… und schon wieder waren sie da.
Es ist Anfang November auf dem hügligen Land, diesem Gebiet zwischen der Adriaküste und den Karawanken und das Füttern des großen Schlundes, zugehörend dem Kaminofen inmitten der ‘Guten Stube’, der in seinem Verlangen nach hölzerner Nahrung schier unersättlich scheint, gehört inzwischen zur täglichen Routine. Die Westwinde werden seltener und immer öfter legt sich Nässe und Kälte, aus dem Osten kommend, auf die herbstlich, bunte Natur. Die Blätter, obwohl von der Alterung bereits gekennzeichnet, klammern sich noch verzweifelt an den Ast, dem sie entwachsen sind. Doch, wenn ich auf den Boden blicke, scheint mir der Kampf, in der Obhut der entwachsenen Mutter zu überwintern, nahezu aussichtslos.
Man könnte gefühllos auch sagen, dass es draußen vor der Tür ungemütlich geworden ist. So ungemütlich halt, wie es der Schöpfer von Allem uns zwar immer wieder spüren lässt, wir es aber trotzdem fein hinbekommen haben, diese Empfindsamkeiten nicht nur in die fragwürdige Richtung zu lenken, sondern dazu auch noch das glühende Eisen in seiner ausgiebigen Formbarkeit im eigenen Interesse bis zur Unkenntlichkeit zu schmieden.
Kein Wunder also, wenn jeder zweibeinige Erdenbewohner, in der mir nahen Umgebung, froh gestimmt ist, die Arbeit in den Ställen erledigt zu haben, die Tiere versorgt zu wissen und die kuschelige Wärme nahe dem Ofen zu genießen.
Denn draußen, in der feuchten, abweisenden, ungemütlichen Kälte - wer möchte dort schon den Tag verbringen?
In Ermangelung der Tiere, die in der menschlichen Nahrungskette eine relevante Rolle spielen, beschränken Seka (meine Frau) und ich uns darauf, diejenigen Vierbeiner täglich mit Nahrung zu versorgen, die über Winter von ihren Eigentümern sich selbst überlassen wurden, da in der beheizten Wohnung in der großen Stadt nicht genügend Platz für alle zu sein scheint.
So bietet sich eine ideale Gelegenheit, am frühen Morgen das Dorf zu durchwandern und darauf gespannt zu sein, ob die Natur oder der, bis hin zur Idiotie, kreative Mensch zwischenzeitlich Veränderungen vorgenommen hat.
In solchen Momenten fühle ich mich dann wie der Dorf-Sheriff schlechthin. Zwar ohne Uniform, Halfter mit geladener 38-er und der eingetönter Ray-Ban, aber dafür verhältnismäßig sicher mit meinem weiblichen Hilfssheriff an der Seite, denn Gefahren lauern schier überall, werden aber in der Wettervorhersage nur selten erwähnt.
Es ist erst ein paar wenige Tage her, als mein Adlerblick an der Fassade des vorletzten Hauses haften blieb, das seit Jahren einsam und verlassen am rechten Straßenrand steht. Bevor nun die ersten Haarspalter nach der Spaltaxt greifen, möchte ich klarstellen, dass mir sehr wohl bewusst ist, nämlich dann, wenn ich den Rückweg antrete, das Anwesen das Zweite im Dorf ist und selbstverständlich auf der linken Seite des asphaltierten Weges steht. Spielte jedoch in dem Augenblick keine entscheidende Rolle, denn die hatte eindeutig das gewaltsam geöffnete Fenster an der Vorderfront für sich gepachtet. Ein Haus, das seit Jahren leersteht, da Ivanowa (die Eigentümerin) es irgendwann vorzog, das Heizen ganz einzustellen und lieber in einen Sarg umzuziehen. Hatte die alte Dame vielleicht damals, bei ihrem überraschenden Abgang, doch etwas vergessen und die letzte Nacht genutzt, um sich noch mit warmen Socken zu versorgen? In einem solchen Moment gehen einem ja mindestens, wenn nicht noch mehr Fragen durch den Kopf. Meistens mangelt es jedoch an der Person, die die passenden Antworten darauf parat hat. Seka und ich waren uns jedoch sofort in der Einschätzung einig, dass Ivanowa doch garantiert ihren Haustürschlüssel genutzt hätte. Außerdem war die Frau seinerzeit mit einem laufenden Kubikmeter zu vergleichen und daher eher etwas ungelenk in den Hüften.
Obwohl nun eine Person aus dem Gedankenspiel ausgeschieden war, schien die Erklärung für das geöffnete Fenster keinen Millimeter näher gerückt zu sein. Der recht tumbe Schwiegersohn der Verstorbenen, der in der Nachbargemeinde wohnt, aber alle 14 Tage pflichtbewusst das Gras mäht und das Obst im Herbst immer erst sammelt, wenn es bereits auf den Boden geklatscht ist, konnte auch keinen Platz auf unserer Liste der Verdächtigen ergattern. Er ist zwar unbedarft aber nicht dämlich, da er schließlich nun für den Schaden aufkommen muss.
Da keiner, der noch lebenden 7 Mitbürger unmittelbar greifbar war, nahmen Seka und ich unsere unfruchtbaren Überlegungen wenig später mit auf den Heimweg.
Es dauerte genau 15 Stunden und die Nachricht machte die Runde, dass bei Ivanowa Flüchtlinge eingebrochen waren und die Nacht im Haus verbracht haben. Wie man zu dieser Erkenntnis gelangt war, schien ab dem Zeitpunkt nicht mehr wichtig. Vielmehr wurde das von niemandem beobachteten Geschehen schnell mit der notwendigen Logik versehen, dass es gar nicht anders gewesen sein konnte. Dass dann zwei Tage später auch der letzte Zweifler verstummte, lag an der Tatsache, ausgerechnet in dem Anwesen, wo wir täglich die Tiere füttern, sich auch gewaltsam Zugang verschafft worden war. Sofort erwachte im Bauern der Mathematiker und erste Parallelen wurden gezogen. Auch in diesem Fall schien lediglich eine Möglichkeit zur Übernachtung gesucht worden sein. Keine Verwüstungen, nichts wurde entwendet - lediglich menschlichen Bedürfnissen wurde nachgegangen.
Ratlosigkeit und Spekulationen hielten sich daraufhin anfänglich noch die Waage, doch legte das Konstrukt der voreiligen Hypothese recht schnell an Gewicht zu und die Verwirrung hatte ausgedient. Mein Nachbar fasste das Ergebnis der Dorf-internen Recherchen, ohne Berücksichtigung geltender bürokratischer Wortakrobatik, leicht verständlich zusammen. Demnach ging vom weit verzweigten Netzwerk des organisierten Flüchtlingswesens, welches sich erstreckt von Islamabad, über Damaskus, hin nach Tripolis und von dort direkt nach Bihać, unmittelbar an der bosnisch-kroatischen Grenze, die Losung aus, auf der herbstlichen Reise nach Berlin (weil dort schließlich alle hinwollen) nicht mehr die gut ausgebauten Fernstraßen zu nutzen, sondern lieber ein winziges Dorf in Kroatien (nahe der slowenischen Grenze) anzusteuern, weil man dort so günstige Übernachtungsmöglichkeiten findet. Beifall konnte der gute Mann mit dieser Theorie zwar nicht einheimsen, aber ein allgemeines Kopfnicken ist ja an einem gewöhnlichen Wochentag, wie es der Donnerstag nun mal einer ist, auch nicht zu verachten. Weitreichende Beschlüsse wurden bei diesem spontanen Stelldichein nicht verabschiedet, doch herrschte Einigkeit darüber, dass dem nächtlichen Gebell der Hunde mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte und plötzlich auftauchenden Personen, deren Gesichter einem nicht nur fremd vorkommen, sondern man sich auch fast sicher sein kann, sie noch nie auf dem Wochenmarkt in der Kreisstadt gesehen zu haben, ohne viele Worte zu verlieren, unmissverständliche Hinweise zu geben, auf welchen Pfaden sie am schnellsten nach Slowenien gelangen. Außerdem (und dies sollte nicht vergessen werden) eindringlich darauf hinzuweisen, dass im eigenen Haus bereits alle Betten belegt seien. Hinter der Grenze sähe die Sache jedoch viel positiver aus. Zuversichtlich trat jeder seinen kurzen Heimweg an, fütterte sodann den Ofen und aalte sich in dem Gefühl bestens vorbereitet zu sein. - Egal was da auch noch passieren mag. - Und es passierte tatsächlich.
Gestern, wie üblich auf der morgendlichen Patrouille, näherten wir uns dem Haus, das zuletzt als Hotel Garni von denen, die man nie sieht, aber dann doch irgendwie da sind, genutzt wurde. Also nicht das Haus mit dem aufgehebelten Fenster, sondern das, mit dem stets hungrigen Kleinvieh. Offensichtlich hatte das bereits angesprochene Netzwerk wieder ganze Arbeit geleistet und die Information versandt, dass Ivanowa, vor ihrem Umzug ins ungeheizte Untergeschoss, wohl vergessen hatte genügend Toilettenpapier bereitzulegen. Ein Umstand, der offensichtlich beim wandernden Volk nicht sonderlich gut ankommt. Aber in dem Anwesen, vor dem mein weiblicher Hilfssheriff nun standen, schien man 3-lagig bestens versorgt, denn mehrere der Rollen lagen, unordentlich über das Grundstück verteilt, teilweise im nassen Gras oder auf der geteerten Zufahrt zur Garage. Außerdem standen alle Türen (Haus, Garage und Stall) sperrangelweit offen. Kleidungsstücke und Essensreste überall verstreut. Ein Anblick, der in der Regel meist schwere Magenkrämpfe nach sich zieht und wohl als ausgemachte Sauerei, gepaart mit Chaos bezeichnet werden darf. Da unbewaffnet und ohne schusssichere Westen, machten Seka und ich uns, ohne viele Worte zu verlieren, vom Acker, informierten den Eigentümer der offenen Herberge und die Jungs, die auf das zurückgreifen können, was mir zum richtigen Sheriff fehlt - nämlich die Sonnenbrille und der Revolver.
Da die Kunde von den unfassbaren Geschehnissen es logischerweise noch nicht ins Dorf geschafft hatte, konnte der Dorfälteste auch nicht mit seiner Einschätzung glänzen, die nachher auch gerne als Tatsachenbericht ins Nachbardorf getragen wird. Die Aufgabe fiel nun den beiden Herren in Uniform zu, die sich wohl schweren Herzens von ihren Kaffeetassen in der nächstgelegenen Kneipe getrennt hatten, um sich auf dem hügligen Land einen Blick über das verschaffen, zu was nur Flüchtlinge in der Lage sind. So zumindest die erste Einschätzung der Staatsgewalt. Kurze Zeit später, nachdem man ganz sicher ist, dass niemand mehr vor Ort anzutreffen ist, den man hätte mit einem gezielten Schuss niederstrecken können, wurde einer der Beamten konkreter, als er behauptete, hier seien keine Syrer am Werk gewesen. Die Schweine, die das angerichtet haben, seien eindeutig aus Pakistan.
Was nun folgte, sollte für mich eine Lehrstunde in Sachen polizeilicher Ermittlungsarbeit und logischer Schlussfolgerung werden.
Den kurzen Dialog möchte ich niemandem vorenthalten.
»Woran machen Sie es fest, dass es sich um Pakistanis gehandelt hat?«
»So etwas sieht man sofort. Wir haben schließlich unsere Erfahrungen.«
Da ich in diesem Moment mit meiner Ratlosigkeit vollauf beschäftigt war, drehte der uniformierte Durchblicker kurzerhand den Spieß um wurde zum Fragensteller.
»Wir haben unsere Arbeit so weit erledigt. Warten Sie jetzt hier, bis der Eigentümer kommt?«
»Nein!«
Nun hoffe ich ganz fest, den beiden Polizisten nie bei einer Verkehrskontrolle zu begegnen.
Kaum zuhause erinnere ich mich an eine Momentaufnahme, die dort entstanden ist, von wo aus kroatischer Boden betreten wird, um endlich in unser Dorf zu gelangen. Jetzt, nachdem ich die Polizeischulung durchlaufen habe, ergeben die, auf dem Foto festgehaltenen Emotionen des Mannes auch einen Sinn.
Nicht nur die Tatsache, dass ihm in genau diesem Augenblick bewusst wurde, den sorfältig bestückten Gürtel mit explosiver Sprengkraft an der häuslichen Garderobe vergessen zu haben, schickten ihm Tränen in die Augen, sondern auch der Fakt, dass im hügligen Land selbstsüchtig und provokativ schlampig mit Toilettenpapier umgegangen wird.
Mein Dank geht nun an meine Nachbarn, das unheimliche Netzwerk und die kroatische Polizei!
Aber ganz zum Schluss ist mir noch das aufgefallen.
In Ammerbuch-Entringen, einem Kaff in der Nähe von Tübingen, wurde Seltsames erforscht. Anhand des Fundes der sogenannten Perlenfrau von Ammerbruch konnte einwandfrei nachgewiesen werden, dass bereits in der Jungsteinzeit, also ungefähr 6.000 Jahre bevor eine gewisse Maria außerehelich aktiv wurde, Menschen aus den Karpaten den Weg an Rhein und Neckar suchten, um dort fruchtbares Land zu bestellen. Doch ganz im Gegensatz zur heutigen Tradition, hat man damals der Frau, auch nach ihrem Tod, das Kostbarste nicht geklaut, sondern entgegengebracht - Anstand und Anerkennung. Dies ist ganz klar zu erkennen an der Grabbeigabe, denn eine solche Perlenkette hätte in heutiger Zeit dem Dealer einen goldenen Arsch verschafft.
Leider haben sich die Zeiten geändert!