Dieser Beitrag ist eines Kommentars zur „sozialen Marktwirtschaft“ geschuldet.
...dann würden sie noch heute diese Lug- und Betrugsmaschine namens soziale Marktwirtschaft zu Fall bringen und das Geldmonopol des Staates abschaffen...
Wenn heute die soziale Marktwirtschaft gegen den Neoliberalismus verteidigt wird, ist das ein ebenso absurder Irrtum. In der Tat waren es nämlich die deutschen Neoliberalen, die eins hinter Ludwig Erhards sozialer Marktwirtschaft standen - und den Begriff überhaupt erst prägten. Erhard saugte Röpkes Bücher, die ins nationalsozialistische geschmuggelt wurden, auf "wie die Wüste das Wasser". Dennoch schien gerade das deutsche Wirtschaftswunder von besonderem Materialismus getragen zu sein, von dem Wunsch nach immer mehr, was heutige Kritiker dem vermeintlichen Neoliberalismus vorwerfen. Das ist erstaunlich , zumal Röpke eben zu den wichtigsten Kritikern einer Wachstumspolitik um jeden Preis zählte. Er schrieb: "Ökonomismus, Materialismus und Utilitarismus haben in unserer Zeit vereint zu einem Kult der Produktivität , der materiellen Expansion und des Lebensstandards geführt (...). Dieser Kult des Lebensstiels ist (...) selbstverständlich ein Sehfehler der Seele von geradezu klinischem Charakter , eine unweigerlich Verkennung der wahren Rangordnung der Lebenswerte und eine Erniedrigung des Menschen, die er auf Dauer kaum ertragen wird".
Ludwig Erhard hielt in der damaligen Situation nach dem Krieg, als es am Notwendigsten mangelte, den Kapitalaufbau für das dringendste Erfordernis. Eben darum predigte er den Materialismus einer Aufbaugeneration. Doch zunehmend kamen ihm Zweifel, ob die Geister, die er rief, nicht das Aufbauwerk eines Tages gefährden könnten. Oft warnt Erhard in seinen Schriften davor, dass der neue Wohlstand seine eigenen geistigen Grundlagen auffressen könnte. Eine im Wohlstand aufwachsende Generation sei leichte Beute für die Illusion vom mühelosen Reichtum, eines Wohlstands ohne Arbeit und Sparen. Erhard quälte die Sorge, die sich als prophetisch erweisen sollte: Er fürchtete, dass der Nachkriegsmaterialismus bald eine Unersättlichkeit und ein Anspruchsdenken nach sich ziehen könnte, die zu einer Entwicklung führen müsste, die er als Versorgungsstaat oder Wohlfahrtsstaat bezeichnete.
Die soziale Marktwirtschaft ist mittlerweile zu einer Floskel verkommen. Politiker behaupten felsenfest, das Wörtchen "sozial" im Begriff beziehe sich auf die Notwendigkeit des heutigen Wohlfahrtsstaats. Tatsächlich hing Erhard genau gegenteiliger Auffassung an: "Nichts ist darum in der Regel unsozialer als der sogenannte "Wohlfahrtsstaat", der die menschliche Verantwortung erschlaffen und die individuelle Leistung absinken lässt."Denn kein Staat könne seinen Bürgern mehr geben, "als er ihnen vorher abgenommen hat - und das noch abzüglich der Kosten einer zwangsläufig immer mehr zum Selbstzweck ausartenden Sozialbürokratie". Angesichts dieser klären Worte sei daran erinnert, dass es Erhards geschätzter Lehrer der Universität, der Sozialist Franz Oppenheimer war, der die Unterscheidung zwischen politischer und ökonomischer Mitteln anregte: Letztere entstammen ehrlicher Arbeit, Erstere sind Einkommen aus Zwang und Täuschung. Auf diese Unterscheidung beziehen sich auch viele Vertreter der Österreichischen Schule.
Mit besonderer Schärfe warnte Erhard: "Die Blindheit und intellektuelle Fahrlässigkeit, mit der wir dem Versorgungs- und Wohlfahrtsstaat zusteuern, kann nur unserem Unheil ausschlagen. Dieser Drang und Hang ist mehr als alles andere geeignet, die echten menschlichen Tugenden: Verantwortungsfreudigkeit, Nächsten- und Menschenliebe, das Verlangen nach Bewährung, die Bereitschaft zur Selbstvorsorge und noch vieles Gute mehr allmählich aber sich absterben zu lassen - und am Ende steht vielleicht nicht die klassenlose, wohl aber die seelenlos mechanisierte Gesellschaft."
Zwei Entwicklungen gingen mit der Ausweitung des Wohlfahrtsstaats Hand in Hand, die letztlich die soziale Marktwirtschaft aushebelten: Einerseits sei für die Aufrechterhaltung, des Wohlfahrtsstaates eine stetig steigende Steuerlast nötig. Über diese Steuerlast schrieb Alfred Müller-Armack, einer der Vordenker der sozialen Marktwirtschaft, bereits zu einer Zeit, die weit entfernt von heutigen Zuständen war: "Die gegenwärtigen Steuersätze tragen den Charakter der Beschlagnahme ehrlichen Erwerbes und lähmen jegliches Interesse nicht nur an höheren Erträgen als Ergebnis zusätzlicher Produktion, sondern drängen geradezu die noch vorhandene Produktion in die unkontrollierbaren Kanäle des Schwarzmarktes". Andererseits würden in einem Wohlfahrtsstaat die zuständigen Behörden zunehmend auf die versteckte Steuer der Inflation ausweichen. Ludwig Erhard verurteilte auch dies mit klaren Worten: "Die Inflation ist schlechthin Volksbetrug. Sie bedeutet eine permanente Verschiebung von Vermögenswerten innerhalb der verschiedenen Gruppen. (...) Man kritisiert die marktwirtschaftlichen Vorgänge, lastet sie der Marktwirtschaft an, obwohl es Inflationsfolgen sind, die nicht im Markt, sondern in der Überforderung des Marktes durch zu lockere Geldpolitik, zu hohe Löhne oder durch eine inflationistische Erweiterung der Staatsaufgaben (...) liegen". Erhard war diesbezüglich ein gebranntes Kind, denn sein Vater hatte sein Geschäft in der Inflation der Zwischenkriegszeit verloren. Ludwig Erhard begann nach und nach zu ahnen, dass die Voraussetzungen für den weiteren Bestand der sozialen Marktwirtschaft im Schwinden begriffen waren, dass das Wirtschaftswunder in geistiger Hinsicht auf Sand gebaut war und jeden Moment in die Tiefe der nächstbesten Versprechung noch bequemeren und noch schnelleren Reichtums versinken könnte. (Wirtschaft wirklich verstehen; Einführung in die Österreichische Schule der Ökonomie)