Seit es den Wohlfahrtsstaat gibt, warnen Ökonomen davor, dass dies auf Dauer nicht finanzierbar ist und eine Verschuldungsspirale nach sich zieht. In diesem Zusammenhang fällt auch immer der Begriff „Pauperisierung“.
Bedarfsabhängige Sozialleistungen haben die Tendenz und sind auch real verstärkt beobachtbar, die Pauperisierung zu verstärken und sogar extrem zu überdehnen. Der Begriff „Pauperisierung“ ist dabei aber nicht als Verarmung zu verstehen, wie meistens diagnostiziert, sondern als eine Überhandnahme eines Bettlerdaseins, und dass unabhängig vom Wohlstandsniveau. Es entstehen dabei Anspruchskataloge mit Begrifflichkeiten und Recht „ein Recht haben auf…“. Hier wird sogar versucht, den Begriff des Bettelns durch den Begriff „Recht“ zu überlagern.
Das wirft die Frage auf:
«Ob es denn sein könnte, dass der so wohlgemeinte Wohlfahrtsstaat selbst seine Bedürftigen, und die Bedürftigkeit überhaupt, produziert?»
Seit es die Einführung des Wohlfahrtsstaats gibt, warnen daher Ökonomen vor den Finanzierungsproblemen und einer Verschuldungsspirale, die ein Wohlfahrstaat zwangsläufig mit sich bringt. Ob vor 10 Jahren, 30 Jahren oder auch schon 150 Jahren wurden diese Probleme in unzähligen Tabellen, Statistiken, realen Beobachten aufgezeigt und nachgewiesen. Warum konnten diese Argumente aber bislang nicht überzeugen?
Der Grund ist in der Anthropologie, der Wissenschaft vom Menschen, zu finden.
Die meisten Menschen befürworten den Wohlfahrtsstaat und bezeichnen Diesen als eine anthropologische und moralische Notwendigkeit. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Bedenken und realen Beweisführungen der Ökonomen nicht sehr beeindrucken konnten und können.
Der Mensch erblickt das Licht dieser Erde als das lebensunfähigste Tier. Lebensunfähig wie dieser nunmal ist, erfährt von klein auf Abhängigkeit und die notwendige Fürsorgeverantwortung. Nun betrachten wir unser Gehirn. Dieses Gehirn ist sehr schlecht auf das Leben ausserhalb einer engen Sippengemeinschaft , der eigenen Familie, ausgelegt. Dieses Dilemma, dass man erkannt hat, ist das (bestimmt) wohlgemeinte Experiment zur Begründung des Wohlfahrtsstaates. Rahim Tahizadegan liegt nicht falsch, als er es als „Versuch einer Antwort“ diagnostizierte, die auf dieses unbewusst empfundene Dilemma in modernen, anonymen Gesellschaften Lösungen sucht.
Hegel brachte dieses Dilemma und den Zwiespalt am besten auf den Punkt. Er benannte es als Kernaufgabe des modernen Staates und damit des Wohlfahrtsstaats, dessen Aufgabe es sein müsste eine Synthese zwischen der Liebe und der Freiheit zu bilden: das bedeutet vereinfacht, die Fürsorglichkeit der Sippe, der Familie zu erfahren, ohne den Beschränkungen der Sippe ausgeliefert zu sein. Da verwundert es auch nicht, dass der Begriff „Freiheit“ heute völlig entstellt ist.
Verkürzt dargestellt sind drei anthropologische Grundlagen zu benennen, die den Wohlfahrtsstaat als notwendiges Experiment und als fortzuführendes Projekt erscheinen lassen, das grundsätzlich jeden Preis sogar eine Massenüberschuldung zu Lasten aller Anderen wert sein müsse – und damit über jedem Hausverstand oder der Ökonomie im Allgemeinen stehe.
Blicken wir ein wenig zurück. Am Anfang steht die These, dass eine plötzliche Anhäufung von Notlagen freiwillige soziale Strukturen überfordern würde. Hier sei an die teuerste Scheidung der Geschichte verwiesen, als Heinrich der achte sich nicht nur von seiner Frau scheiden ließ, sondern gleichzeitig sich vom Papst scheiden ließ. Durch den abrupten Wegfall (durch verhängtes Verbot und Auflösung) des einzigen Anbieters von sozialem Arrangement außerhalb der Sippen, die Klöster und sonstigen päpstlichen Einrichtungen, erschien diese Tragödie real um hier diesen Vorfall als Musterthese heranzuziehen. In unserer heutigen Zeit nehmen solche Häufungen durch die wachsende Tragweite politischer und ökonomischer Wechselfälle zu. Hier wird die exponentielle Erhöhung der Sozialausgaben die wir alle zu spüren bekommen als Beweis der sich rapide verschlechternden sozialen Lage vieler Menschen interpretiert. Von dieser Korrelation ausgehend könnte man aber auch auf eine faktisch feststellbare paradoxe Kausalität schliessen. Könnte es auch sein, dass der wohlmeinende Wohlfahrtsstaat die Bedürftigkeit selbst produziert (Siehe auch Heinrich der achte, durch Verbot der päpstlichen Wohlfahrt in seinem Land, welche als nicht ursächlich erkannt und benannt wird. Lediglich die abrupte Notlage bleibt im Gedächtnis).
Um die Produktion von Bedürftigkeit zu verdeutlichen, sei auf eine andere Anekdote aus Vietnam verwiesen, die man als ökonomischen Fehlanreiz analysieren muss.
Um einer großen Rattenplage Herr zu werden, bot die Regierung Prämien für die Schwänze toter Ratten. Nicht erkannt wurde zunächst, dass damit der Wert der Ratten exorbitant stieg. Die damaligen Rattenfänger hatten ihre Chance erkannt, viel Prämien zu kassieren, indem sie die Ratten nicht eliminierten, sondern die Vermehrung förderten um an die begehrten Prämien-Schwänze zu gelangen.
Fazit: Die Zahl der Ratten wuchs noch weiter.
Ist es nun zynisch, davon auszugehen, dass als Folge bedarfsabhängiger Förderung die Bedürftigkeit gezielt erhöht wird?
Oder Krankt die Ökonomie schlicht und ergreifend an einem negativen, allzu schlechten und pessimistischen Menschenbild?
Bei tatsächlicher Betrachtung geht es hier nicht um ökonomische Reduktion, sondern um realistische Anthropologie:
Der Mensch ist evolutionsbiologisch also von Natur aus darauf angewiesen, ein Opportunist, ein listiger Täuscher zu sein, dass sich evolutionsbiologisch fest in unser Hirn eingebrannt hat.
An Kraft oder Schnelligkeit können wir es, und das ist ein Fakt, mit den Tieren nicht aufnehmen. Die Beobachtung von Naturvölkern zeigt, sie sind beobachtende, wartende und verfolgende Jäger. Sie versuchen den kleinsten Vorteil zu ihren Gunsten ausnutzen und das müssen sie auch um erfolgreich zu sein. Da aber unser Überleben darauf beruhte, kann man dies dem Menschen schwerlich anlasten.
So ist es naheliegend und durchaus schlüssig, dass bedarfsabhängige Sozialleistungen die Pauperisierung nicht mindern, sondern faktisch verstärken. Unter Pauperisierung versteht man nicht Verarmung, sondern die Überhandnahme eines Bettlerdaseins, das vom Wohlstandsniveau gänzlich unabhängig und eher psychologischer Natur ist: hohe Zeitpräferenz, geringe Sparneigung, geringe Eigenverantwortung.
Neben der Politik erscheint es bisweilen sogar real, dass in unserer heutigen Zeit auch die Ökonomie selbst die Häufung von Not verstärkt. Es hat sich das Phänomen eines Konjunkturzyklus deutlich bemerkbar gemacht, das eine zyklische Häufung von Unternehmenszusammenbrüchen und Arbeitslosigkeit mit sich bringt.
Allerdings wird nicht bemerkt, dass die Rezessionen eine Phase der Aufdeckung nicht nachhaltiger Wirtschaftsstrukturen ist; das eigentliche Unheil ist die sich permanent aufblähende Blasenwirtschaft, die davor Ressourcen verschwendet und gerade die Ärmsten in ein inflationäres Hamsterrad zwingt.
Dann bricht Panik aus und es wird versucht durch Banken Aktionismus irgendwie die Panik zu lindern. Doch der Versuch einer „irgendwie“ Linderung der Rezessionsfolgen kann nur die Korrektur künstlich hinausschieben aber schafft damit die Grundlage späterer, noch grösserer Bedürftigkeit.
Wer seine Augen und Ohren nicht verschließt und sich sogar selbst belügt kommt zu dem Schluss, dass es tatsächlich eher die zentralistischen Fürsorgesysteme sind, die im Konjunkturzyklus an ihre Grenzen stossen.
Die These, dass die freiwilligen Strukturen mit der zyklischen Häufung von Not nicht fertig werden würden, ist falsch: Mangels fester Rechtsansprüche und dank persönlicher Beziehungen waren die Friendly Societies oder Gewerkvereine wesentlich flexibler. Sie verschwanden nicht, weil sie überfordert waren, sondern wurden im Moment ihrer grössten Leistungsfähigkeit zwangsweise dem Staat einverleibt.
Die zweite anthropologische Grundlage des Wohlfahrtsstaats ist, dass nur er in der Lage sein könne, einen Teufelskreislauf durchbrechen: Es scheint in Stein gemeißelt zu sein, Arme und ungebildete Eltern hätten wiederum arme und ungebildete Kinder. Diese Perspektive der sozialen Steinmetze überschätzen jedoch die Wirkung des Elternhauses. Zwillingsstudien (von diesen wiederum nur die wenigsten wissen) zeigen, dass maximal zehn Prozent der verschiedensten Variationen von Charaktereigenschaften und der verschiedensten Lebenswege von Kindern durch das Elternhaus erklärt werden können. Diese beschränkte Auffassung ist vermutlich wesentlich paradoxer, als die meisten glauben.
Wenn man den Lerneifer und die Leistungsbereitschaft von jungen Asiaten als Vergleich heranzieht, mag man in unseren Breiten eher Wohlstandsverwahrlosung denn materiellen Mangel im Elternhaus als Entwicklungshemmnis ansehen. Sollte der Wohlfahrtsstaat also, statt Kindergeld auszuzahlen, Verarmungsprämien bei der Geburt eines Kindes abziehen, um es vor einer gefährlich sorglosen Existenz zu bewahren?
Wo kommt nun die Logik des Wohlfahrtsstaates her?
Die Antwort ist bei genauer Betrachtung so zu formulieren: Hinter der Logik des Wohlfahrtsstaats steckt im Kern ein Behaviorismus, der in seiner auf das Materielle reduzierten Form auch die dritte anthropologische Prämisse des Wohlfahrtsstaats bildet, nämlich dass die Menschen durch ein schlechtes Umfeld schlechter würden und daher nur die möglichst schnelle materielle Verbesserung der Lebensverhältnisse asoziales Verhalten unterbinden könne. (Rahim Taghizadegan)
Man könnte nun annehmen, das der materielle Aspekt der hierbei zu mangeln scheint, im Vordergrund steht. Nein!!!
Das erkannte schon die Sozialforscherin Marie Jahoda, als sie die Verhältnisse von Arbeitslosen untersuchte: Viel schwerwiegender als materieller Mangel sind das Fehlen einer Zeitstruktur, sozialer Kontakte und einer gemeinsamen Aufgabe, die Identität stiften kann. Deshalb greifen alle Menschenbesserungsversuche per Umfeldgestaltung tief in den Lebensalltag ein. Ohne Freiwilligkeit bleibt da von der Freiheit nichts, rein gar nichts übrig. Bei der Herangehensweise dieser Betrachtung erstaunt es dann auch nicht, dass Totalitäre oft behavioristische Lösungen bemühten: Mao meinte, auf leeren Blättern würden die schönsten Gedichte geschrieben, und die Roten Khmer postulierten, nur Neugeborene seien unbefleckt.
Mein Plädoyer steht daher für ein realistisches Menschenbild.
Der Wohlfahrtsstaat ist im Gegensatz dazu eine permissive sich anmaßende Spielart des Behaviorismus, die sich selbst Freiheitlichkeit bescheinigt, aber allen Anderen diese nicht bescheinigen will. Die Reduktion auf anonym-materielle Interventionen ist zwar für die Versorgten und dazu gehören auch Subventionierte oder Privilegierte angenehmer, doch ihre Wirksamkeit ist zweifelhaft und schlägt in ihr Gegenteil um.
Rahim Taghizadegan hat hierfür ein schönes Beispiel:
Ein Beispiel für permissiven Paternalismus wäre, ein quengelndes Kind stets mit einem Bonbon abzuspeisen – was das Kind darauf konditioniert, nur durch die Anmeldung eines niederen Bedürfnisses Aufmerksamkeit und Zuwendung zu erlangen. Der Hauptleidtragende einer solchen vermeintlich freiheitskompatiblen Abspeisung ist das Kind.
Er bescheinigt: Demnach liegt die These nahe, dass die Hauptleidtragenden des Wohlfahrtsstaats seine Klienten sind: die Unterschicht. Der Wohlfahrtsstaat ist demnach nicht bloss eine ökonomische und politische, sondern vor allem eine anthropologische und moralische Katastrophe. Ihn in Frage zu stellen, ist demnach nicht ein Ausfluss unsolidarischen Geizes, sondern die notwendige Folge einer Mitmenschlichkeit, die sich nicht an theoretischen Modellmenschen orientiert, sondern auf einem realistischen Verständnis der menschlichen Natur beruht.
Wer also tatsächliche Nächstenliebe praktizieren will, müsste für die Abschaffung des Wohlfahrtsstaats plädieren.