Ab an die Küste
Um den heimischen Räumen zu entfliehen und sich der elenden Hitze richtig uneingeschränkt zu ergeben, bepackte meine Frau die kleine Reisetasche. Anschließend verfrachtete ich beide ins Auto. Die mit den weiblichen Attributen, angeschnallt auf dem Beifahrersitz, während das Teil mit dem Reißverschluss im Kofferraum, restlos ungesichert der Zukunft entgegenfiebern konnte.
Die Fahrt in Richtung Küste konnte in Angriff genommen werden. Selbstverständlich in einem Auto, in dem die Klimaanlage bereits vor zwei Jahren die letzten Funktionszeichen abgab.
Somit die optimal beste Voraussetzung auf die Temperatur, die uns auf der Insel Rab erwarten sollte. Warum gerade Rab? Weil dort eine Freundin residiert, die dermaßen konsequent psychisch zu malträtieren weiß, bis du freiwillig dein Kommen ankündigst.
Üblicherweise sieht mich die Küste ausschließlich im Frühjahr oder Herbst. Nicht vordergründig wegen der vorherrschenden Temperaturen während der Sommermonate. Es sind mehr die Menschenmassen, die sich durch die Gassen der Küstenorte schieben und mich ziemlich fehl am Platz vorkommen lassen. Allerdings gibt es Ausnahmen, wie diese Fahrt anschaulich unter Beweis stellte. Was will und kann ein Mann noch ändern, wenn zwei Frauen den fertigen Plan längst in der Tasche haben.
Einzig, was mich bei einer solchen Stippvisite optimistisch stimmt, ist die Tatsache, dass der Tag der Heimreisereise unaufhaltsam näher rückt. An diesen fragilen Strohhalm klammerte ich mich inständig, als wir in Lopar ankamen und der wagemutige Versuch gestartet wurde, der aufgeheizten Blechbüchse zu entkommen. Zum Glück liegt das Anwesen der Freundin leicht abseits und ist, was die Klimatisierung betrifft, unserem Auto um Jahrzehnte voraus.
Der Nachmittag hielt langsam Einzug und über Jahre angesammelte Erfahrungen nährten meine Befürchtung, in Kürze einer ganz bestimmten Aufforderung definitiv nicht mehr entgehen zu können, derer ich mich allerdings liebend gerne entziehen würde. Doch der Blick meiner Frau signalisierte unmissverständlich, dass ich nicht einen einzigen Gedanken daran verschwenden musste, einen Antrag wegen plötzlicher Unpässlichkeit einzureichen.
»Kommt, wir gehen runter ins Dorf und an den Strand.«
Diese Worte kommen bei mir vergleichbar gut an, wie der Versuch eines Kellners, mir saure Lunge oder gebackenes Hirn aufzuschwatzen. Alles wie befürchtet! Nicht noch schlimmer – aber eben schlimm genug. Da nutzte auch der leichte Westwind nicht, der mich zumindest zeitweise von der Hitze abzulenken versuchte.
Erschwerend kam noch hinzu, unter einer außergewöhnlichen Phobie zu leiden, bei deren Definition ich keine unerhebliche Rolle spielte. Ich nenne sie LSF-100-Ölteppich-im-Flugmodus. Dieser Teppich (übrigens nicht verwandt oder verschwägert mit dem gewebten Perser von IKEA oder der Häkelware aus dem Bio-Laden), basierend auf dem Lichtschutzfaktor 100, ist angereichert mit reichlich Schweiß, Ölen jeglicher Art und natürlich jeder Menge Leichtmetallen, ohne die sich heute kein Fisch mehr auf den Teller wagt. Er liegt dann (wenn er nicht gerade einen Flugversuch startet) von April bis September wie eine Glocke über der Adria. Sollte dieses Monstrum durch einen stark aufkommenden Südwind mal unglücklicherweise ins kroatische Hinterland geweht werden, sind unsere Gartenpflanzen imprägniert bis ins nächste Jahrhundert. Dieses ölige Monstrum hatte sich zweifelsohne an jenem Nachmittag über mir ausgebreitet. Der Versuch, der Phobie ein Schnippchen zu schlagen, gelang leider nur zeitweise.
Beispielsweise mit dem Auftritt einer extrem nervigen Dame, die mir in einem deutsch-englischen Kauderwelsch eine Flasche Kräuterschnaps anzudrehen versuchte, was mich dazu veranlasste, ihr auf Kroatisch kurz und knapp die Spielregeln zu erläutern. Wenn jemand keine Ahnung hat, was eine Deflation bedeutet, dort in den Straßen von Lopar wäre es ihm anschaulich demonstriert worden. Es erfolgte der Wertverfall einer Flasche Schnaps im Eiltempo!
Trotz aller Widrigkeiten darf ich nicht unerwähnt lassen, es offenbarten sich auch unerwartete Momente des Glücks für mich. Die beiden Damen hatten nämlich das Bedürfnis, unbedingt ihre neugierigen Nasen in jene Geschäfte zu strecken, die ich in der Regel nur unter Zwang betrete, da ein Teil der Verkaufsfläche für viel zu enge Umkleidekabinen reserviert ist. Spätestens vor solchen Läden wirken bei mir ohnehin keine vorwurfsvollen oder gar bittende Blicke mehr. Bei solchen Exkursionen bin ich definitiv raus. Eine brauchbare Alternative sieht dann meist wie folgt aus. Ganz ohne Hektik, in aller Ruhe einen schattigen Platz in einem Straßencafé suchen, einen Mokka plus dem Glas mit Wasser ordern und mir vom Kellner die Tageszeitung reichen lassen. Unter solch günstigen Voraussetzungen sind dann, wie von Geisterhand vertrieben, die Hitze und die fliegenden Händler schnell vergessen.
Zu meiner Überraschung stieß ich auf der dritten Seite, ausgerechnet der Seite, die für mehr oder minder gute Kommentare reserviert ist, auf das Thema Boris Becker. Wie reduziert im Kopf muss ein kroatischer Redakteur sein, wenn ihm nichts anderes einfällt, als das Wohlergehen eines gescheiterten Tricksers in einem englischen Gefängnis ausführlich zu kommentieren? Korruptionsvorwürfe innerhalb der Regierung, ständige Spannungen zwischen Präsident und Regierungschef, Wahlrechtsreformen in Bosnien, Abspaltungsversuche der Srbska Krajina - um nur einige wenige Themen vor der Haustür aufzugreifen. Und schafft es diese Lulle mit Boris Becker auf die dritte Seite! Zumindest war ich im Anschluss darüber informiert, dass das Essen im Knast nicht nur schlecht, sondern die Portionen zu klein sind.
Kann einer von euch mir dabei behilflich sein, aus diesem Bockmist einen Funken Logik herauszufiltern? Wenn Ungenießbares geliefert wird, ordere ich doch nicht gleich die große Portion. Höchstwahrscheinlich war der Schreiberling vor ein paar Tagen in den LSF-100-Ölteppich-im-Flugmodus geraten. Wenn ja, dann ist ihm verziehen.
Noch besser als Chips und Gummibärchen
Spargel-Brot
Ob am Abend, mit einem Buch in der Hand, am Rechner oder vor der Glotze - etwas zum Knabbern kommt da meist gerade recht. Da Chips oder Gummibärchen auf mich eine hohe Suchtwirkung ausüben, sah ich mich genötigt nach einer schmackhaften Alternative Ausschau zu halten. Ich habe das Gefühl, fündig geworden zu sein.
Das Ergebnis:
Die Zubereitung:
Aus Mehl, Hefe (trocken oder frisch - spielt keine Rolle), einem kräftigen Schuss Olivenöl, lauwarmem Wasser und Kräutersalz setze ich einen Hefeteig an. Bis die Hefe im Teig ihre Wirkung sichtbar werden lässt, schneide ich den rohen grünen Spargel in dünne Scheiben. Gleiches geschieht mit den Frühlingszwiebeln. Das Gemüse wird mit Salz, Pfeffer und etwas Chili gewürzt und mit ordentlich geriebenem Käse vermengt.
Hat der Hefeteig sein Volumen verdoppelt, wird er auf Backpapier ausgerollt, auf das Blech gezogen und mit dem rohen Spargel belegt. Bei 160 bis 170° Umluft im Backofen 30 Minuten ausbacken.
Guten Appetit!
Was die Musik betrifft, da benötigt Qualität kein Haltbarkeitsdatum
Jethro Tull
Die Band gehört zweifelsohne zu den Urgesteinen der Rockgeschichte. Was sie von Anfang an auszeichnete (abgesehen von der hervorragenden Musik) sind ihre Texte, die sich beinahe ausschließlich mit brennenden sozialen Themen beschäftigen. So auch auf ihrem neuen Album, das im vergangenen Monat erschienen ist.
Zum Titelsong sagt Ian Anderson selbst:
"Der Titelsong bietet viele Anspielungen auf die radikale, politisch aufgeladene Welt des Populismus und deren Führung. Als Songtext fasst dies für mich die polarisierende Natur gesellschaftlicher Beziehungen und die extremen Ansichten zusammen, die das Feuer des Hasses und der Vorurteile anfachen. Heute vielleicht noch mehr als in jeder anderen Zeit der Geschichte. Vielleicht denkt ihr, dass ihr wisst, an wen ich hier gedacht habe, aber in Wirklichkeit gibt es momentan mindestens fünf diktatorische Nationalfiguren, die dazu passen würden."