… und jetzt bleibt nur die Hoffnung.
Es ist für mich einer dieser Tage,
an denen du aufstehst und du den Mund nicht geöffnet bekommst, aber ganz sicher bist, unbedingt etwas sagen zu müssen.
Da ich nichts und niemanden hasse, sondern nur gelegentlich Verärgerung spüre, bleibt mir lediglich die Erkenntnis, traurig zu sein. Traurig darüber, mit offenen Augen durch das Leben zu laufen, aber die Hände, trotz vielfältiger Möglichkeiten, noch immer in selbst angelegten Fesseln zu wissen.
Die Rede ist davon, wie wir mit unseren Kindern umgehen und ihnen voller Egoismus das entziehen, an was wir uns so gerne zurückerinnern - unsere Jugend. Einen Krieg anzuzetteln ist unbestritten leichter, als den Sohn oder die Tochter fürsorglich und mit viel Liebe und Zuneigung durch die vielleicht schönste Zeit des Lebens zu begleiten, bzw. zu führen. Dies beweisen nicht nur die Kriegsherren, sondern auch die Eltern, die das Schlachtfeld in der heimischen Wohnung für sich entdeckt haben. Wie kann ich Dinge von einem Kind erwarten, die es noch nie erlebt hat?
Vier, fünf oder sechs Jahre Bunker, Kugelhagel und heulende Sirenen verursachen Narben, die nur durch ein Wunder heilen können. Nur leider ist das so ein Ding mit den Wundern. Man wundert sich meist, dass sie bei einem nie vorbeischauen.
Ich habe die Belagerung Sarajevos miterlebt und Kinder, physisch noch lebend, innerlich leblos und nach außen unglaublich erwachsen (aber auch leider mit dem gleichen Wortschatz und der gleichen Wut wie die “Alten”) getroffen. Wenn ein Dreikäsehoch ein Messer oder eine Waffe gezogen hätte, es wäre in der Rubrik Alltag verschwunden.
Viele unter uns wundern und empören sich, mit welcher Nonchalance ein geflüchteter Jugendlicher bei der geringsten Kleinigkeit unfassbare Gewalt freisetzen kann. Ich wundere mich nicht, da dies die Sprache des Krieges ist. Nur ein vollkommen Irrer läuft mit weißen Nelken oder Lilien durch zerbombte Häuserschluchten und legt diese Blumen, in der Hoffnung auf Frieden, dem Feind vor die Füße! Diese Geste bedeutet den sichern Tod des Wahnsinnigen.
Das Gedicht, das in jener Zeit entstand und ich euch heute in einer stark gekürzten Form vorlege, bedient sich nur deshalb uns geläufiger Vornamen, weil wir nicht der trügerischen Hoffnung verfallen sollten, nie wieder in kriegerische Auseinandersetzungen zu geraten. Mit dem langsamen Zerlegen Europas sind wir auch bereits auf dem “richtigen” Weg ins Unheil.
Kinderreim
Peter, Theo und Marie,
Auf den Boden, auf die Knie.
Eva, Babsi und Kunigunde
verbleiben noch 'ne Stunde.
Einer muss jetzt raus,
aus dem Bunker, vor das Haus.
Eine Kugel wird schon kommen
und das Leben ist zerronnen.
Heute trifft es Lars
Ja, das war's.
Machen wir das Eierspiel,
das schon unserer Mutter gut gefiel.
Klaus kommt in die Mitte.
Ihm gegenüber steht die Gitte.
Die anderen Mädchen brüllen laut,
während Gitte ihm genüsslich,
feste in die Eier haut.
Die Mädchen haben ihren Spass.
Nur der Klaus, der ist blass.
Heute holen wir den Opa raus.
Aus dem Rollstuhl vor das Haus.
Wir legen ihn ins pralle Sonnenlicht
und warten bis aus ihm
der Schweiß ausbricht.
Dann halten wir das große Brennglas vor
Und sengen ihm ein Loch ins Ohr.
Zum Schluss schieben wir dem Opapa
einen Stock bis an die Prostata.
Ja, das tut dem Opa gut
Und macht für andere Spiele Mut.
Mit Lars ist es aus.
Jetzt muss auch Herbert raus.
Ein Schütze wird schon warten,
in irgendeinem nahen Garten.
Ein Tritt in seinen Hintern
soll ihn am Überlegen hindern.
Rauf die Stufen aus dem Keller:
»Herbert, mach schon schneller!«
Der Bunker muss noch leerer werden.
Nicht jeder hat Platz auf Erden.
Elvira steht ganz keck
in der Stadt am kurzen Eck.
Zwölf Jahre ist sie gerade alt.
Da macht Harald bei ihr halt.
Elvira, kurzer Rock und lange Beine,
will von Harald große Scheine.
Harald will nur 'nen nassen Kuss.
Weiß aber nicht, dass er dafür zahlen muss.
Auch er ist erst im zwölften Jahr
Am Sack noch nicht ein einziges Haar.
Jetzt tut Harald der Elvira leid.
Drum lüpft sie leicht Ihr Unterkleid.
Nun sieht Harald, wo die guten Früchte reifen
Und bekommt zum ersten Mal 'nen Steifen.