinge und Denker in den Stadtplan zu stanzen, sind inzwischen entweder dement, hoffnungslos mit ihrem wider Erwarten erreichten Alter überfordert oder noch immer dermaßen tumb wie vor vierzig Jahren, als sie mit diesem Beschluss im Stadtrat den Weg zur Umsetzung frei machten. Allerdings, die eindeutig stärkste Fraktion ehemaliger Wichtigtuer hat sich, trotz eines letzten Aufbäumens, den Regularien des Lebens unterworfen, das Zeitliche gesegnet und erfreut sich einzig noch daran, wenn von Zeit zu Zeit ein streunender Hund auf ihre Grabstätte pinkelt.
Als akzeptabler Grund für die damalige Entscheidung, käme eventuell die übersichtliche Länge der Straße in Betracht, da auch Friedrich Schiller mit seinen sechsundvierzig Jahren überaus kreativen Daseins wahrhaftig nicht auf ein langes Leben zurückblicken konnte. An der Vielfältigkeit seines Schaffens kann es jedenfalls in keinster Weise festgemacht worden sein, denn in der Schillerstraße glich ein Haus dem anderen - ähnlich zu beobachten bei eineiigen Zwillingen. Diese eintönige Gleichheit hatte ihrer Ursache keinem Zufall zu verdanken. Hier wurde im Vorfeld, zwecks Kostenersparnis, lediglich ein Bauplan erstellt und dieser siebenmal links und achtmal rechts der Bürgersteige ins Bewohnbare vermauert. Das Geburtsdatum der Schillerstraße liegt, wie bereits angedeutet, ewig zurück, was schlichtweg auch an der Tatsache festgemacht werden kann, dass seinerzeit Sozialdemokraten und Christdemokraten überhaupt keinen Gedanken an eine Liberalisierung des Marktes verschwendeten und daher Arbeiterfamilien den Bau eines kleinen Eigenheims, trotz zeitweiser Miteigentümerschaft der Hausbank, in Angriff nehmen konnten. Solche Zustände liegen zweifelsohne sehr, sehr lange zurück. Obwohl im Erscheinungsbild das Errichtete äußerst schlicht daherkam, waren die Eigenheime doch um Längen besser, als der etwas weiter östlich praktizierte Plattenbau mit dem warmen, sozialen Flair, der dann überdies noch tausendfach im sozialistischen Übereifer kopiert wurde.
Doch Klaus (mein bester Freund) und ich, wir erkannten in der Schillerstraße das ungefähr langweiligste Stück Asphalt, das wir bis dahin betreten hatten. Es passierte auf der kurzen Strecke nahezu überhaupt nichts. Autos verirrten sich in die Schillerstraße fast nie. Die stolzen Eigenheimbesitzer werkelten jede freie Minute an der neuen Bude, legten Vorgärten an oder zupften Unkraut im Gemüsegarten. Zelebrierte Tristesse bis zum Abwinken. Da wundert es nicht, dass wir nach dem Kindergarten und später nach den Hausaufgaben, sofort unsere wichtigsten Utensilien zusammenrafften und in das weite Brachland hinter der Schillerstraße verschwanden. Ohne die Aufsicht der Erwachsenen konnte der Nachmittag völlig nach dem eigene Gusto gestaltet werden. Mit Pfeil und Bogen wurde auf alles angehalten, was sich ansatzweise bewegte. Da sich manchmal sogar in der Wildnis nichts bewegte, kam es durchaus vor, dass Klaus einen Pfeil auf meinen Hintern abfeuerte oder ich seine Halbschuhe ins Visier nahm. Doch mit großem Abstand entpuppten sich eindeutig die Ratten als beliebteste Ziele, die sich auf der nicht weit entfernten Müllhalde ein gemütliches Zuhause eingerichtet hatten. Getroffen haben wir zwar fast nie und wenn doch, hatte es den Nager nicht wirklich in Verlegenheit gebracht oder gar ins Nirwana befördert. Obwohl es sich durchaus gelohnt hätte, die Pfeile besser anzuspitzen, da in jenen Tagen noch für jede erlegte Ratte eine Prämie bezahlt wurde. Jahre später ist der Stadt wohl das Geld ausgegangen. Einen anderen Reim konnten wir uns zumindest nicht auf den Umstand zusammenschustern, dass der ganze Müll und die Ratten innerhalb von acht Tagen von großen Bulldozern kurzerhand eingeebnet wurden und anschließend alles unter einer dicken Erdschicht verschwand, auf der heute die Kindertagesstätte ihr Dasein fristet. Ob die Kinder eine Ahnung davon haben, dass sie Tag für Tag auf einem Massengrab und Müllhaufen toben?
Pfeil und Bogen wurden von Rollschuhen, Dartpfeilen und Glasmurmeln abgelöst. Selbstredend alles nicht weniger gefährlich als die Indianer-Standard-Ausrüstung, denn keine Abfahrt schien steil genug und kein Körperteil derart gut geschützt, dass nicht die Spitze eines Wurfpfeils ihr Ziel hätte erreichen können. Ebenso unvergessen bleiben die ausgedehnten Raufereien um die schönsten, buntesten und größten Murmeln.
An die heimische Schillerstraße konnte uns einzig ein wahres Sauwetter ketten. Dann mutierten wir zu Gefangenen der Vorstadtidylle. Obwohl es mich nicht ansatzweise interessierte, wurde ich an solchen Schlechtwetterlagen von meinen Eltern mit Informationen gefüttert, die allesamt einen Bezug zu den direkten oder indirekten Nachbarn hatten. Denn dann wurde kein Unkraut gerupft, kein Rasen gemäht und kein Fenster geputzt. Man saß vollkommen unterfordert zusammen im Wohnzimmer und spielte eines dieser uralten Brettspiele. Fatalerweise gingen meine Eltern davon aus, sie würden mir mit diesem öden Würfeln eine Freude bereiten. Wären sie in der Lage gewesen, das Wetter ändern können, ich hätte sie wohl zu Helden erkoren. Doch so hockten wir um diesen Tisch, würzten die nicht vergehen wollende Zeit mit einer gehörigen Portion Tristesse und meine Mutter starrte ständig aus dem Wohnzimmerfenster, da sie von ihrem Platz die ganze Straße im Auge halten konnte. Nichts, aber rein gar nichts entging ihr. Da allerdings bei Sauwetter sowieso so gut wie nichts passierte, wurde ich mit all dem versorgt, was in den letzten Tagen in der Straße vorgefallen war. Nicht, dass ich darum gebeten hätte. Sie erzählte es ja genaugenommen nicht mir. Mama informierte Papa, der für solch detailliert geschilderte Feinheiten unter normalen Umständen auch kein Sinnesorgan frei hielt. Ich saß jedoch dabei und musste, ob ich wollte oder nicht, die Klatschgeschichten über mich ergehen lassen. Man kann somit getrost davon ausgehen, dass ich zeitweise und stark wetterbedingt einigermaßen gut darüber informiert war, was hinter fremden Fassaden so passiert.
Daher wusste ich sehr wohl, in der Schillerstraße tummelten sich mehr Protestanten als Katholiken. Ob das heute noch der Fall ist, weiß wohl allein die Dame vom Einwohnermeldeamt oder die Sachbearbeiterin beim zuständigen Amtsgericht. Zu der Zeit war das allerdings ein Riesenthema. Die Kinder gingen je nach Religionszugehörigkeit in verschiedene Kindergärten und evangelische und katholische Grundschüler liefen sich eher selten über den Weg. Sogar Fußball wurde je nach Konfessionszugehörigkeit streng getrennt gespielt. Eine ganze Weile ging ich sogar davon aus, der katholische Geistliche sei auch der Trainer seiner kickenden Schafe, so engagiert wie der an Spieltagen von der Seitenauslinie seine unerfüllbaren Hoffnungen lautstark aufs Feld transportierte.
Meine Mutter verfügte dabei noch über die Fähigkeit, scheinbar ohne größere Probleme, zu unterscheiden zwischen normalen Katholiken und den übereifrigen, die sich einen festen Sitzplatz in der Kirche reserviert hatten. Auch zwischen dem Alltagsprotestanten und dem Protestanten, dem seine Gläubigkeit klar und deutlich auf der Stirn abzulesen war. Ich habe das nie wirklich verstanden, war mir zudem egal, da für mich fast alle Erwachsenen einerseits langweilig und dann auch ziemlich nervig waren. Diese Altersgruppe lagerte bei mir in derselben Schublade mit den Schlechtwetterlagen. Vielleicht lag das daran, weil mir, ohne eine nachvollziehbare Erklärung seitens meiner Eltern erhalten zu haben, eingetrichtert wurde, ich müsse jeden Erwachsenen, der mir unabhängig vom vorherrschenden Wetter und der Uhrzeit, aus welchem an den Haaren herbeigezogenen Grund auch immer, in angemessener Form grüßen. Der mitgelieferte Beipackzettel enthielt lediglich einen einzigen Hinweis für die unumstößliche Verhaltensregel: »Das macht ein gut erzogenes Kind eben!«
An diese Direktive hielt ich mich sogar eine ganze Weile. Jedoch nur so lange, bis mir auffiel, dass ein Großteil derer, denen ich den Wunsch für einen guten Tag mit auf den Weg gab, für mich nichts zumindest annähernd Gleichwertiges auf der Zunge parat hatten. Daher fügte ich dieser Vorgabe eigenständig eine (für die später benötigte Rechtfertigung) Präambel bei: Folgt auf den dritten Anlauf, Herrn Fischer aus dem Haus mit der Nummer 9 einen Guten Tag zu wünschen, wiederum nur ein unfreundliches wie unverständliches Gebrumme, kann das Arschloch sich zukünftig meinen Gruß in die Haare schmieren.
Kaum hatte ich dieses erklärende Vorwort in meinen überreichten Katalog zum täglichen Verhalten integriert, bimmelte es Sturm an unserer Haustür. Herr Fischer hatte das dringende Bedürfnis meinen Vater darüber zu informieren, dass sein ungezogener Sohn es offensichtlich nicht für notwendig hält, einem erwachsenen Menschen und direkten Nachbarn, wie es schließlich von einem Dreikäsehoch zu erwarten sei, angemessen die Zeit zu bieten. Ganz nebenbei bemerkt, wäre er zufällig zugegen gewesen, als ich den ältesten Spross der Familie Weirich verprügelt habe. Um meinen Vater nicht vollkommen planlos im Türrahmen stehenzulassen, gab er ihm den dringenden Rat, mit mir unbedingt ein ernstes Wort zu wechseln. Das wäre wohl das Mindeste, was man als Nachbar erwarten könne.
Ich hörte mir die Moralpredigt beim Abendbrot an und musste versprechen Herrn Fischer zukünftig wieder zu grüßen – egal ob er zurück brummt oder dessen Verhalten gegen meine eigenen Richtlinien verstößt. Ich kam mit mir überein, dass dies zu versprechen, nicht wirklich weh tut. Eine eventuelle Umsetzung stand weit entfernt in den Sternen.
Die Prügelei mit dem Filius der Weirichs wurde mir nur verziehen, da mein Vater bei Kornbrot und Leberwurst offen kundtat, dass er dem alten Weirich manchmal auch gerne aufs Maul gehauen hätte. Ein Geständnis, das meine Mutter tatsächlich kurz aus der Fassung zu bringen schien. Derartiges durfte man denken, gar während ereignisloser Nächte im Schlafzimmer beichten - allerdings nicht vor dem Kind offen aussprechen.
Daran hat sich bis heute in dieser Straße null und nichts geändert. Zu Hause werden die Messer gewetzt und der Tratsch zerhackstückt, während vor der Tür freundlich gegrüßt wird.