Abschnitte und Konserviertes aus dem Leben des Kalle Banich
Beruf, Familie und was sonst noch kam
Dem Richter war augenblicklich klar, welcher immenser Druck momentan auf ihm lastete. Auch Kalle Banich wusste, trotz seiner unbestrittenen Verdienste um diese Stadt, das Land und den ganzen Erdkreis, dass er nun ganz vorsichtig argumentieren musste. Nach einer weiteren kurzen Denkpause, die wiederum der Bürgermeister dazu nutzte, einige Zähne, die sich kurz zuvor noch in seinem Unterkiefer relativ heimisch fühlten, teilweise vom Boden und vom Richtertisch aufzulesen und die verbliebenen Bruchstücke aus dem Oberkiefer auf Festigkeit zu überprüfen, war Kalle zu seiner Einschätzung der Lage bereit.
Während seiner anschließend folgenden Aussage gab Kalle zu bedenken, dass durch eine dauerhafte Kasernierung seiner Brüder hinter hohen Mauern und vergitterten Fenstern, der Stadt wohl unbestritten eine wichtige touristische Attraktion verloren ginge. Doch möge das Gericht sich ruhig dem Willen des Volkes beugen und die Familie Banich zeitlebens auseinanderreißen. Schließlich könnten die verlorenen Einnahmen aus der Sparte Erlebnis-Tourismus an anderer Stelle durch eine sinnvolle Personalpolitik kompensiert werden.
So habe er zum Beispiel daran gedacht, einen seiner Brüder zum Gefängnisdirektor der JVA zu ernennen. Um es bei der Besetzung des verantwortungsvollen Postens nicht gleich zu Streitereien zwischen den potenziellen Anwärtern innerhalb der Familie kommen zu lassen, müsse in diesem Fall eben das Los entscheiden. Eines sei zweifelsfrei unbestritten: Niemand kenne sich innerhalb dieser hohen Gemäuer annähernd so gut aus, wie seine Brüder. Da ohnehin keiner der Brüder mit Geld umzugehen wisse, führte Kalle weiter aus, würden natürlich alle Arbeiten der Banich-Jungs ehrenamtlich ausgeführt. So könne schon mal gleich das Gehalt des Direktors eingespart und von der Finanzverwaltung anderweitig verplant werden.
Als anschaulichstes Beispiel seien in diesem Zusammenhang die Rundum-Sanierung und anstehende Restaurierung von Kiefer- und Zahnleisten des Bürgermeisters erwähnt, der ja schließlich im Auftrag seiner Bürger in die Kauunfähigkeit gefallen, genauer gesagt gestolpert wäre. Der bei der Verlosung nicht zum Zuge gekommene Rest seiner Brüder sei im Sicherheitsdienst der Haftanstalt garantiert von ungeheurem Nutzen, denn ihre Fähigkeiten auf diesem Gebiet, sieht man mal von dem doch recht mysteriösen Verschwinden von Olle Banich ab, hätten sie längst in ihrem eigenen Elternhaus Tag für Tag bewiesen.
Nachdem der Richter und sein Schreiberling alle Steine zur Seite geräumt hatten, die ihnen nach Kalles Vorschlägen vom Herzen fielen, wurde das Urteil verkündet. Und dieses Mal wahrhaftig im Namen des Volkes, da das Urteil weitestgehend den Forderungen der Bevölkerung entsprach – sieht man mal davon ab, dass die geforderte lebenslange Einkerkerung in eine vierundzwanzigjährige umgewandelt wurde und die anberaumte Teerung samt anschließender Federung von Kalle Banich gänzlich unberücksichtigt blieb. Zu diesem Ansinnen hatte der Leiter des städtischen Bauhofes ohnehin durchblicken lassen, dass der Bestand an Teer viel zu gering, zudem anderweitig verplant sei.
Ida Banich, völlig außer sich vor Freude, konnte ihre Gefühle nicht länger im Zaum halten. Sie stürmte zum Staatsanwalt, umarmte ihn heftig und setzte zwei nass glänzende Lippen mittig in dessen ungeschütztes Gesicht. Kalle Banich blieb wie gewohnt sehr gelassen. Er saß ruhig auf seinem Stuhl und wartete geduldig, bis die drei herbeigeeilten Sprachwissenschaftler das gedeutet hatten, was an Lauten dem geschwollenen Mund des Bürgermeisters noch entweichen konnte.
Die Folge dessen: Kalle sollte, so wurde es jedenfalls von den Experten gedeutet, wegen seiner oft bewiesenen Fähigkeiten, endlich dem Leiter des Bauamtes unter die Arme greifen und mit ihm einen Plan erarbeiten, der die Parkplatzsituation der Stadt erheblich verbessern und damit für den Stadtkämmerer lukrativer gestalten könnte. Der knapp mittelalterlichen Ritualen entgangene jüngste Spross aus dem Hause Banich willigte ein, da er für den Nachmittag ohnehin nichts vorhatte.
Nach Absolvierung seiner Zivildienstzeit immatrikulierte Kalle Banich an der Hochschule des Saarlandes für die Fächer Mathematik und Volkswirtschaft. Doch schon nach zwei Semestern warf er dem Dekan das Handtuch vor die Füße, nachdem er sich mit seinem Professor für Volkswirtschaft nicht einigen konnte, in welchem Verhältnis dessen erbrachte Leistung zu seinem monatlich ausgezahlten Lohn stehe. Da Professor Peter Weiland mit den von Kalle Banich penibel aufgelisteten Vorwürfen nicht auch nur eine Sekunde weiter hätte beschwerdefrei leben wollen, stellte sich die Frage nach einer spürbaren Gehaltskürzung von Weilands Vergütung oder zumindest der bewussten Unterlassung des gegenseitigen Austauschs der gebräuchlichsten Grußformeln.
Kalle Banich, von Kindesbeinen an mit einem guten Benehmen ausgestattet, empfand das Verhalten des Lehrkörpers als unverzeihlich, da der faule Sack auch weiterhin auf keinen Pfennig seines Gehaltes verzichteten wollte. Das Fass zum Überlaufen brachte jedoch die Tatsache, dass der raffgierige Professor nach einer vorgetäuschten Angina und diversen Gichtanfällen, Banich trotzdem konsequent provokant, freundlich und lächelnd grüßte. Ein weiterer Grund für seine Exmatrikulation sah Kalle in seiner subjektiven Erkenntnis begründet, Mathematik und logisches Denken in der vorherrschenden Volkswirtschaft, auch im letzten staubigen Winkel des Bundesfinanzministeriums, nicht mehr aufspüren zu können.
Exakt aus jenen Tagen stammt auch die anfänglich vollkommen unbeachtete »Banich These«, die erst Jahre später in allen Lehrbüchern wiederzufinden war: Logisches Handeln und überlegtes Kalkulieren findet man in der Volkswirtschaft seltener als Antibiotika, Aluminium und radioaktiven Abfall in Mastfutter!
In den folgenden beiden Jahren beschränkte sich Kalle Banich ganz auf das Schwarzbrennen von geistreichen Getränken, die er in Dreiviertelliterflaschen abfüllte und fein säuberlich verkorkte, um sie dann gegen Parkplätze in der Innenstadt einzutauschen. Innerhalb kürzester Zeit war Kalle der Gebieter und Herrscher über fast alle Parkplätze der Stadt.
Das produktive Motto lautete: Freien Parkplatz nur gegen Hochprozentiges!
Ein sehr einträgliches Geschäft und ganz im Sinne des Stadtkämmerers, der die öffentlichen Einsparungen über den Kopf der christlichen Glaubenslehre hinweg zum elften Gebot erklärt hatte. Allein die täglich anfallende Alkoholsteuer bescherte der Stadt mehr Einnahmen, als alle bis dahin registrierten Gewerbebetriebe der Kommune insgesamt an Steuern in die Haushaltskasse abführten. Dazu gesellten sich dann auch noch die saftigen Bußgelder, die wegen des Fahrens unter alkoholischer Beeinflussung fast stündlich verhängt wurden. Weit vorausdenkend, hatte der Jungunternehmer sich diese Idee schon vor Jahren weltweit patentieren lassen. Das nötige Kleingeld zum Anmelden des Patentes borgte er sich aus der Haushaltskasse seiner Brüder. Dies war problemlos zu bewerkstelligen, da jene von Kontenbewegungen so viel Ahnung hatten, wie ein Legehuhn von der Atlantik-Überquerung.
Währenddessen nahm die amerikanische Regierung Kontakt mit Kalle auf und bot ihm Unsummen für die Übernahme seines Patentes. Denn, wenn es auch an so manch Essenziellen (wie einer fähigen Regierung) jenseits des großen Teichs mangelte, aber Schwarzbrenner hatte das Land genügend. An Parkplätzen in der Wüste mangelte es auch nicht. Doch je mehr das Interesse am schnöden Mammon bei dem, so heftig Umworbenen nachließ, desto verbissener gestaltete sich die Suche der Amerikaner nach geeigneten Parkplätzen auf den restlichen Flächen der Welt.
Die berühmt-berüchtigte Starrköpfigkeit der Banichs in Zeiten schwieriger Verhandlungen vollkommen unterschätzend, sprangen nun auch noch Nachzügler auf den imaginären Zug auf. So entluden, noch keine vierzehn Tage später, am Moskauer Flughafen belarussische Hilfsarbeiter sechsundachtzigtausend grüne und weiße Glasballon-Flaschen aus riesigen Transportmaschinen, randvoll gefüllt mit ungenießbar süßem Erdbeerschnaps. Ein sicheres Zeichen dafür, dass Kalle Banich sich endgültig gegen den amerikanischen Expansionsdrang und schlechten Schnaps entschieden hatte.
Daher nochmals die dringende Warnung an alle Parkplatzsuchenden in Libyen, Afghanistan, dem Irak oder in der Wüste Nevadas: Die angebotenen Stellplätze in diesen Ländern sind schlecht beleuchtet und der gelieferte Schnaps ist das Probieren nicht wert.
Kalle Banich sah für sich die Zeit gekommen, eine kleine Verschnaufpause in sein Leben einzuflechten.
Noch eine Anmerkung des Autors:
Sollte jemand mit der Idee im Hinterkopf aufwachen, die Geschichte um Kalle Banich ausdrucken zu lassen und anschließend festlich geschnürt Onkel Max zum Geburtstag zu schenken, den bitte ich, erstens auf die Quelle hinzuweisen und zweitens den Onkel davon abzuhalten, sein Geschenk in die Redaktionsstube des Magazins der „Taubenfreunde Oberhausen“ weiterzuleiten – oder wohin auch immer? Stichwort Copyright.