Meine heutige Leseprobe wird durch eine (e-Mail) elektronische Post begleitet, die sich in den letzten Tagen ereignet hat. Hier ein kurzer Auszug daraus.
... Bei uns Schreiberlingen besteht ja oft das Problem, dass wir die sprichwörtliche "Butter bei de Fische" nicht liefern können und dass dem Leser der Fisch auch ohne "Butter" schmecken muss. Wer sich diesem Geschmacksdiktat nicht beugen will, verwirft unser Produkt. - Viele Produkte (leider auch aus dem libertären Lager!) sind einigermaßen geschmacksdefizitär (vulgo: schal). Ihnen fehlt der Sachbezug. - Um nun zu dem Anruf von heute morgen zu kommen - Roberto liefert Fakten. Deshalb meine Anregung für Dein Vorhaben: Eine Staatsanklage auf dieser Faktenbasis, und zwar ganz nüchtern und sachlich-trocken und ohne irgendwelche "Bösewichte" ("die da oben") verteufeln zu wollen. Die Dokumentation darüber ergäbe (obwohl sachlich-trocken) eine spannende Geschichte. Man könnte an einem konkreten Fall und mit Hilfe einer schonungslosen Fallanalyse zeigen, wie weit weg die Staatsgesellschaft von einer wahrhaft freien Gesellschaft ist. U.U. gelänge es sogar, am "Fall Haslinger" aufzuweisen, dass das Missgeschick, unter dem Viele von uns leiden, schon in der Systemkonstruktion "Staat" begründet ist. Kannst Du (mit gehörigem juridischen Sachverstand) etwas aus der Haslinger-Geschichte machen? Vielleicht setzt Du Dich noch mal mit Roberto in Verbindung.
Die Verbindung hat bereits stattgefunden und das "Butter bei de Fische" geht nun endlich seinen überregionalen internationalen Gang. Mein eigener juristischer Fall ist bereits so weit fortgeschritten, dass der Staatsanklage auf internationalem Parkett nichts mehr im Wege steht. Manchmal benötigen gewisse Ereignisse einer langen Vorbereitung - die auch von viele Schmerzen begleitet wird.
Aber um dem Empirischen gerecht zu werden, lassen sich auch Schmerzen nicht verhindern, vor allem wenn es um ein Systemkonstrukt "Staat" geht. Diese Schmerzen sind manchmal der Preis (die Kosten) die dem nachfolgenden Motto geschuldet werden müssen.
Wer darüber hinaus etwas tun will, muss bereit sein, die Kosten dafür zu tragen
Dieses Motto, welches auch am Schluss der heutigen Leseprobe zu erlesen ist, ist für mich seit Jahren ein empirisches Erfordernis.
Schreiben kann man viel aber der sprichwörtliche "Geschmack" "die Butter" fehlt. Mit dieser jetzt beginnenden Staatsanklage soll dem "Geschmack" die notwendige Würze und Geschmeidigkeit beigegeben werden.
Die beiden Pole Freiseinwollen und wirkliches Freisein driften in der Staatsgesellschaft immer weiter auseinander. Vor diesem Hintergrund ist zu fragen, ob trotz der soeben geschilderten Entwicklung Hoffnung auf eine nachhaltig gefestigte freie Gesellschaft besteht. Die müsste nach den Ausführungen der Abschnitte B 1 bis C 1 dieser Schrift eine Gesellschaft ohne Staat sein. Besteht Aussicht auf eine nachstaatliche Ära, auf ein menschliches Zusammenleben ohne Obrigkeit?
Es gibt Grund zur Skepsis. Die Skepsis nährt sich aus der Beobachtung, dass eine Obrigkeit ihre Existenz stets auch ihren Untergebenen verdankt. Unterdrücker werden von den Unterdrückten gemacht. Heute scheint sich die Mehrzahl der Unterdrückten offenbar mit ihrem Los abgefunden zu haben. Die Entwicklung in Richtung Freiheit des Ich wird nicht zuletzt dadurch behindert, dass das Ich seiner Befreiung am liebsten selber im Wege steht.
Bei aller Skepsis – seien wir unbesorgt! Es gibt Alternativen zur Resignation. Die uns von Natur gegebene Freiheit hat sich stets irgendwie Bahn verschafft. Die Freiheit des Ich rebelliert irgendwann immer gegen die Zurichtung im Käfig obrigkeitlicher Zwänge oder gegen das Diktat der abstrusen Gesellschaftstheorien der Intelligenzia. In diesem Punkt teile ich den Optimismus des Immanuel Kant. Für diesen Optimismus spricht: seit den unüberhörbareren Rufen Kants und Stirners hinein in das Dunkel der Unfreiheit weht ein „warmer Tauwind“ (Friedrich Nietzsche), der das Eis der Freiheitsfeindlichkeit immer mehr abschmilzt und die bisherigen gesellschaftlichen Strukturen zerbröselt - trotz massiver Rückschläge.
Die Idee der Freiheit wird sich Zug um Zug ihr Sein verschaffen, vielleicht erst in ferner Zukunft. Solange es der politischen Klasse gelingt, die Kosten für das Erlangen der Freiheit so hoch zu halten, dass nur Wenige bereit sind, sie aufbringen, wird Freiheit nur Wenigen zuteil, und auch dann oft nur als Narrenfreiheit (s. dazu der Verf., 2015).
Der Mensch lebt seine Freiheit so oder so. Er verschafft ihr stets irgendwie Luft, notgedrungen in Form heimlicher oder abenteuerlicher, oft sogar roher Praxis. Freiheit sucht sich auch heute ihren Weg, meist als Schleichweg vorbei an den Behinderungen. Kein Geringerer als der Erkenntnistheoretiker und Kosmopolit Gerard Radnitzky beschreibt in seiner beachtenswerten Biographie (2006), dass selbst in schlimmsten Zeiten ein Weg der Bewahrung von persönlicher Freiheit möglich ist. Radnitzky hat sich mit einigem Erfolg an den durch die Obrigkeit bewirkten Behinderungen der Freiheit vorbeigeschlichen, „durchgeschlängelt“, wie er sagt.
Die Spontanautonomie des Ich ist unzerstörbar, erkennt Ekkehard von Braunmühl. Jeder Mensch ist - bei aller empfundenen Fremdbestimmung - ein von Beginn an selbstbestimmtes Wesen. Selbst dort, wo er sich dazu entscheidet, sich einer Fremdbestimmung zu unterwerfen, tut er dies selbst, aus welchen Gründen auch immer.
Oft fehlt das Bewusstsein über ein Leben in Freiheit. Die Wortführer des heutigen Zeitgeists scheinen davon beseelt, den Menschen das Wissen um Selbstbestimmtheit, Freiheit und Verantwortung so lange wie möglich vorzuenthalten. Dennoch sind diese im Menschen angelegt und verschaffen sich immer irgendwie Luft. Der gesellschaftskritische Skeptizismus übersieht das. Er verharrt in weinerlicher Trotzhaltung oder pampert seine Trauer um angeblich verloren gehende Lebenschancen.
Viele meinen, der Weg in die gesellschaftliche, insbesondere gesellschaftspolitische Freiheit könne erst beschritten werden nach dem ökonomischen Niedergang des Staates, verbunden mit dem Verfall des Willens der herrschenden Elite, ihre Herrschaft effektiv zu verteidigen (Murray Rothbard, 2012; Hans-Hermann Hoppe, 2004). So etwas konnten wir in der Tat beim Untergang des ehemaligen Ostblocks beobachten. Nur haben wir dort auch heute wieder eine obrigkeitlich herrschende Elite. Das Prinzip „Staat“ hat überlebt.
Gerade anlässlich des Untergangs des sog. Ostblocks sollte klar geworden sein: ohne eine „Revolution in den Köpfen“ (John Henry Mackay, Nachdruck 1980, Max Stirner, Nachdruck 1979) wird sich nichts ändern. Eine Revolution im traditionellen Sinne hat bisher immer versagt. Sie hat nur von einer Unfreiheit in die andere geführt. Eine Obrigkeit hat die andere abgelöst. Aber die „Revolution im Kopf“ kann ein erster Schritt sein hin zur persönlichen Freiheit, selbst in einem unfreien Regim. Auch hier gibt es Orte, die man zu Freiheitsnischen umfunktionieren kann. Solche Orte findet man nur, nachdem man sich selbst befreit hat.
Der Freiheitsvisionär Max Stirner arbeitet in seinem Hauptwerk einen Unterschied heraus, der eine Perspektive eröffnen könnte für einen - zumindest einzelpersönlichen - Befreiungsschlag. Er stellt den seiner Ansicht nach unsinnigen gewaltsamen Revolutionen die von ihm sogenannte Empörung (im Sinne eines bewusstseinmäßigen „Emporkommens“) entgegen. „Die…Empörung…ist kein Kampf gegen das Bestehende, da, wenn sie gedeiht, das Bestehende von selbst zusammenstürzt, sie ist nur ein Herausarbeiten Meiner aus dem Bestehenden. Verlasse Ich das Bestehende, so ist es tot und geht in Fäulnis über.“ (Nachdruck 1972; Orthographie nach Stirner). Das Verlassen des Bestehenden ist, wie wir wissen, nicht die leichteste Übung im Leben. Dennoch: die wahre Kraft des Subversiven liegt nicht in der Revolution, sondern in der Empörung, im Emporkommen von Freiheit und Eigenheit beim Ich.
Die Empörung als „Herausarbeiten aus dem Bestehenden“ ist eine Revolution im Kopf. Sollen sich die gesellschaftlichen und gesellschaftspolitischen Verhältnisse nachhaltig ändern, wird man um diese Revolution nicht herum kommen. Erst sie wird bewirken, dass der Untertan seiner unwürdigen Rolle überdrüssig wird. Erst so kann die Furcht vor einer Gesellschaft ohne Staat ein für alle Mal verschwinden. Erst dann wankt der Boden unter den Füßen der Obrigkeit.
Für John Henry Mackay (Nachdruck 1980) ist der einstweilen einzig gangbare Weg des Freien „der Weg des passiven Widerstands“, der „Aufkündigung der Gefolgschaft…sich selbst entziehen, nicht mitmachen, beiseite stehen“. Hans-Hermann Hoppe plädiert dafür, die regierende Obrigkeit wie eine fremde Besatzungsmacht zu behandeln und ihr nichts weiter als Verachtung und Spott entgegenzubringen (2004). Wer darüber hinaus etwas tun will, muss bereit sein, die Kosten dafür zu tragen (s. der Verf, 2015).
So viel zum heutigen Sonntag.
Euer Zeitgedanken