Für die so gerne Geschichten liest
für weil auch andere so schreiben wie sie schreiben, ganz ohne vorgegebenen Stil und genau das macht uns ja einmalig und für
weil der Arme von einem Peiniger verfolgt wird, der alle seine Beiträge downvotet - ein **** system hier, aber wirklich
Dafür gibt es jetzt eine Geschichte aus meiner Kindheit. Damals gabs kein Internet, nichtmal jeder hatte TV und fliegen war Luxus ... aber der wahre Luxus waren die Reisen, die man trotzdem machte, denn man hat sie nie vergessen, nicht so wie die Instant-Katalogreisen von heute, wo man die meisten Nachbarn am selben Strand wiedertrifft.
Die Geschichte aus Tromsö ist ein Teil eines alten Mails, das ich mal jemandem geschrieben habe - daher ist sie literarisch auch nicht so "wertvoll" und schon gar nicht druckreif, aber sie hat mich auf die Idee gebracht, die Geschichten meines Großvaters aufzuschreiben und dazu auch meine eigenen .. mal sehen, was mit der Zeit so zusammenkommt.
Wer nicht weiß, wo Tromsö liegt - nördlich des Polarkreises, an der Nordwestküste von Norwegen, mit der nördlichsten Universtität der Welt, auf der ich viele Jahre später auch studiert habe und sogar mit einer eigenen Bierbrauerei ! Es wohnen noch Samen dort mit ihren Rentieren und Schamanen als Ärzten, nichts hat sich dort verändert. Die Bewohner haben sogar die Olympischen Winterspiele abgelehnt, weil das ihre Umgebung zerstören würde - recht haben sie gehabt. Tromsö ist, um an die Werbung eines Haarshampoos anzuknüpfen, sauteuer, aber es wirkt !
So und jetzt denkt euch mal ein paar Jahrzehnte zurück ... und in eine Zeit um Weihnachten herum ....
I morgen er det atter en dag for Tromsö !
Wenn man es weiß und es versteht, ist es eigentlich ganz einfach, nur das Verstehen selbst nicht, das kann man nicht so einfach im Wörterbuch nachschlagen. Norwegen ist das Land der Schweigsamen - und der Geschichtenerzähler. Mein Großvater war beides ...
Er ist als Marinekadett vor dem ersten Weltkrieg nach Triest auf die Militärakademie gekommen und irgendwie dageblieben, nur meine Großmutter hat er sich noch geholt aus Norwegen, lange Geschichte, und ich bin drei Wochen nach meiner Geburt zu meinen Großeltern gekommen und dort geblieben, bis ich meinen eigenen Paß hatte und weg war ..
Mit drei hat mir mein geplagter Großvater, der in einem Kriegsveteranenprogramm bei Siemens gearbeitet hat, abends mit dem "Expreß" nach Hause kam und diesen in Ruhe lesen wollte, einen Setzkasten geschenkt (diese alten Holzkästen mit den vielen Karton-Buchstabenschildchen drin zum Reinschieben auf eine Schiene), um dem täglichen Kampf gegen das "Vorlesen aus der Zeitung" zu entkommen. Mit vier habe ich einen täglichen Bericht verfaßt, was zu Hause so los war und ihn gezwungen, ihn sich vorlesen zu lassen - wieder nichts mit Zeitungslesen in Ruhe. Danach kamen die Bücher meiner Großmutter dran und als ich endlich in die Schule kam, war mir sowas von langweilig ..
Das Kind ist eine Plage, terrorisiert die Mitschüler, fügt sich nicht ein - das war eine endlose Liste, eine Förderung für Hochbegabte, wie man das heute nennt, gabs sowieso nicht und dann gar ein Mädchen .... man hat sich also darauf geeinigt, so viele Krankmeldungen wie irgend möglich während meiner ganzen Volksschulzeit zu akzeptieren und mich möglichst vom Unterricht fernzuhalten.
Pro Semester war ich etwa 6 Wochen in der Schule, um ein Zeugnis zu bekommen, für den Rest der Zeit hat mein Großvater unsere Rucksäcke gepackt und wir sind zum Polarkreis getrampt. Mit der Bahn - Franz Josefs-Bahn damals noch oder doch von dort weg, der Bahnhof mit dem schönen Glasdach und den vielen Tauben darunter, bis Hamburg, dann mit dem Schiff bis Oslo, mit dem Bus nach Stavanger und mit dem Postschiff nach Tromsö, nach Hause.
Ende Oktober sind wir normalerweise weg, direkt in die Polarnacht. Wir hatten den Sommer über Nüsse, Birnen und Äpfel gesammelt und ganze Säcke davon mitgeschleppt, wie die Zigeuner, und direkt von der Fähre runter hat mein Großvater sie gegen alles Mögliche eingetauscht, was es dort oben gab und wir den Winter über gebraucht haben. Nüsse hatten damals mehr Wert als Gold, Obst sowieso und wir bekamen Brennmaterial, ein Pferd mit Schlitten und Futter und sogar eine gelegentliche Haushaltshilfe.
Wir hatten ein Haus in Tromsdalen, das ist am Festland, dort wo die Seilbahn raufgeht, nur nicht ganz so hoch, aber man konnte schön über die ganze Insel rüberschauen, auf der die Stadt liegt, auch wenn sie damals noch nicht so geglitzert hat wie heute. Die Brücke und die Kathedrale wurden gerade gebaut, die Samen haben wenige hundert Meter vor unserer Haustüre kampiert, mit Zelten und Rentieren, es gab ein paar Buben - eine richtige Bande und einmal haben wir sogar ein Piratenschiff versenkt, versehentlich natürlich, beim Entern, und einer der Buben, Jan Henry, ein eher stiller, dunkelhaariger, irgendwie zeitlos wirkender, wurde viele Jahre später der Fischereiminister, der in Norwegen die EU verhindern konnte - No-Fisch-Olsen! Die arme Sau, die die Prügel für das versenkte Piratenschiff - manche nannten es unwissend ein Fischerboot - abbekommen hat, lebt heute in Bodö und ist Psychoanalytiker. Die mir zustehende Hälfte der Prügel hätte er mir die ganzen Jahre über aufgehoben, hat er mir mal geschrieben, ich müßte sie nur abholen kommen ..
Daß wir eine Schale Milch vor die Haustüre gestellt haben, für die Trolle, war für mich normal, auch daß ich mich im Wald benehmen muß und ihn nicht etwa anzünden darf, denn Odin geht darin herum und sieht mit seinem einen Auge alles, war auch klar, unklar war mir nur das Nordlicht. Das ist ganz gewaltig dort, sogar heute, wo ich schon mehrere auf der Welt gesehen habe, ist es immer noch das Eindrucksvollste. Mein Großvater meinte, das wäre Thor, der den Hammer wirft und das ganze Universum dahinter würde dadurch aufleuchten. Den Weg dorthin würden nur jene finden, die auch daran glauben, an Thor, an Odin und daran, daß das Universum kein Ort ist, sondern ein Teil von uns und wir von ihm. Man müßte nur unbedingt fest daran glauben, einen Schritt machen und wäre mittendrin, da es ja immer um uns herum wäre ..
Das wollte ich ausprobieren. Es gab da einen Hügel mit einem Vorsprung, der die ideale Schanze ins Universum hätte gewesen sein können, wenn ich nur etwas fester daran geglaubt hätte. Aber hätte ich so richtig und ohne Zweifel daran geglaubt, hätte ich ja gar keine Schanze gebraucht. Also bin ich - Augen zu und Luft angehalten - ins Leere gestiegen und den Hügel runtergerollt, über das eisige Ufer gerutscht und in den Golfstrom gefallen. Etwa fünf Grad hat der dort um die Weihnachtszeit, dafür ist er eisfrei.
Bis ich wieder auf den Beinen und den Hügel hinauf bis zum Haus war, hatte ich dem Golfstrom was voraus - ich war nicht mehr eisfrei. Dafür hatte ich jede Menge Fieber.
Dort gabs nicht an jeder Ecke einen Arzt, also hat mein Großvater den Schamanen der Samen geholt, die ganz in der Nähe unseres Hauses ihr Winterlager hatten. So ganz habe ich das alles nicht mitbekommen, nur, daß sie mich in eine Schwitzhütte gesteckt haben, daß ich bitteres Zeug schlucken mußte, an Trommeln kann ich mich erinnern und an jede Menge bunte Farben. Auch daran, daß ich dann endlich in Asgard war und mitten in den grünen Nordlichtern, obwohl Thor offenbar nicht zu Hause war.
Paar Tage später war ich wieder gesund und auf Trolljagd, weil ich unbedingt einen fangen und mitnehmen wollte. (Heute habe ich eine ganze Sammlung davon, die heißen Nyform und einer davon sitzt genau vor mir hier auf meinem Router und paßt auf )
Das Mitnehmen war immer so eine Sache, viel schlimmer als das Fangen, denn mitnehmen bedeutete packen und Fähre und Süden und zurück nach Wien in eine vollkommen andere Welt und die wollte ich nicht. Wenn ich in Wien in ein Geschäft kam, irgend einen dämlichen Verwandten besuchen mußte oder wir auch nur zum Arzt gingen, überall kam dasselbe: Kann das Kind nicht grüßen ? Kann einen das Kind nicht ansehen beim Sprechen ? Ist das Kind dumm oder nur verstockt ? Habe ich mir dann endlich angewöhnt, kurz mal widerwillig zu grüßen und kam ich nach Norwegen und irgendwo rein und sagte artig heisann, gabs strenge Blicke und vorwurfsvolle Gesichter : Man grüßt nicht in Norwegen, schon gar nicht im Norden, wenn man wo reinkommt, man könnte jemanden beim Denken stören und in die Realität zurückholen ...
Es war also gar nicht üblich, jemanden einfach so anzusprechen, zu grüßen oder ihn zu stören, ohne einen wirklich guten Grund zu haben und deswegen habe ich den Mann, der eines vormittags auf meiner Schanze saß und auf den Hafen und die Stadt hinunterschaute, auch nicht gegrüßt oder gar gefragt, warum er auf meinem ganz persönlichen Beobachtungsposten sitzen würde - dem besten Platz auf der ganzen Landseite, um schon Stunden vor dem Eintreffen das Postschiff zu sehen, das aus dem Süden raufkam, ein paar Stunden blieb, bis Kirkenes weiterfuhr und ein paar Tage später zurückkam und uns mitnehmen mußte. Eigentlich sahen die damaligen Postschiffe alle fast gleich aus, waren aus Holz und haben fast noch an alte Raddampfer erinnert, vor allem, wenn sie weit weg auf dem Weg von Bodö nach Tromsö hereingekommen sind, aber dieses eine, das uns auf der Rückfahrt mitnehmen mußte, hat immer irgendwie besonders ausgesehen. So als hätte Loki der Boshafte eine Art Aura darum herumgehext mit einer Leuchtschrift : Du bist die nächste, ob du willst oder nicht ...
An diesem Vormittag Mitte Februar kam also nicht nur das böse Lokiboot, sondern saß auch ein fremder alter Mann auf meiner Schanze und schaute aufs Meer hinunter. Wenn man sechs oder sieben Jahre alt ist, ist jeder Erwachsene alt, sehen konnte ich ihn nur von hinten und fragen konnte ich ihn auch nicht - man grüßt nicht in Nordnorwegen, man fragt nicht, man stört niemanden beim Denken. Also habe ich mich einige Meter oberhalb in den Schnee hingesetzt und auch hinuntergeschaut, auf den alten Mann, auf den Tromsösund, auf den Hafen, auf das Postschiff, und habe gewartet. Wir müssen lange so dagesessen haben, denn Mitte Februar werden die Nachmittage in Tromsö schon recht hell, für etwa eine Stunde am Tag kommt die Sonne schon über den Horizont und der Tag der ersten Sonne ist immer ein großer Feiertag . Aus allen Häusern und Büros und Geschäften kommen die Leute auf die Straße oder den Berg herauf oder heute auf die Brücke und begrüßten diese eine Stunde Sonne.
Damals war es schon wieder dunkel und das Postschiff schon lange weg und auf dem Weg nach Kirkenes, als mir kalt wurde und die Schuhe naß waren und ich mich leise und unauffällig hinter dem alten Mann davongemacht habe. Aber irgendetwas war anders. Er hatte kein Wort gesprochen, sich eigentlich überhaupt nicht gerührt, ich habe ihn nie von vorne gesehen und nie herausgefunden, wer er war oder was er dort wollte, aber danach kannte ich jede Geschichte, jedes Ereignis, jede Eigenheit, die jemals etwas mit Norwegen zu tun gehabt haben. Alles, was ich danach gelesen habe, jedes Buch von Hamsun, sogar meine Studienzeit ein Vierteljahrundert später, war vertraut und schon mal dagewesen und irgendwie ewig und konnte gar nicht anders sein.
Man muß nicht sprechen in Norwegen, um etwas zu erzählen, es gibt eine Art Verbundenheit dort, die es überflüssig macht, etwas zu erklären - oder zu grüßen. Man ist ja ohnehin ein Teil davon, immer, ununterbrochen, warum also grüßen ? Mein Großvater kannte das, aber erklären hätte er es auch nicht können, obwohl er der beste Geschichtenerzähler war, den ich kenne. Aber Norwegen ist das Land der Trolle, von Odins Wäldern und Thors Himmel und darüber kann man nichts schreiben oder es erklären, wenn man es nicht kennt und versteht .. also hat er mich mitgenommen und es mir gezeigt und gewartet, ob ich es auch verstehe ...
Ich war noch jeden Winter mit ihm dort, bis ich zehn wurde, dann mußte ich die Schule wechseln und mein Großvater wurde ernsthaft krank. Das alte Tromsö mit den Holzhäusern und dem alten Hafen und der Trollschanze habe ich danach nie wiedergesehen, denn es ist abgebrannt, fast die halbe Insel mußte neu aufgebaut werden und auf unserer Seite, in Tromsdalen, gibt es jetzt Siedlungen, die weit über die alte Schanze hinaufreichen. Die Stadt hat heute über 60.000 Einwohner, mehr als doppelt so viele wie damals, davon sind gute 10.000 an der Universität und entsprechend lauter und weltlicher ist es geworden - wenn man es nur kurz sieht. Wenn die Polarnacht kommt im November, wenn man das Licht aufdreht, um es erst im Februar wieder abzudrehen, wenn die Nordlichter kommen, dann ist es aber immer noch genauso wie damals Odins Land und Thors Himmel und man muß nicht sprechen oder grüßen, um dazuzugehören und zu wissen, was vorgeht.
i morgen er det atter en dag for Tromsö !