Die Idee verdanke ich
und 
Der Kolkrabe
Kurze Vorgeschichte
In der germanischen Mythologie kommen zwei Tiere vor, denen, wo immer sie auch auftauchten, höchsten Respekt gezollt wurde. Es waren der Wolf und der Rabe. Beide Tiere bestachen durch ihre hohe Intelligenz und ihren natürlichen Sinn für Hygiene und Sauberkeit.
Irgendwann, die genaue Jahreszahl, der Kalendermonat oder der Wochentag kann ich im Moment nicht abrufen, aber es muss kurz nach dem Abendmahl und noch vor der Erfindung der Glühbirne gewesen sein, saß eine sehr weise, junge, attraktive Frau im gemütlichen Ohrensessel neben dem offenen Kamin (Pellet-Öfen kamen erst nach der Glühbirne), freute sich darüber „in anderen Umständen“ zu sein und warf einen Blick auf eine Liste mit den verschiedensten Vornamen.
Erhalten hatte sie die Vorschlagsliste von Erbtante Ottilie am Morgen, nachdem diese während des Frühstücks den Rest der Familie nochmals darüber informiert hatte, wer hier wie viel zu verteilen hat, wenn nur alles auch so läuft, wie sie sich das gedacht hat, mit dem Zusatz: „Ich will euch jungen Leut' ja nicht reinreden, aber einer von den Namen sollte es dann doch sein.“
Doch irgendwie konnte sich die werdende Mutter nicht mit Ole, Kevin, Malte, Kai-Uwe, Chantal, Sina-Ida, Adolf, Fritz, Erna und Sieglinde nicht recht anfreunden. Zudem war sie sich ganz sicher, dass es ein Sohn werden wird. Und zwar der intelligenteste, schönste, stärkste Sohn im ganzen germanischen Reich.So kramte sie in der Mythologie und stieß auf Wolf und Rabe.
Am nächsten Morgen, nach einem intensiven Dialog, einem solchen, wie ihn nur eine Mutter mit dem noch ungeborenen Kind führen kann, war die Namenssuche für beide beendet. Mutter und Sohn hatten sich auf Wolfram geeinigt.
Erbtante Ottilie erlitt daraufhin eine schwere Herzattacke, von der sie sich auch nicht mehr erholen sollte. Doch reichte ihre Kraft noch aus, um Wolfram von der Erbfolge auszuschließen.
So, und jetzt, enterbt bis in alle Ewigkeit, sitze ich hier und muss mich entscheiden. Aber die Entscheidung fällt mir leicht.
Denn meine erste Besetzung im Kindergarten-Ensemble: der Rabe in Grimm's Märchen. Zur Belohnung, Anerkennung oder wegen meiner unübertroffenen Blödheit (der Rabenvogel wurde nämlich mit Ruß oder was weiß ich komplett schwarz eingefärbt und dann auch noch in ein Kostüm gezwängt, das einem den Schweiß schon beim Anblick aus den Poren trieb), wurde mir eine kleine Rabe überreicht. Dieser Rabe begleitet mich seit dieser Zeit durch alle Stationen meines Lebens und grinst mich auch jetzt noch jeden Morgen an, wenn ich den Start-Knopf am Rechner drücke. Was mir nur auffällt, er bekommt langsam eine Glatze. Ich sollte einen Haarspezialisten konsultieren. Oder ich schere den Kater und transplantiere?! So schwierig wird das auch nicht sein?
Lieber Gott lass die Fünf gerade und mich beim Neustart eine Kolkrabe sein!
Es wäre nämlich die Reinkarnation par exelance. Denn wir Beide sind doch schon jetzt die perfekte Symbiose aus Mensch und Tier. (Mal großzügig davon abgesehen, dass die unberechenbare Natur, mich als leuchtenden Feuerkopf, das Licht der Welt hat erblicken lassen.) Schwarz ist aber mit Sicherheit die Farbe, die mein leuchtendes Feuer am besten zur Geltung bringt.
Seit ich das Spiel mit den Worten für mich entdeckt habe, nennen sie mich den Galgenvogel. Unsere gemeinsamen Feinde sind der Habicht in seiner unstillbaren, dumpen Gier nach allem was sich bewegt, der Uhu, der vorgibt klug zu sein, aber eigentlich nichts, als ein Nachtdieb ist oder der Marder, der den Weg zum Feinschmecker nie schaffen wird.
Gut, Pessimisten könnten anmerken, dass die Kolkrabe höchstens 21 Jahre alt wir. Dann frage ich zurück: „Mit welchem Alter beginnen allgemein die Probleme?“
Raben sind gesellig, leben im intakten sozialen Gefüge, achten peinlichst genau darauf, wo der Nachbar seine Vorratskammer anlegt und überprüft kurze Zeit später, ob mit den Vorräten auch wirklich alles in Ordnung ist. Wer möchte schon mit ansehen, wie der Nachbar sich den Magen verdirbt.
Außerdem kann der Rabe sich die Gesichter der Personen merken, die ihm mal übel mitspielen wollten. Ganz nach dem Motto: Man trifft sich immer zweimal! Genau wie ich!
Was mir nur leichtes Kopfweh bereitet, ist die Eigenart der Raben, in der Partnerschaft absolut monogam zu leben. Wenn es so im Raben-Grundgesetz verankert ist, dann halte ich mich auch dran. Aber bei der Auswahl darf dir dann wahrhaftig kein Fehler unterlaufen. Am Besten am Abend vorher nicht mit den Kumpels über die Stränge schlagen.
Anderseits ist es jedoch eine gute Nachricht, dass Raben eine natürliche Bestandsvermehrung betreiben. Nörgelnde Quälgeister, die einen nachts nicht schlafen lassen, werden demnach nur bei Bedarf ausgebrütet. Super Idee. Die Raben sind halt einfach an Genialität und Selbstüberschätzung kaum zu überbieten! Genau wie …