Viele Menschen, die ich kenne glauben immer von sich, dass sie keinerlei Ahnung von Finanzen haben. Dies überrascht gerade eben auch, weil viele davon studiert haben und damit eigentlich wirklich alle Sachen mitbringen, die man dafür braucht. Denn entgegen der allgemeinen Annahme ist das Themenfeld keine Raketenwissenschaft, sondern eigentlich recht Triviales wissen, dass jeder mit einem Hauptschulabschluss folgen können sollte.
Lediglich der praktische Umgang, die emotionale Achterbahnfahrt und in einigen Fällen eine vollkommen desolate Beratung durch vermeidlich kompetenten Bänkern sind die echten Fallstricke, die man mit ein wenig Übung allerdings umschiffen kann. Dafür braucht man aber eben ein wenig Erfahrung, die man nur dadurch bekommt, dass man sich in eine Thematik einarbeitet oder eben aber selbst praktische Erfahrungen sammelt.
Wie desolat die Situation in Deutschland ist, offenbart nun eine aktuelle Befragung der Bafin (https://www.bafin.de/SharedDocs/Downloads/DE/Anlage/dl_Finanzkompetenzsstudie2019.html), die ich heute hier einmal vorstellen will. Und zwar mit dem Zweck jene unter Euch einen kleinen Stoß zu geben, die sich immer für finanziell ungebildet halten und sich vielleicht gar nicht bewusst sind, wie weit sie vielen Bundesbürger bereits voraus sind.
Nur 20% aller Erwachsenen sind in der Lage Finanzfragen rund um das Thema „Inflation“, „Zinseszins“ oder „Risikostreuung richtig zu beantworten. Während bei der Inflation durchaus einige Diskussionsansätze geben kann, sollte jeder mit etwas Tagesschauwissen durchaus wissen, dass es ein Inflationsausgleich ist und in welcher Höhe sich dieser üblicherweise bewegt. Auch mit etwas Geschichtswissen oder den Erzählungen der Oma, kann man durchaus ein solches Wissen leicht erwerben.
Der Zinseszinseffekt wird durchaus in asiatischen Geschichten sehr gut beschrieben oder ist eben in normalen Schulunterricht auf dem Unterrichtsplan. Das mit der Risikostreuung ist schon ein wenig schwieriger. Es ist nicht schwer es zu begreifen, wird allerdings tatsächlich den meisten Bundesbürgern nicht vermittelt. Gerade bei Spielen (Brett, sowie Computerspiele) kann man allerdings leicht Erfahrungen über Chancen und einer entsprechenden Risikoverteilung machen. Man lernt dies zumeist bereits automatisch.
Das gerade das Spar- und Girokonto bei Anlegern sehr beliebt ist, ist keine besonders Überraschung. Dies ist hingänglich aus Medien oder abendlichen Gesprächen mit Freunden bekannt und hier schließt sich der Kreis damit, dass die meisten nicht in der Lage sind den Zinseszins vernünftig zu verstehen, geschweige den einen Taschenrechner oder eine Tabellenkalkukation zu nutzen.
75% holten sich Informationen über Finanzprodukte bei verschiedenen Anbietern ein, der Rest meist nur eines. Hier stellt sich natürlich ein wenig die Frage, was genau eigentlich damit gemeint ist. Grundsätzlich zeigt sich hier wieder die Risikoabneigung der meisten Bundesbürger. Meine Sorge ist allerdings, dass man sich hier primär hat „beraten“ lassen. Hier wäre die von mir favorisierte Antwort gewesen: Man informierte sich bei keinem Anbieter! Statt dessen sollte man lieber selbst in der Lage sein ohne externe Beratung die Finanzprodukte einzuschätzen.
Wie unsolide die Mathematik der Leute ist, zeigt sich meiner Meinung nach an folgendem Sachverhalt sehr deutlich. 95% der Befragten waren in der Lage zu sagen, dass wenn man heute 25 € verleiht und morgen 25€ bekommt, dass der Zinssatz 0 gewesen ist. Streicht man hier die übliche Anzahl an degenerierter Population raus, ist es durchaus alles im Rahmen der Erwartung. Das aber nur noch 68% in der Lage waren zu sagen, wieviel man bei 2% Zinsen von 100€ bekommt, stimmt einen nachdenklich.
Rund 1/3 der deutschen Bevölkerung ist nicht in der Lage eine solch einfache Aufgabe zu lösen. Noch vollkommen ohne Zinseszinseffekt, monatlichen Zinssätzen, Anzahlungen und all den Grausamkeiten in denen man bei einem Kreditgeschäft über den Weg laufen kann. Dies erklärt dann auch, warum die Banken in diesem Land regelmäßig immer noch die Sektkorken zünden lassen. Niemand sollte je einen Kredit aufnehmen, wenn er nicht einmal in der Lage ist eine normale Abrechnung auch nur zu kontrollieren…
43% stimmen der Aussage zu, dass sie lieber sparen, anstatt das Geld auszugeben. Jedoch nur 76% sind dann bereit einen Teil ihres Geldes auch zu riskieren. Dies erklärt dann auch wieder sehr schön, wieso die meisten Leute das Geld auf dem Konto versauern lassen und vermutlich auch ohne Wissen über Inflation lieber einen garantierten Verlust akzeptieren als einen unsicheren.
74% sprechen nicht gerne über Geld mit Freunden. Dies erklärt dann auch, die deutsche Redensart „Über Geld spricht man nicht“. Ich habe hier durchaus schon propagiert, dass ich eine solche Kultur für dumm halte. Jene die sich mir privat anvertraut haben, habe ich mitunter bereits eine ganze Menge Geld sparen können. Ein Hauskauf kann da locker mal 25k€ günstiger werden. Vorteil für Euch hier: Ihr könnt halbwegs anonym darüber sprechen und Euch somit nicht aus der Komfortzone heraus ;)
Das wir Deutschen gute Menschen sein wollen, zeigt sich in der Aussage, dass 62% Finanzunternehmen vorziehen, die sich an ethische Standards halten. Vermutlich gar nicht so überraschend, jedoch das nur 23% sagen, dass Anleger in Unternehmen gehen sollen, die sich an Umweltstandards halten. Gerade wenn ich mir die Zahl der ETFs ansehe, die auf nachhaltige Unternehmen setzen, hätte ich da wesentlich mehr erwartet.
Grundsätzlich gut! Auch ich bin absolut dafür, dass es nur ethisch einwandfreie Unternehmen gibt und welche die Nachhaltig operieren. Die Krux liegt aber im Detail. Denn wer definiert, was wem entspricht? Zumeist ein Gremium, dass nach weniger definierten Kriterien arbeitet und diese mitunter auch hin und her austauscht. Ein Unternehmen, dass in einem Jahr noch „nachhaltig“ war, könnte im nächsten aus dem Index fliegen oder eben wieder rein kommen. Dies verzerrt das Investment schnell und lässt am Ende Willkür einfließen.
Das genau diese am Ende eben Fonds ineffizient macht, sieht man recht gut. Wieso aber gerade die ETF-Halter sich nun mit solchen Regeln wieder aktive Fonds bauen, ist mir ein Rätsel. Wer wirklich nachhaltig investieren sollte, sollte nicht anderen die Entscheidung überlassen, sondern persönlich in Aktien investieren, die seinen persönlichen Vorstellungen entsprechen. So sind bei mir z.B. Unternehmen, die primär in der Waffenindustrie arbeiten ein rotes Tuch.
Wie schlimm es um die Finanzen der Deutschen steht, zeigt sich darin, dass nur 53% Angeben Rechnungen pünktlich zu bezahlen. Ich selbst denke, dass man eigentlich immer sofort seine Rechnung bezahlen sollte und dies auch bei der Gegenseite durchaus honoriert wird. Kann jemand dies nicht bezahlen, hat er entweder ein echtes Problem in seiner Rechnungslegung oder aber eben zu hohe Ausgaben (oder eben Einkommen). In dem Fall sollte man aber dringend handeln, da es sonst kein gutes Ende nimmt.
#reserve
Besonders interessant fand ich wie es um die Reserve der Bürger steht. Ich empfehle hier zumeist bei sicheren Job und wenn man jünger und gut ausgebildet ist 3 Monate als Reserve. Wer konservativer eingestellt ist, sollte durchaus auch mal 6-9 Monate abpeilen. 57% der Bürger sehen es genauso und halten sich in dem Rahmen. Rund 18% kommen weniger als ein Mopnat aus, 5% davon nicht mal eine Woche.
Über die Ursachen kann man natürlich sehr breit diskutieren und sie werden sehr vielfältig sein. Von geringer Bezahlung bis hin zu einem völlig falschen Geldmanagement. Was auch immer uns noch mit der Coronakrise blüht, es wird für diese Leute nicht angenehm werden.
Nur rund 18% investieren in Aktien innerhalb der letzten 12 Monate. Immerhin 21% jedoch in Anleihen und Termineinlagen. Vermutlich allerdings nicht an der börsegehandelte, sondern jene von der eigenen Bank ausgegebene. Mit denen sich dann im Zweifel gerade so eben die Inflation decken wird. Das Anleihen von sich aus genommen sicherer als Aktien sind, ist eine urbane Legende, die sich sehr intensiv hält. Das Spektrum ist in beiden Welten extrem groß.
Hört man die Linken steht das Land kurz davor zu explodieren. Rund 42% geben jedoch an, dass sie mit ihrer finanziellen Lage zufrieden sind. Dies ist ein Offenbarungseid ganz anderer Lage. Ich bin nicht zufrieden mit meiner Lage. Sie ist gut, aber ein wenig Ambition im Leben hat noch keiner Sache geschadet. Rund 37% geben an nicht an das Morgen zu denken, was ich ebenfalls als sehr dumm einstufe. Nicht alles im Leben dreht sich um Finanzen und man muss einen nötigen Abstand haben. Dinge grundsätzlich auszublenden, hilft aber auch nicht.
Gerade wenn 25% angeben, dass sie befürchten, dass ihr Geld nicht reicht, passt dies absolut nicht mit den beiden obigen Aussagen zusammen. Genauso irritiert bin ich über die Aussage, dass 58% sagen, dass ihre finanzielle Situation sie daran hindert daran, dass zu tun was sie wollen. Ich habe regelmäßig Familienväter im Ohr, die viel lieber bei ihren Kindern sein würden. Für mich drückt dies primär aus, wie wenig Kreativ die Leute dabei sind sich vorstellen zu können, wie ein Leben aussehen könnte, wenn man es wirklich frei gestalten würde.
Am Ende gibt es insgesamt eben zwei Möglichkeiten das Gesamtbild zu kommentieren. Entweder man lamentiert ein wenig darüber rum, dass dieses Land verloren ist, weil es voll von Deppen ist. Erschreckenderweise mag dies sogar stimmen! Die wirklich gute Nachricht für jeden von Euch ist allerdings, dass man nur ein wenig Schulwissen und etwas wissen über Finanzen haben muss und damit locker die Mehrzahl der Bundesbürger schlagen kann.
Wer dann noch weiß, was Inflation ist, der kann sich quasi bereits zur Finanzelite dieses Landes zählen. ;)