Das göttliche Diktat muss ein Ende haben.
Schon alleine deswegen, weil mein Opa mir immer noch eine Antwort schuldig ist.
Der Tag hätte weitaus besser für mich beginnen können. Was als gemeinsames harmonisches Frühstück geplant war, scheint sich hin zu einem provokanten Machtgeplänkel zu entwickeln. Denn mein Goldstück für die Ewigkeit1 greift in diesem Moment ungeniert (und das vor meinen Augen) nach dem Stück Käse, auf das ich schon die ganze Zeit spekuliert habe.
Sie weiß ganz genau, wie sehr ich diese Käsesorte liebe. Wahrscheinlich ist dies auch der Grund, weshalb sie diesen Akt der Unverfrorenheit wie in Zeitlupe vollzieht. Da passt es dann ins Bild, dass das delikat duftende Objekt meiner Begierde keineswegs direkt zwischen ihre Lippen wandert. Nein, zuerst dürfen die Nasenlöcher das volle Aroma des Milcherzeugnisses genüsslich einsaugen. Erst dann ist der Gaumengenuss angesagt. Ich muss gestehen, gerade fassungslos zu sein.
Dieses gemeinsame Beisammensein zum Aufbruch in den noch jungen Morgen bleibt also bei Weitem hinter meinen Vorstellungen zurück.Würden in diesem Haus auch nur ab und zu meine Wünsche berücksichtigt, ich hätte es als eine nette Geste der emotionalen Verbundenheit, ein Zeichen unserer innigen Liebe empfunden, wäre mir eine sanfte Massage meiner verspannten Nackenmuskulatur verabreicht worden - während ich mein Brötchen mit geräuchertem Lachs belege.
Dies wäre auch die ideale Gelegenheit gewesen, sich bei mir zu erkundigen, wie überhaupt die Nacht für mich verlaufen ist. Wie viele Dämonen ich mal wieder von unserem Eigentum fernhalten musste, nur damit das Herzblatt im erholsamen Schlaf nicht gestört wird.
All das scheint meine Frau jedoch nicht zu interessieren. Viel wichtiger ist es scheinbar, mir dieses Stück Käse vor der Nase wegzuputzen.
Mein Opa erklärte mir diesen menschlichen Habitus früher immer mit folgenden Worten: „In der Not frisst der Bauer die Wurst auch ohne Brot.“
Hierbei sollte jedoch keineswegs unerwähnt bleiben, dass mein Opa Käse hasste. Er hasste Käse sogar noch mehr als den Kassierer des Musikvereins, bei dem er seit ewigen Jahren die Tuba blies. (Nicht bei dem Kassierer, sondern beim Musikverein.) Als plastischen Vergleich, um besser verstehen zu können, wie groß die Abneigung im wirklichen Leben war, sei nur erwähnt: Diesen Mann in seiner Nähe zu wissen, war für ihn noch schlimmer, als eine lauwarme Hühnersuppe ohne Maggi. Warum genau und weshalb das zwischen den Beiden nichts werden konnte, das hat er mir leider nie verraten. Der Tod war einfach schneller, als die Bereitschaft meines Opas zum Ausplaudern von Interna.
Käme jedoch der Tod nicht immer am Ende des Lebens, wie der Allmächtige es blödsinnigerweise in die Abfolge programmiert hat, dann wäre wohl für Opa noch Zeit gewesen mir zu erklären, warum man sich nie um den Posten eines Kassierers reißen sollte.
Daher müsste er das mit dem finalen Tod sich wirklich noch einmal überlegen, der da oben über den Wolken. Schnupfen Sackjucken, Kopfläuse, ja sogar eine Mandelentzündung, all das hat er uns (bevorzugt nur uns Männern) mit auf den schwierigen Weg durch das Leben ins Reisegepäck gelegt, obwohl er sehr wohl wissen müsste, dass wir Männer zwischendrin auch noch vom weiblichen Virus befallen werden. Doch heroisch ertragen wir diese, uns von Gott auferlegte Last.
Das uns angeborene Einfühlungsvermögen, die in uns schlummernde, schier unendliche Kraft der Selbstheilung, welche uns durch wahrhaft schwere Zeiten treue Begleiter sind, eröffnen nach dem erfolgreichen Kampf gegen die aggressiven Viren und Bakterienstämme uns immer die Wahl: Das Ganze irgendwann nochmal durchmachen (auch das mit dem weiblichen Virus) oder gesund komplett der Langeweile anheimfallen?
Nochmals, damit es nicht in Vergessenheit gerät (und das ist ganz wichtig): Wir haben die Wahl!!!
Genau da liegt der Hase nämlich begraben. Warum verlässt der Meister aus dem All gerade beim Tod den demokratischen Weg. Beim Fußpilz habe ich die freie Entscheidung. Die tropfende Nase kann auch mal zum ständigen Begleiter werden. Nervt zwar, lässt sich aber auch mit Hausmitteln vorübergehend in die Flucht schlagen.
Der Tod ist da ein ganz anderes Kaliber. Der Sensenmann hasst langwierige Diskussionen. Sie führen auch meist zu nichts. Egal wie viele Argumente man sich vorher zurechtgelegt hat.
Nur mal angenommen, mein Opa hätte damals im Kreiskrankenhaus, als ihm das Herz einen bösen Streich spielte und mir nichts dir nichts das langsam steigende Wasser aus den Beinen und der Lunge nicht mehr abpumpen wollte, dem Tod einfach mal so richtig die Meinung gegeigt. Aber Opa war ein miserabler Geiger. Er liebte nur die Tuba und hasste den Kassierer – und, nicht zu vergessen, lauwarme Hühnersuppe ohne Maggi.
Er hätte dem Tod sagen können, schön, dass man sich mal kennengelernt habe. Aber an einen gemeinsamen Weg in die Zukunft sei im Augenblick jedoch nicht zu denken, da die nächste Generalversammlung des Musikvereins ansteht – und da müsse er hin. Alleine schon wegen dem Bericht des Kassenprüfers. Außerdem habe er seinem Enkel versprochen, noch ein kleines Geheimnis zu lüften.
Alles für die Katz! Vergebliche Bemühungen.
Der Tod ist als Dickkopf und nicht eben diskussionsfreudig bekannt. Schuld daran ist Gott. Also wenden wir uns mit einer Petition genau an den greisen Herrn.
Bevor das Schriftstück jedoch aufgesetzt wird, sollte die Kernfage noch geklärt werden.
Die lautet demnach:
Müssen wir uns dem diktatorischen Handeln eines alten Mannes beugen, der es noch nicht einmal fertigbringt, Frauen, bevor sie am Abend ins Bett gehen, mit warmen Füßen zu versorgen?
Ihre Meinung bitte an:
Ver.di
Deutschland
Wobei ich davon ausgehe, dass Gott ein Dienstleister ist.