Ann-Katrin hat einen Wunsch
Einem Tag, der bereits am frühen Morgen mit dem Schatten einer am Nachmittag angesetzten Beerdigung an deiner Bettkante sitzt, sollte jeglicher Routine eine Absage erteilt und erst dann etwas Elan in die steifen Gelenke gepumpt werden, wenn der schwarze Binder um den Hals baumelt und auf das Verknoten wartet.
Es ergibt überhaupt keinen Sinn sich an den Arbeitsplatz zu schleppen, einen Artikel in Angriff zunehmen und dabei ständig den Uhrzeigern bei den Umrundungen auf dem Zifferblatt zuzuschauen. Gleichzeitig mit der Frage zu jonglieren, ob und warum der Gang auf den Friedhof überhaupt das Momentum der Notwendigkeit in sich birgt. Zumal es nur der Großonkel ist, der ins erste Untergeschoss abgeseilt werden soll.
Jener unausstehliche Mensch, dessen Erscheinen im Mehrfamilienhaus für jeden anwesenden Bewohner stets unüberhörbar war. Nein, nicht wegen seines unverwechselbaren Umgangstons, der alle Klischees einer Kasernendialektik in sich barg, sondern das Aufsetzen seines Holzbeins auf den Dielenboden im langen Flur, sorgte dafür, dass automatisch jeder von uns in die «stramme Haltung» wechselte. Gleich einem Metronom – klack, klack, klack …
Nach dem Eintreffen der erlösenden Nachricht, dass der alte Nazi endlich das Zeitliche gesegnet hat, bot ich mich spontan vor versammelter Mannschaft an, den Text für die Todesanzeige zu verfassen. Was jedoch ebenso zeitnah mit großer Mehrheit abgelehnt wurde. Wegen der ganzen Nachbarn, wie man anmerkte und dass niemand wohl interessieren würde, ob auf der deutschen Prothese, direkt unter dem eingebrannten Hakenkreuz, eine handschriftliche Widmung besagte, für das Vaterland alles getan zu haben.
Ich hätte mir beim Verfassen wahrhaftig Mühe gegeben.
Nun hatte ich diesen gebrauchten Tag zu drei Viertel mit viel Bauchgrummeln bewältigt.
Was unter anderem auch beinhaltet, der krumm-buckligen Verwandtschaft erfolgreich aus dem Weg gegangen zu sein. So stand mein Entschluss schnell fest, dem bisherigen Desaster noch ein Hütchen aufzusetzen und meiner Stammkneipe einen kurzen Besuch abzustatten. Die Initialzündung zu diesem Vorhaben entsprang einem Gerücht, welches einst zu mir durchgereicht worden war. Demzufolge beinhaltet Alkohol aufmunternde Substanzen und taugt zudem als Radiergummi der nahe zurückliegenden Vergangenheit. Zwei schlagkräftige Argumente, den Weg an die Theke im Schankraum in Angriff zu nehmen.
Vom Friedhof schnurgerade in den Trubel rund um den Zapfhahn. Möglicherweise doch ein etwas zu extremer Schwenk. Also schnappte ich mir mein frisch gezapften Pils und steuerte geradewegs den Tisch an, an dem Uwe und Armin in einer Partie Schach versunken schienen. Ich entschied mich für den Platz etwas abseits der Strategen mit den rauchenden Köpfen. Geplant war dabei Folgendes: zuzuschauen, den Mund halten und wenn die Züge für meine Kenntnisse das Nachvollziehbare verlieren, mir die Möglichkeit nicht zu verbauen, mit den Gedanken einen Spaziergang ins Unergründliche zu unternehmen.
Doch war es mir nicht vergönnt, ein auch nur annähernd klares Bild über die Gefechtslage auf dem Brett herzustellen. Wie aus dem Nichts heraus, saß plötzlich Ann-Katrin neben mir. Sie drückte mir einen freundschaftlichen Kuss auf die Wange und wiederholte das Wort, welches ich an diesem Tag schon viel zu oft gehört hatte und nicht nur deshalb als extrem überflüssig erachte – Beileid.
Da murmeln irgendwelche mir völlig fremde Menschen etwas von »mein Beileid« und dabei verspüre ich überhaupt kein Leid und verabscheue dazu auch noch Beerdigungen – samt all dem aufgezwungenen Tamtam. Hinzu kam in diesem speziellen Fall, dass mir niemand verlässliche Informationen darüber geben wollte, ob das Holzbein mit im Sarg liegt oder seinen Ehrenplatz in der Vitrine bekommt?
Berechtigterweise mag man sich jetzt fragen, wer ist überhaupt Ann-Katrin und was hat sie in meine Stammkneipe verschlagen? Außerdem, woher diese Frau überhaupt wusste, dass der alte Knochen von Großonkel das Zeitliche gesegnet hatte?
Damit drängelt sich gleichzeitig die Frage in den Vordergrund, inwiefern diese Ann-Katrin Einfluss auf meine nie in Angriff genommene Lebensplanung nehmen könnte?
Unser erstes Aufeinandertreffen liegt bereits Jahre zurück, gestaltete sich äußerst unterhaltsam – und dazu an ihrem Arbeitsplatz, dem Buch und Platten-Laden «Das nächste Kapitel» am Beethoven-Platz. Als regelmäßig dort auftauchender Kunde bemerkte ich das neue Gesicht hinter der Verkaufstheke sofort. Kein Wunder, wenn man in Betracht zieht, dass (seit ich mich überhaupt erinnern kann) normalerweise hier Lars vorgibt, den Überblick im Chaos zu behalten.
Bei Lars treffen sich (nur ganz nebenbei bemerkt) in der Regel fast ausschließlich Kunden, die mit Demütigungen gut umzugehen wissen. Denn weder ein Buch noch eine Platte wechselt hier den Besitzer, ohne einen Kommentar vom Chef. Betreffend der ausgewählten Vinyl-Scheibe: „Wie kann man sich nur so ein Scheiß anhören?“ Beim Buchkauf klingt es etwas anders. Da bekommt meist der Autor seinen Senf ab: „Wäre besser nie in Druck gegangen.“ – Kassiert wird von Lars jedoch trotzdem.
Somit kein Wunder, dass ich schnurstracks auf das neue Gesicht zusteuerte und ihr den Titel des Buches verriet, welches ich zu kaufen gedachte. Ganz ohne Kommentar, aber dafür mit einem freundlichen Lächeln, lag kurze Zeit später «Das blaue Buch» von Erich Kästner griffbereit vor mir. Völlig perplex, geschuldet der Tatsache, in diesem Laden ohne abfällige Bemerkung einen Artikel kaufen zu können, zögerte ich meinen Aufenthalt hinaus, indem ich das freundliche Geschöpf bat, mir doch ihren Namen zu verraten.
Ann-Katrin.
Ich verließ «Das nächste Kapitel» letztlich nicht nur mit den Tagebuchaufzeichnungen von Erich Kästner, sondern auch noch mit einer Empfehlung der neuen Buchberaterin meines Vertrauens: Robert Schneiders «Schlafes Bruder». Als bei meinem darauffolgenden Besuch im Buchladen seitens der neuen Bediensteten die Frage an mich gerichtet wurde, wie mir die Empfehlung gefallen habe, folgte von mir der Vorschlag, uns doch bitte nach Feierabend in meiner Stammkneipe zu treffen. Nicht ausschließlich, weil meine Beurteilung mehr als zwei Sätze umfassen könnte, sondern, weil ich das Gefühl nicht abschütteln konnte, Lars habe sein großes Ohr hinter der Regalwand mit den Autobiografien in Stellung gebracht.
So geschah es, obwohl Robert Schneider mit seinem unstillbaren Zwang, mir das Orgelspiel näherzubringen, gehörig auf den Geist ging, dass Ann-Katrin und ich so richtig dicke Freunde wurden.
Damit die beiden Schachspieler unser Gesabbel nicht als extrem störend einstufen, rückten Ann-Katrin und ich auf der Bank etwas weiter ins unbeleuchtete Abseits und stellten unsere Gläser am Nebentisch ab.
Was ich an meiner Gesprächspartnerin auch heute noch mag, ist ihre unkomplizierte, offene, unbefangene Art und Weise, mit Menschen aus den verschiedensten Gesellschaftsschichten ins Gespräch zukommen. Sie verkörpert für mich uneingeschränkt den Begriff «die enge Vertraute».
Ganz so genau kann ich mich eigentlich nicht erinnern, welche Themenfelder wir an jenem Abend beackerten, doch lief es flüssig über die Lippen – genau wie das dazu gereichte, kühle Pils. Aber trotzdem überließ ich dem Wirt nach der Bestellung des vierten Durstlöschers den Geldschein, denn schließlich lag auf meinem Schreibtisch noch genügend Material zur Aufarbeitung. Ann-Katrin schloss sich meinem Tun an und beglich ebenfalls ihre Rechnung. Gemeinsam ging es nach Absolvierung dieser lästigen Pflicht an die frische Luft.
Anscheinend bereits mit meinen Gedanken bei dem Fußmarsch, der nun noch vor mir lag, machte ich mich auf, den Heimweg antreten. Ganz nebenbei nach einem Thema für den Kopf zu suchend (damit der nicht vollkommen unnütz auf den Schultern ruht), als mich eine Stimme zur Vollbremsung nötigte.
„Wohin stürmst du? Steht dein Auto nicht hinten auf dem Parkplatz?“
„Nein, ich vertraue heute ganz meinen Beinen.“
„Dann komm mit, ich liefere dich zu Hause ab. Das ist doch kein Problem.“
Für den Chronisten mag das Folgende essenziell sein: Dies war die erste Gelegenheit, bei der ich das Wort ‚Nein‘ hätte ins Spiel bringen können. Mir fiel es jedoch in dem Moment nicht ein oder, da mit anderen Angelegenheiten beschäftigt, war es nicht abrufbar. Vielleicht wollte ich auch ganz einfach nur meine Schuhsohlen schonen?
Da das reale Geschehen sich selten weit von der Logik entfernt, stoppte der taubenblaue Golf keine fünf Minuten später auf einem der Stellplätze vor dem Haus, in das meine kleine Wohnung eingebunden ist. Nicht nur ich war froh über die Zeitersparnis, auch mein Kopf zeigte Dankbarkeit, nicht so spät am Abend sich bereits mit Problemen beschäftigen zu müssen, die am nächsten Morgen ohnehin wieder vor der Tür stehen.
Noch bevor ich mich überhaupt für den Fahrdienst bedanken konnte, hatte Ann-Katrin den Zündschlüssel bereits nach links gedreht und signalisierte damit dem Motor abrupt zu verstummen. Was das in der unerbittlichen Wirklichkeit zu bedeuten hat, das war auch mir klar – obwohl mir nachgesagt wird, liebend gerne lange und geduldig auf der langen Leitung ausharren zu können.
Hier herrschte offenbar noch Redebedarf. Aber warum jetzt? Und warum hier? Als seien in der Kneipe manche Themen noch nicht spruchreif gewesen?
Nicht artikulierte Fragen, die auf eine Antwort warteten, lediglich übertroffen von der Freude, meine Haustür im Blick zu haben.
„Wolfram, könntest du mir einen Wunsch erfüllen?“
Der Blick, den Ann-Katrin mir mitten ins Gesicht heftete, hätte die ersten Alarmglocken in meinem Hinterkopf zum Schwingen bringen müssen. Warum meine Gedankenwelt sich ihrer zugedachten Funktion nicht fügte, dafür fehlt mir bis zum heutigen Tag eine logische Erklärung. Stattdessen drängte sich mir eine weitere Frage auf, die ich mir jedoch nun zur Abwechslung mal selbst stellte.
Wünsche erfüllen?
Bin ich der Weihnachtsmann und trage unbewusst einen Sack auf dem Rücken? Die Erinnerungen an meinen letzten Blick in den Spiegel abrufend, konnte darauf nur ein klares ‘Nein’ folgen.
Damit sich das mit der Artikulierung des Wunsches jedoch nicht noch länger hinzieht, leistete ich Anschubhilfe.
„Und der wäre?“
„Ich würde gerne mit dir küssen.“
Für mich hörte sich das eigentlich nicht so richtig nach einem Wunsch an. Aus einem von mir noch nicht erschlossenen Grund stimmte etwas mit der gewählten Formulierung nicht. Mir klang es jedenfalls nicht nach Weihnachten. Aber vielleicht wünschte sie sich auch nur, dass ich mich aktiv in die Wunschsache einbringe? Alten Weisheiten folgend, hielt ich mich an die goldene Regel, dem Denken nicht allzu viel Zeit einzuräumen, denn in solchen Augenblicken sind diese Art von Spitzfindigkeiten eher hinderlich.
Ein kurzer Moment des Nachdenkens über diesen Wunsch brachte mich zu folgendem Ergebnis.
Küssen ist grundsätzlich eine Beschäftigung, der ich mich auch gerne ausgiebig und mit Leidenschaft hingebe. Das macht die Erfüllung eines solchen Wunsches um ein Vielfaches einfacher. Doch, und dies sollte nicht unberücksichtigt bleiben, war die Auswahl der Damen, mit denen der Tanz in den Wahnsinn vollzogen werden sollte, in diesem Fall sehr stark eingegrenzt. Da saß einfach nur Ann-Katrin auf dem Fahrersitz. Und ihre Lippen kamen mir immer näher.
Wo hatte sich nur dieses gottverdammte ‚Nein‘ versteckt?
Ich genieße bis heute die Gesellschaft mit Ann-Katrin wirklich sehr. Da gibt es kein Wenn oder Aber. Doch etwas ganz Bestimmtes will der zwischenmenschliche Stromkreislauf in meine Lendengegend nicht so wirklich einbeziehen. An der Frau stimmt alles. Auf jeder Fête ist sie der Hingucker – der Mittelpunkt schlechthin. Nur bei mir macht es halt nicht klick.
Das ‚Nein‘ noch immer auf Abwegen und mit viel Unentschlossenheit im Gepäck machte ich mich (gut erzogen, wie ich nun mal bin) an die Wunscherfüllung.
Ich kenne mich mit Autos überhaupt nicht aus. Aber zu Ann-Katrin passt, das war nach wenigen Sekunden klar, mit Sicherheit kein taubenblauer Golf. Mit der Beschleunigung, mit der sie all meine Sinne eroberte, das deutete eher auf die roten Geschosse aus Maranello hin. Um es kulinarischer auszudrücken: einen solch pikanten Zungensalat hatte mir selten jemand so köstlich serviert.
Ich war erstmals froh, das ‚Nein‘ nicht greifbar gehabt zu haben.