Wie der Beinwell letztendlich alles ins Lot brachte
Für alle, zu denen es bisher noch nicht durchgedrungen ist:
Ich lebe dort, wo eine viel befahrene Straße so aussieht
Häuser aus Natursteinen und Holz gebaut sind
und die Mädels ganz ohne Make-Up auskommen.
Die Frage, ob du ein Portmonnaie bei dir trägst, stellt niemand. Geld spielt in der dörflichen Gemeinschaft einfach keine Rolle. Die alles entscheidenden Fragen lassen sich darauf reduzieren:
- “Wie kann ich dir helfen?”
- “Mit was könntest du mir helfen?”
Der ganze Rest wird sich irgendwie regeln.
Doch nun komme ich zum spannenden Teil der Reportage über den ländlichen Alltag.
Wie überlebt einer wie ich in diesem System?
Eine berechtigte Frage. Denn mir fehlen ganz entscheidende Dinge, die in den Augen eines Bauern unabdingbar für das Überleben, die Anerkennung und die Reputation im Umland sind.
- Kühe
- Schweine
- Traktor
- großer Misthaufen
- viel Land
- und der Stallgeruch
Letzterer in zweierlei Hinsicht. Mir fehlen die Kindheitserinnerungen aus dem Stall und die mit Stroh durchsetzten Klumpen unter den Schuhsohlen, die sich nur allzu gerne aus dem Profil lösen, wenn man beim Nachbarn gemütlich in der Küche den Kaffee schlürft.
Es muss daher unbedingt ein Ausgleich geschaffen werden.
Mistklumpen unter den Schuhsohlen stellen das geringste Problem dar, werden aber von meiner Frau nicht in dem Maße geschätzt, wie ich es erwartet hätte.
Kühe und Schweine kommen auch nicht in die Nähe der Waagschale. Denn heute geboren, hätten sie von der Frau, die ja keinen Mist in der Küche haben möchte, bereits einen Vornamen und die Garantie für das ewige Leben. Die besitze noch nicht einmal ich. Jetzt kommt ‘ne Sau daher und hat mich bereits auf der Rangliste überholt. Kommt also nicht in die Tüte!
Die Investition in einen Traktor wird von der innerfamiliären Finanz- und Gesundheitsministerin abgelehnt. Nicht genügend eigenes Land stünde bereit, um sich von mir Tag für Tag traktieren zu lassen und außerdem zeige die Unfallrate mit diesen Monstern eine eindeutige Tendenz in Richtung Friedhof.
Es sollte also nicht einfach werden.
So besann ich mich auf das, was ich an nutzbaren Fähigkeiten wie ein kleines Paket mit in dieses hüglige Land brachte.
Lesen und Schreiben.
Schon höre ich das große Aufstöhnen unter denen, die noch täglich die schwere Schultasche in ein schlecht durchlüftetes Gebäude voller Befehlsgeber schleppen müssen, stattdessen jedoch viel lieber die jungen Ferkel durch Muttis Garten jagen, den Kühen auf der Weide Gesellschaft leisten und ganz nebenbei ein paar Kartoffel aus dem Feld nebenan in die Glut des kleinen Lagerfeuers werfen oder dem besten Kumpel ein klar definierbares Brandzeichen auf die linke Wade drücken würden.
All das hat zwar seinen Reiz, bringt aber wenig Freude, wenn du derjenige bist, dem das Brandzeichen verpasst wird.
Es dauerte eine Weile bis der Spruch seine Daseinsberechtigung offenbaren konnte, als jedoch Not am Mann angesagt war, bewahrheitete er sich doch. Die umgangssprachliche Weisheit, die von meinen neuen Nachbarn bereits hundertfach untergepflügt wurde:
Wer lesen und schreiben kann, ist schon im Vorteil.
Gott bewahre! Nicht, dass die Jungs und Mädels hier nicht lesen und schreiben könnten (Ausnahmen soll es geben, wurden jedoch notariell noch nicht bestätigt). Sie machen halt nicht so gerne Gebrauch von Dingen, die am Ende des Tages, Kein Ei, nicht ein Liter Milch, Frischkäse oder den Speck für das Mittagessen liefert. Der Misthaufen wächst davon kein Millimeter und der Traktor fährt nur mit Heizöl (Entschuldigung, hier war das Wort Diesel vorgesehen - hat aber einen verdammt schlechten Ruf und ist noch verdammter teurer als Heizöl).
Über das Internet kann ja gesagt und geschrieben werden, was immer man will. Aber über die Sortierer der Sachbücher bei Amazon lasse ich nichts kommen. Vom Bestellen eines Weinbergs (keine Aufregung, auch ich weiß, dass ein Weinberg nicht mit Hermes geliefert wird), Brennen von Schnaps, Rückschnitt der Obstbäume bis hin zum Ausfüllen von EU-Formularen, das ganze Sammelsurium an gedruckten Informationen wurde mir zugestellt. Anstatt Speck und selbstgebackenes Brot gab es wochenlang nur mäßig gewürzten Zeilensalat.
Die Waagschalen begannen sich anzunähern
Doch dafür reichte das angelesene Wissen nicht ansatzweise. Um überhaupt auf der Leiter einen Fuß auf die nächst höhere Sprosse zu bekommen, galt es folgende Regeln zu verinnerlichen.
- Erwecke nie einem Bauern gegenüber den Anschein, dass du von was Ahnung hast.
- Folge jedem Wort, das er dir voller Stolz ins Ohr bläst, mit Interesse, obwohl du bereits nach den ersten 5 Silben weißt, nur das überliefert zu bekommen, das er am Morgen und Abend aus dem Kuhstall schleppt.
- Antworte erst, wenn etwas Ähnliches oder gar explizit deine Meinung erfragt wird.
- Den Satz jedoch nie beginnen mit: “Ich habe aber gelesen …”
- Noch schlimmer: “Soweit ich , weiß …” (Du weißt nämlich überhaupt nichts. Du besitzt nämlich kein Land, Traktor und der Rest ist bekannt.
- Zuerst den Mist, der dir ins Ohr geblasen wurde, zu einem nutzbaren Kompost umwandeln, dich wortreich bedanken, den spendablen Überbringer zu einem Glas Wein, Kaffee und selbstgebranntem Schnaps einladen und dann ganz vorsichtig mit der Annäherung an das eigentliche Thema beginnen.
Schmeckt anschließend all das, mit was du ihn in dein armseliges Heim gelockt hast, stehen dir genau 3 Minuten Redezeit zur Verfügung.
Ich bin stolz wie Oskar, dass die Arbeitsschuhe endlich auch mal in unserer Küche vom Ballast befreit werden.
Der Bauer denkt sich: Nicht übel, was der Zugereiste mir da erzählt aber trotzdem mache ich weiter wie bisher. (Alles andere käme ja auch einem eigenen Scheitern gleich.)
Der Beinwell
Wissen bringt letztendlich doch Anerkennung und die Waage in den Gleichstand.
Zwei Dinge erweckten während der Phase der Annäherung meine Aufmerksamkeit. Als da wären diese beinahe unübersehbare Pflanze, ich ich am Rande der Felder, Gärten und unbewirtschafteter Wiesen wachsen sah und (eigentlich noch auffälliger als dieses Grün mit den schönen Blüten) die humpelnde, manchmal gebückte oder unrunde Gangart meiner direkten Nachbarn. Im Einklang mit dieser spektakulären Fortbewegungsmethode kamen auch Beschwerden, über den Unterschenkelbruch, der nicht so recht verheilen will, die verstauchte Hand oder der Rücken, der sich standhaft weigert, den simplen Befehlen wie Biegen und Strecken zu folgen und leider viel lieber den eigenen Kopf in Richtung Schnürsenkel zwingt.
So begann ich in dem Zeug rumzublättern, das eigentlich nur Geld kostet, unnütz rumsteht und wie ein Magnet auf Staub wirkt. Das Grünzeug in der Natur wurde (auch ohne Genanalyse) eindeutig als Beinwell identifiziert. Anschließende Recherchen ergaben Bemerkenswertes.
Ohne näher darauf jetzt eingehen zu wollen (alles bei den Sachbuchverwaltern von Amazon abzurufen) kamen die Frau, die an Tiere waghalsige Versprechen abgibt, und ich überein, aus den Wurzeln des unbeachteten Grünzeugs Salben und Tinkturen herzustellen.
Kaum war das Angesetzte und Angerührte einsatzbereit, galt es die nächste Regel für ein homogenes Landleben einzuhalten: Klappe halten!
Es bedurfte keiner langen Wartezeit und der Bruder des Glöckners von Notre Dame “kreuzte” meinen Weg, beschwerte sich über die Erdanziehungskraft einer alten Buche und den schmerzhaften Nebenwirkungen, wenn nicht früh genug das Feld geräumt wird, wenn das Monstrum sich Richtung Erdoberfläche zubewegt.
Höchste Zeit für den Heilsbringer
Ganz unaufgeregt lauschte ich dem Wehklagen, erinnerte mich mit blumigen Ausführungen der Schmerzen, die mein Urgroßvater nach einem ähnlichen Zwischenfall nahe Verdun durchmachen musste, versprach aber mir Gedanken zu machen, wobei ich die Schmerzen großzügigerweise noch ganz alleine ihm überließ.
Ohne viel Aufhebens zu machen, erhielt mein Nachbar wenig später, ganz unspektakulär zwischen Traktor und Mähdrescher ein Fläschchen mit einer fast glibbrigen, braunen Flüssigkeit und ein Döschen mit einer beinahe farblosen Creme. Wichtig dabei der Hinweis an den Nachbarn, dass die Flüssigkeit nur zur äußerlichen Massage taugt.
Der Durchbruch ist so gut wie geschafft!
So gut wie!
Denn der Bauer massiert nichts in und an seinem Körper, wenn die geliebte Ehefrau nicht auch die Hände im Spiel hat. Also wird das Präsent des Zugereisten (wie von dem Allmächtigen bei der Eheschließung befohlen) gerecht geteilt. Die Bäuerin massiert den Bauern ein und danach sich selbst. So wie immer halt!
Ich bin aufgenommen im Club!
Zirka zwei Wochen nach der Übergabe dieser dubiosen Substanzen kam, betrat ich den Hof mit meiner Milchkanne und bat die Bäuerin um die übliche Füllung. In der Hand hielt ich genau den Betrag, den ich bisher für dieses tierische Produkt entrichten musste.
Die Milch floss in die Kanne, der Deckel wurde aufgelegt und die Geldübergabe abgelehnt.
Die Begründung folgte postwendend:
Lass stecken, wir müssen doch alle zusammenhalten.
Seither bin ich hier im Dorf für das Unbrauchbare aus dem Kopf, die elenden Formulare und die Späße mit den Mädels verantwortlich, die sowieso immer alles entscheiden.
Einkaufen ohne Fiat und Krypto ist sogar noch geiler als Amazon!