Boulevard of broken dreams
Es ist einer dieser beschissenen Tage, die wie Blei auf dir liegen, weil du mit einem leeren Blatt kämpfst, das sich bereits seit dem frühen Morgen weigert Buchstaben aufzunehmen. Jede Idee sucht Zuflucht in einer Sackgasse oder zieht es gar vor, sich überhaupt nicht blicken zu lassen.
Mit jedem Filter mehr im Aschenbecher wächst die Mauer, die deinen Kopf zu umschließen scheint. Spätestens seit dem Mittag sind es nur noch die Verzweiflung. die scheinbare Lust am stillen Leiden und der kleine Funke Hoffnung. die dich am Schreibtisch halten.
Am späten Nachmittag, wenn Wut und Gewalt die Wörter aufs Papier zwingen, scheint der Bann gebrochen. Doch ist dieser Schein ganz schnell verflogen und der Papierkorb bekommt Besuch von unbrauchbaren Gedanken.
Höchste Zeit für einen Tapetenwechsel.
Ich entscheide mich zu einem Besuch in der Dorfkneipe. Nicht etwa, um endlich unter Menschen zu kommen, sondern einfach nur um andere Geräusche zu vernehmen, als das Rascheln von ungenutztem Papier. Mir ist nicht nach Kneipengespräch, sondern nach Kneipenlärm - und den bekomme ich bei Paule, meinem Alkohol-Dealer, unter Garantie geliefert.
An einem Freitagabend mit absoluter Sicherheit, da viele der Stammgäste den Einstieg ins Wochenende dazu nutzen, meist sogar noch in der Arbeitsmontur, schlechte Erinnerungen aus den vergangenen Tagen mit Bier und Schnaps in den Hintergrund oder vielleicht sogar ganz zu verdrängen. Davon Gebrauch, wie mir beim Eintreten in den Tempel der schlechten Luft sofort auffällt, macht heute auch Pia, die sich bei Paule oft wochenlang nicht blicken lässt. Aber wenn sie den Fußweg auf sich nimmt, dann gibt es für diese Frau kein Halten mehr. So, als hätte an diesen Abenden jemand in ihrem Kopf einen Schalter umgelegt. Das dann mit anzuschauen, vor allem, wenn das Trauerspiel sich seinem Ende nähert, macht nicht wirklich Lust für einen Druck auf die Replay-Taste.
Ich hatte Paule vor längerer Zeit auf diese Abstürze angesprochen und um eine Erklärung gebeten, warum er ab einem bestimmten Zeitpunkt Pia nicht die Zufuhr von noch mehr Alkohol verweigert? Die Antwort klang aus dem Mund des Wirtes logisch:
“Dann geht sie zwei Haustüren weiter und kippt sich bei der Konkurrenz ins Koma. Hier passen wir zumindest auf sie auf.”
Wirtschaftlich und menschlich nicht zu beanstanden. Pias Hausarzt wird wohl anderer Meinung sein. Doch, und das beweist sich am heutigen Abend, die Leber scheint noch einigermaßen zu funktionieren, sonst hätte sie sich nicht im Kampf gegen weitere Überflutungen durchgesetzt und ihre Hausherrin in einen Schlaf gezwungen. Immer die gleiche Position: Hintern auf dem Hocker und den Kopf halb auf den Unterarmen und halb auf dem Schanktresen.
Bevor ich überhaupt meine Bestellung in Auftrag geben kann, stolziert der Wirt breit lächelnd auf mich zu und stellt mir ein Glas mit Coca-Cola vor die Nase. Eigentlich nicht unbedingt das, was ich mir nach einem solchen Tag wünsche. Ganz abgesehen davon, dass ich unter gar keinen Umständen dieses dunkele Zuckerwasser konsumiere, stört mich auch der Gegenstand, der in der Brühe zu schweben scheint.
Fast alle Augen derer, die rund um die Theke sitzen, sind auf mich gerichtet. Aber nur fast alle. Die von Pia selbstverständlich nicht. Doch jetzt, da ich eins und eins zusammenzähle, stelle auch ich die richtigen Zusammenhänge her. Mit einer bösen Vorahnung im Gepäck halte ich das Glas gegen das Licht und werde sogleich in meiner Vermutung bestätigt. In der Cola schwimmt Pias Gebiss. Ich stelle die Brühe mit Einlage wieder auf den Tresen, sehe, wie die Truppe sich über ihren eigenen Scherz amüsiert, und bitte Paule den Mist abzuräumen und mir lieber ein Pils zu zapfen.
Wenn man bedenkt, was eine einigermaßen gute Zahnpflege bewirken kann, ist Pia eigentlich noch viel zu jung für einen solchen Fremdkörper. Doch eines Abends, in einem Zustand, der schon als weit entfernt von Gut und Böse zu bezeichnen war, fiel sie plötzlich nach vorne um und schlug mit der oberen Kauleiste voll auf den Tresen. Das böse Erwachen folgte prompt. Fragmente ihrer Zähne lagen verstreut um den Filzdeckel, auf dem noch ihr halbvolles Bierglas stand. Die damals sofort aufgetretenen Schwellungen der Lippen, die ihr für einen kurzen Augenblick das Aussehen von Angelina Jolie verliehen, waren zwei Tage später natürlich Geschichte. Danach war dann die Kunst des Zahntechnikers gefragt. Anscheinend ist es aber zu Pia noch nicht vorgedrungen, dass der Halt einer solchen Prothese mit einer speziellen Haftcreme positiv zu beeinflussen ist.
Denn schon beim nächsten alkoholbedingten Blackout, löste sich die nagelneue Kauhilfe beim Kotzen auf der Damentoilette und landete mit dem Mageninhalt in der Kloschüssel. Nur dem tapferen Einsatz eines ihrer Saufkumpanen war es zu verdanken, dass kurze Zeit später die künstlichen Zähne im Außeneinsatz wieder im Mund der rechtmäßigen Besitzerin umherklapperten. Doch seit diesem Zwischenfall wird vorgesorgt. Pia gibt nach dem zehnten Bier und dem fünften Jägermeister die Zahnprothese freiwillig ab. Dass diese dann aber heute in der Coca-Cola zur Desinfektion gelandet ist, davon hat die Schlafende bestimmt nichts mehr mitbekommen.
Es ist mehr als ärgerlich, das hier Vorgefallene nicht in meine Arbeit einbinden zu können. Doch, und da kann ich mich nicht ausnehmen, macht mir der Blick in die Gesichter Kneipenbesucher eines ganz deutlich: Irgendwie sind wir alle hier Besucher des Boulevards of broken dreams. Alle sind wir wohl vor etwas geflohen und suchen Zuflucht dort, wo wir auf das Vergessen hoffen.