Die Diplomatie, der Steuerzahler und ein unbedarfter Friedensstifter.
Was bisher geschah.
https://steemit.com/deutsch/@w74/auch-revolutionaere-koennen-ganz-schoen-grosse-arschloecher-sein
https://steemit.com/deutsch/@w74/das-leben-stellt-forderungen-an-mich-waehrend-die-anderen-einfach-weiter-musizieren
Dies ist eine weitere Episode aus meinem mehr oder weniger ungeordneten Leben in den Jahren 68 bis 75.
Deutschland, Frankreich und die Schweiz lasse ich hinter mir und begebe mich auf die Insel, auf der die große Mehrheit der Autobesitzer Geisterfahrer sind und sich Menschen für einen Sport begeistern können, bei dem die Mannschaften nur bei schönem Wetter den Rasen betreten wollen.
London musste mich ertragen.
Der in der nachfolgenden Erzählung erwähnte Belfry Club nennt sich heute Mosimann's Club. Die Gäste haben sich geändert, das Ambiente ist geblieben.
Die Überfahrt verbrachte ich von der ersten bis zur letzten Minute im Frachtraum der Fähre, zwischen all den dort abgestellten Fahrzeugen. Denn als ich im Hafen von Calais die Masse der LKW‘s sah, die alle vorhatten in das gleiche große Loch des Schiffes zu fahren, das mich auf die Insel bringen sollte, dachte ich nur: Da kann ich meinen kleinen, roten Teufel nicht alleine lassen. Es ging zum Glück alles gut. Keiner dieser Monsterdinger versuchte mit meiner noch jungfräulichen Ente zu kopulieren.
Um mir das Eingewöhnen beim Fahren auf der „falschen“ Fahrbahnseite etwas zu erleichtern, entschloss ich mich ab dem Verlassen der Fähre zuerst einmal hinter die Stoßstange eines Fahrzeugs zu klemmen, das mit britischem Kennzeichen von der Fähre rollte. Was ich jedoch in meiner Planlosigkeit vergessen hatte, meinen auserkorenen „Blindenführer“ vorher zu fragen, ob er vielleicht auch, genau wie ich, die Autobahn in Richtung London ansteuert. Ich hatte Glück. Schnell bemerkte ich, dass es wirklich möglich ist, im Kopf einfach nur einen Schalter umzulegen. Ich dachte mir, achte einfach nur beim Abbiegen darauf, dass du immer auf der Straßenseite landest, wo du die Fußgänger auf dem Bürgersteig per Handschlag aus der Fahrerseite heraus begrüßen kannst. Was bleibt zu erwähnen, außer dass die Taktik funktionierte.
Noch naiver ging ich das Unternehmen „Kontaktadresse ansteuern“ an. Meine naive Sorgloosikeit schöpfte ich aus der Erfahrung heraus, bereits zwei Mal erfolgreich die Zweitwohnung meines Großonkels in Paris unbeschadet geortet zu haben. Wer Paris meistert, für den sollte London keine große Herausforderung sein. Zugegeben, ich bin manchmal ein furchtbares Großmaul. Aber wenn der Werdegang der Geschichte mir letztendlich Recht gibt, warum sollte ich mir dann ein einsames Plätzchen für die Entgegennahme des Applauses aussuchen?
Nur frag mich bitte niemand mehr, wie ich das hinbekommen habe. Aber alles lief prima. Was ich jedoch in der Eile vergessen hatte – in London konnten sich bis zum damaligen Zeitpunkt weder Deutsch noch Französisch als Amtssprache durchsetzen. Doch war ich nicht gänzlich unvorbereitet. Den Refrain von „Love me do“ der Beatles hatte ich voll drauf. Aber ob mir das am Empfang des Bond-Hotels eine große Hilfe sein würde? Da hatte ich so meine Zweifel.
Alle jemals erlernten Vokabeln mussten mir nun helfend zur Seite stehen. Doch kaum lag mein Empfehlungsschreiben vom Hotel Widder auf dem Desk der Rezeption, wandelte sich die ganze Atmosphäre. Ein lupenreines Französisch schallte mir entgegen und nur wenige Minuten später saß ich meinem ersten Arbeitgeber in Großbritannien gegenüber. Dessen Muttersprache: Französisch!
Am frühen Abend parkte ich meine Ente in der Lennox Road (Finsbury Park), in einem nördlich gelegenen Stadtteil von London. Dort befand sich das Personalhaus der Investoren, die das Bond-Hotel und den Belfry Century Club als Hobby und gleichzeitig Goldesel nutzten. Aber diese Art von nebensächlichkeiten sollte ich erst Monate später herausfinden.
Zu meiner großen Überraschung brauchte ich mein Zimmer im Personalhaus mit keinem anderen Mitbewohner zu teilen. Dafür aber mussten die Warmwasserleitung und die Heizung ständig mit Geldstücken gefüttert werden, falls der Versuch mit warmem Wasser und erträglicher Raumtemperatur in Angriff genommen werden sollte. Da im Hotel und im Club verschiedene Schichten gefahren wurden, trafst du auch, je nachdem wann du in die Gemeinschaftsräume nutztest, immer auf neue Gesichter. Und vor allem – neue Sprachen!
Meinen Arbeitsplatz fand ich im „The Belfry Century Club“ in der Harlen Street am Belgrave Square. Parkende 2CV's vor dem Eingang waren dort schlicht und einfach unerwünscht. Mir war es egal, da die U-Bahn sowieso die bessere Variante war. Dieser Club, im nobelsten Viertel Londons überhaupt, entpuppte sich als der Treffpunkt aller in London registrierter Diplomaten aus den verschiedensten Ländern dieser Welt. Mein Job sollte es sein, in den sich aufgeschaukelten Spannungen zwischen Küche und Service den Blitzableiter zu spielen und das eifersüchtige Konkurrenzdenken, insbesondere was den Einkauf betraf, zwischen diesen beide Parteien auf ein weniger handgreifliches Niveau herunterzufahren.
Spannungen zwischen Küche und Service waren mir nicht neu. Auch im „Hotel Widder“ gab es die. Aber mit einem Kasten Bier, von den Kellnern in der Küche abgestellt, war die Sache meist erledigt. Doch nicht so im Belfry.
Mit Antritt zu meiner ersten Schicht kapierte ich erst, wieso ich, mit so wenig Erfahrung in der Tasche, überhaupt auf diesem Posten gelandet war. Die Küche war nämlich ganz und gar in französischer Hand, während der Service überwiegend die österreichische Handschrift trug. Grundsätzlich eigentlich kein unlösbares Problem, wäre nur jemand in der Lage gewesen, Küche und Service sprachlich auf einen gemeinsamen Nenner zu hebeln.
Englische Sprachkenntnisse waren hier somit überhaupt nicht gefragt! Ich war der Mittler, Vermittler, Spielverderber und „Sparkommissar“ in Personalunion. Denn wie ein Einkauf mit einem zu erwartenden Erlös in Zusammenhang zu bringen ist, das hatte mir Roger Letour sehr wohl in Zürich beigebracht. Im Unterschied zum Widder, spielte aber Geld im Belfry nur eine sehr, sehr untergeordnete Rolle.
Die vorgefundene Situation beschreibend, sollte nicht unerwähnt bleiben, dass das englische Bildungssystem eine praktische Berufsausbildung (vergleichbar mit einer Lehre) nicht vorsieht. Egal welche göttliche Eingebung dir während der Nacht den Weg in die berufliche Zukunft weist, am nächsten Morgen beginnst du mit der Umsetzung. Je mehr Erfahrung und Kenntnis, desto besser der wöchentlich ausgezahlte Lohn. Ein System wie gemacht für mich! Doch bei genauerem Hinsehen in der Praxis meldet sich das pure Grausen.
Denn genau diese fehlenden Grundkenntnisse waren der Grund, weshalb im Belfry „nur“ 8 Engländer auf der Gehaltsliste auftauchten. 4 davon im Service und der Rest in der Spülküche. In der eigentlichen Küche tummelten sich 10 Franzosen und im Service (die englischen Sklaven selbstverständlich unberücksichtigt) 8 Österreicher, von denen kein Einziger wirklich richtig deutsch sprach – aber leider auch nicht sonderlich gut französisch. Um das Team zu komplettieren, seien noch erwähnt Jorge und Ricardo aus Venezuela und dann meine Wenigkeit.
Das Gefühl mich in England aufzuhalten kam nur dann rüber, wenn Jorge, Ricardo, die einheimischen Sklaven und ich unsere Meinungen austauschten. Der Rest ging unter in Esperanto-Mischmasch und wüsten Beschimpfungen.
Monsieur Picard, der Küchenchef, trug in seinem Gepäck so ziemlich alle Vorurteile mit sich, die ich in meiner kurzen Laufbahn in der Gastronomie aufsammeln konnte. Jähzornig, ungeduldig, Kellner hassend und manchmal sogar genial am Herd. Aber leider nur manchmal. Der permanente Stress in einer professionellen Küche, die ständige Hitze und das ermüdende, ganztägige Stehen hinterließen bei diesem Mann, der die 60 mit Sicherheit bereits überschritten hatte, tiefe Spuren.
Während der Abgabe meiner ersten Einschätzung, nach gerade mal 2 Tagen in meinem neuen Job, im Büro meines Arbeitgebers, äußerte ich die Vermutung, Maitre Picard habe nicht alle Tassen im Schrank.Weiß aber sehr genau, wie gutes Essen schmecken muss.
Monsieur Picard's heftige Klatsche offenbarte sich nicht nur in seinen unkontrollierbaren Wutausbrüchen oder der vollkommen idiotischen Angewohnheit, den 4 englischen Servicekräften mit Hilfe einer Schöpfkelle altes, ranziges Frittierfett auf die Service-Uniform zu schleudern. Anzumerken hierbei: Diese bemitleidenswerten Jungs mussten eigentlich nur die angerichteten Speisen aus der Küche (im Keller) bis hinter das Büffet (Erdgeschoss) zu schleppen, wo dann die Crew Österreich übernahm. Nein, seinen geschliffenen Wahnsinn offenbarte der Meister auch in seinen täglichen Anforderungslisten, die mir allabendlich vorgelegt wurden.
Wenn der Bundesrechnungshof seiner jährlichen Auflistung an Beispielen der Steuergelder-Vernichtung einen Punkt hinzufügen möchte, dann hätte ich da was anzubieten.
Der Belfry Century Club bietet maximal 60 bis 80 Gästen einen äußerst bequemen Sitzplatz. Jeder, aber wirklich jeder, der seinen diplomatischen Hintern auf einem der dafür vorgesehenen Stühle oder Sessel parken wollte, musste dies mindestens ein Tag im Voraus telefonisch kundtun. Da alle in London registrierten Botschaften wöchentlich per Kurier mit den Menüs der Woche versorgt wurden, sollte bei der Reservierung auch gleich mitgeteilt werden, was man zu welcher Uhrzeit zu speisen gedenke.
Optimaler kann es für den Einkäufer und für die Buchhaltung/Kalkulation eigentlich nicht laufen. Angebot geliefert – Nachfrage eingegangen und schon kann bis auf das Gramm genau die benötigte Ware besorgt werden. Nicht so im Belfry! Monsieur Picard orderte konsequent jeden Tag eine Ladung frischer Austern (10 kg ). Ob sie in den Menüs benötigt wurden oder nicht, spielte keine Rolle. (Wurden sie benötigt, wurde die dreifache Menge angefordert.) Gleiches galt für den schwarzen Trüffel (je nach Größe zwischen 5 und 8 Stück) und den Beluga Kaviar (3 X à 500 Gramm). Damit nach dem Abend-Service nichts weggeschmissen werden musste, fanden dann doch die verfeindeten Parteien zusammen. Frankreich und Österreich liebten sich für 10 Minuten herzlich und danach war Ware im Wert von bis zu 1000 Pfund gerecht verteilt. Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Daher schwebten die Preise für ein eher durchschnittliches Menü bereits in schwindelerregenden Höhen. Aber wen kümmert das in Diplomatenkreisen? Wichtig war, dass man unter sich war. Die Rechnung begleicht eh der Steuerzahler.
Mein Vorschlag, diesem Warendiebstahl einen Riegel vorzuschieben, erweckte in dem Körper meines Chefs ein längst vergessenes Asthma-Leiden. So viel Schnappatmung war mir noch nie untergekommen. Er sah wohl die Zeit gekommen, mich nochmals darauf hinzuweisen, dass ich hier nicht den wirklichen Sparkommissar geben sollte, sondern lediglich das Arbeitsklima zu verbessern hätte.
Mein danach aus der Hüfte geschossener Vorschlag, nur um der Schnappatmung meines obersten Vorgesetzten ein Gegenmittel zu verpassen, bei den Einkaufslisten noch mehr das darbende Personal zu berücksichtigen, indem ich bei den zu ordernden Waren noch eine Schaufel nachlege, ließ den besorgten Hotelmanager wieder zur Besinnung kommen. Die Konfliktlösung war somit gefunden und von ganz oben abgesegnet.
Der ausgehandelte Friedensplan sah folgendermaßen aus: Mehr Material zum Verteilen, umso mehr zufriedene Gesichter. Je kostspieliger die Ware, je höher die Wahrscheinlichkeit eines andauernden Waffenstillstandes zwischen Frankreich und Österreich.
Nicht berücksichtigt bei diesem Tarifabschluss wurden die Interessen der Minderheiten aus Venezuela, Großbritannien und dem verkappten Revoluzzer aus dem ehemals unabhängigen Saarland. Dieses Versäumnis oder kleine Unachtsamkeit, egal wie man es benennen wollte, wurde umgehend behoben und sollte den Steuerzahler in vielen Ländern dieser Erde noch schwer belasten. Da Jorge, Ricardo und ich uns eher selten in Kreisen bewegten, in denen die Nachfrage nach Austern, Trüffel oder Kaviar besonders hoch war, verlegten wir uns auf das Anfordern und Verteilen von edlen Spirituosen, italienischen und französischen Weinen und (weil besonders begehrt) feinstem Porzellan. Natürlich drängt sich die Vermutung auf, wir hätten die Erzeugnisse von Hutschenreuter, Rosenthal oder Villeroy & Boch anschließend auf irgend einem Ramschmarkt verhökert. Dem war natürlich nicht so. Außerdem, so ganz nebenbei bemerkt, der Porzellanhandel entpuppte sich als der Verkaufsschlager schlechthin.
Die Idee Teller und Tassen in unser Sortiment mit aufzunehmen, kam von Ricardo. Denn nur er hatte das Potenzial der Handelsware sofort erkannt. Das dafür notwendige Gespür, den Wert der Ware richtig einschätzen zu können, hatte wohl seinen Ursprung darin, dass Ricardo außerhalb seines beruflichen Lebens ein unglaublich guter und erfolgloser Maler war. Dazu aber auch noch der best bestaussehende Schwule im Bereich von Holland Park bis Earls Court.
Kaum war das venezolanisch-saarländische Porzellan-Lager ausreichend gefüllt, wurden Jorge und ich (Widerspruch war zwecklos) von Ricardo in die angesagtesten Schwulen-Clubs Londons geführt. Nur falls sich jemand dafür interessieren sollte: 1972/73 gab es sehr, sehr viele davon. Jorge und mir bereiteten diese Ausflüge keinerlei Probleme, da Ricardo fast nie vergaß beim Eintritt in den Club zu erwähnen, dass wir beiden Exemplare unter Artenschutz stehen. Meiner Einschätzung nach, waren sowieso junge Asiaten der Renner schlechthin und somit viel höher im Kurs als Jorge und ich, die noch nicht mal das Geld für einen richtig geilen Fummel hatten.
Schwule und Porzellan, das passt wie Faust auf Auge. Da können die dir im Club auch mit Ledermontur und Adolf-Gedächtnismütze entgegentreten, Große Spiegel mit dicken, feisten Holzrahmen (am Besten mit Blattgold belegt), das und Porzellan lief auch wie warme Butter.Guter Wein war eher nicht der Renner, da alle nur nach süßem Most gierten. Den Alkohol bekamen wir jedoch spielend bei den Heteros los.
Jorge, Ricardo und ich bedanken uns noch nachträglich bei allen Steuerzahlern dieser Welt, die der Meinung sind, dass diplomatische Beziehungen unbedingt aufrechterhalten werden müssen. Da gehören dann auch die abendlichen Besuche im Belfry Century Club am Belgrave-Square dazu. Sie tragen auf jeden Fall der Völkerverständigung bei.
Für mich lief das Auskommen in London sozusagen 1a. Das Zimmer in der Lennox Rd. fast umsonst, jeden Freitag 38 £ Wochenlohn, bar auf die Kralle und dazu der kleine Nebenverdienst auf Kosten des Steuerzahlers. Das Problem war nur, dass ich in meiner sprachlichen Ausbildung keinen Millimeter vorankam. Französisch, deutsch (was Österreicher so als deutsch bezeichnen) und englisch (was Venezolaner als englisch für sich adoptiert haben) war das, was täglich auf mich einprasselte. Das hatte in meiner ursprünglichen Planung eigentlich anders ausgesehen. Wenn ich nicht gänzlich im finanziell erträglichen Sumpf des Schwarzhandels versinken wollte, musste ich unbedingt Abstand von dieser unendlich fließenden Geldquelle bekommen.
Was nichts anderes bedeutet, als die Arbeitsstelle zu wechseln.
Darüber mehr beim nächsten Mal.
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