Der Kapitalismus und die freien Märkte sind schuld am Elend dieser Welt, so die verkürzte und indoktrinierte Auffassung der Massen.
Der Begriff "freier Markt" ist wohl eine Fehlinterpretation, denn "frei" ist Dieser in keinem Fall. Interventionen wohin man seinen Blick richtet. Alles auf den "freien Markt", der "nicht frei" ist, zu schieben, ist einfach nur töricht und eine Verzerrung des Realen.
Und was ist Kapital?
Kapital ist der Einsatz von Gütern, Handlungen und Beziehungen in eine bestehende Struktur, die es erlaubt, mehr und höhere Ziele in größerem Ausmaß, schneller, besser und günstiger zu erreichen. Dieser indirekte Weg der Zielerreichung erfordert hohes Abstraktionsvermögen, vorübergehenden Verzicht bzw. Geduld und korrekte Antizipation - und vor allem die Fähigkeit und den Willen, sich überhaupt Ziele zu setzen. Wenn höherer Wohlstand im einzelnen zulässigen, nämlich breiten Wortsinn die effektivere Erreichung von mehr und höheren menschlichen Zielen bedeutet, dann vergrößert Kapital langfristig den Wohlstand. Dieser Wohlstandszuwachs ist bedingt durch die Kombination bestehender Faktoren in einer Struktur, die in unteilbarer Weise einen höheren bzw. besseren Gesamtertrag dieser Struktur mit sich bringt als die Einzelerträge der nicht zusammengesetzten Faktoren. Dazu muss allerdings auf den in der Regel rascher und einfacher zu erzielenden Einzelerträge verzichtet werden - in der ungewissen Aussicht einer möglicherweise gelungenen Neukombination. Ohne Aussicht auf diesen Mehrertrag bestehen kaum Anreize für den Kapitalaufbau; allerdings ist Ertrag niemals bloß monetär oder materialistisch zu verstehen.
Das ökonomische Verständnis von Wohlstand und Kapital verrät uns allerdings noch nicht, welche Ziele wir anstreben sollen, welche Ziele unserem menschlichen Wesen entsprechen und förderlich sind und welche Ziele sich widersprechen könnten. Die verkürzte Betrachtung von Wohlstand als rein materielle Größe der maximalen Ausstattung mit materiellen Konsumgütern ist charakteristisch für arme und verarmende Gesellschaften.
Bei einem breiteren Verständnis menschlichen Wohlstands im Sinne des Wohls der Menschen gewinnt auch das Konzept Kapital eine wesentlich breitere Bedeutung. Der Einsatz aller Güter und Beziehungen, über die man verfügt, zur Maximierung ihres materiellen Ertrages kann im Grenzfall auch als Konsum ("Aufbrauchen") aufgefasst werden, während die Pflege von Beziehungen und Strukturen, ohne Schielen auf ihren materiellen Ertrag, eine Investition im eigentlichen Sinne sein kann. Die Dinge können sich bei näherer Analyse also gänzlich umgekehrt darstellen, als sie auf den ersten Blick erscheinen. Der Ökonom darf hier durch eine ungenaue und verkürzte Interpretation keine versteckte Wertung einführen. Hohes Einkommen ist noch kein Endzweck, die Frage ist für den Ökonomen immer, welchen Zielen diese Mittel dienen sollen. Der ziellose Mehrer des materiellen "Wohlstandes" kann so im Endeffekt weitaus weniger wohlhabend sein als der Mensch, der sehr bewusste Ziele unter Einsatz geringerer Mittel verfolgt.
Warum ist Kapital wichtig?
Der Wohlstand, also die Fähigkeit, unsere subjektiven Ziele zu erreichen, ist von Natur aus sehr gering - sowohl, was unsere angeborenen Fähigkeiten (den Einsatz unserer Arbeit) betrifft, als auch unsere Ausstattung mit permanenten Gütern, die keine Vorleistung erfordern. Der allergrößte Teil des Wohlstandes ist die Folge menschlicher Vorleistungen in der Form aufgebauter Strukturen, die sich - stets im Nachhinein - als tatsächliches, das heißt korrektes antizipiertes Kapital erweisen. Jene Strukturen, deren Erträge ausbleiben, die sich an falschen, zum relativen Zeitpunkt nicht angestrebten Zielen orientieren oder deren Erträge auf Kosten höher bewerteter Alternativen anfallen, erweisen sich als Konsum und nicht als Kapital.
Kapital ist vergänglich und erfordert laufende Reinvestitionen, die oft direkt aus dem Kapitalertrag getätigt werden können. Werden solche Reinvestitionen nicht getätigt, weil beispielsweise der gesamte Ertrag oder mehr konsumiert wird, kommt es zu einer Aufzehrung des Kapitals und somit langfristig zu niedrigerem Wohlstand. Nur ein geringer Teil dieses Wohlstands und Kapitals ist materieller Natur.
Zur Verdeutlichung eine Umformulierung eben genannten Zusammenhangs: Wenn wir nicht auch darauf abzielen, stets die Grundlagen zu erhalten, die uns das Erreichen unserer Ziele ermöglichen, werden wir immer weniger Ziele unter immer größerer Mühe erreichen können. Nachhaltige Erträge sind stets kapitalerhaltende oder kapitalmehrende Erträge. Um Kapitalaufzehrung zu vermeiden, müssen wir Kapital und Ertrag deutlich voneinander unterscheiden können - gerade heute eine nicht zu unterschätzende Aufgabe. Der Aufbau und die Erhaltung von Kapitalstrukturen sind eine schwierige Kunst; es handelt sich um die Disziplin der Kultur. Das Wort Kultur verweist auf diese alte Bedeutung, als die wesentliche Kapitalbildung in der Landwirtschaft erfolgte. Die Felder die heute zu bestellen sind (dies bedeutet lateinisch "colere", wovon sich "cultura", bzw. "Kultur" ableitet), sind zum Teil weit komplexerer Natur. Die macht es aber auch schwieriger, die Saat zu erkennen und nicht achtlos zu zerstören.
Das ist die Kurzversion zur Erklärung von Kapial. Das scheint den heutigen Ökonomen und Soziologen abhanden gekommen zu sein.
Daher ist es eine Frechheit, heute von Kapitalismus und freien Märkten zu sprechen. Wir sind bereits weit von Kapitalismus und freien Märkten entfernt und entfernen uns immer schneller vom Kapital und Wohlstand. Was heute betrieben wird ist Kapital-Aufzehrung, Kapitalvernichtung, den Weg einer verarmenden Gesellschaft.