Heute möchte ich Euch zu einem kleinen Gedankenspiel einladen, dass ich aus einem chinesischen Buch habe, dass vermutlich hierzulande nicht besonders bekannt ist. Ich werde dies hier im Text absichtlich nicht nennen, um niemanden in irgend einer Form zu spoilern. Einige Überlegungen darin sind es allerdings meiner Meinung nach Wert sich einmal näher anzusehen, um sich und auch eigene Motive einmal genauer zu verstehen.
Stellt Euch vor, dass ihr ein Mitarbeiter in einer einsamen Radiostation mit einem großen auf einem abgelegenen Berg seid. Momentan ist dort besonders wenig los, da gerade ein Schichtwechsel ist und es hat diesmal wieder Euch getroffen, der dort ein wenig auf die Anlage aufpassen soll. Ansonsten ist niemand da und ihr langweilt Euch.
Verträumt spielt ihr ein wenig an der Anlage herum und lasst Euch dazu hinreißen ein leises „Hallo! Hallo!“ ins Mikrofon zu geben und das Signal hinaus ins All zu senden. Einfach irgend etwas um ein wenig ein anderes Geräusch zu hören wie das Zirpen der Grillen von draußen. Einfach nur irgend etwas, damit es die Stille der Nacht durchschneidet.
Wenige Minuten später gibt es plötzlich ein merkwürdiges Rauschen auf den Radio und es antwortet eine außerirdische Stimme in unserer Sprache und sagt: „Bitte schweigt! Ich bin ein Pazifist einer fremden Welt und warne Euch eindringlich davor nicht zu Antworten. Diese Welt wird von einem Militärregime regiert, dass nicht zögern würde eine Invasion deiner Welt durchzuführen. Vielleicht seid ihr noch nicht entdeckt worden, solange ihr kein zweites Signal sendet. Bitte stellt Euch tot! Ich bitte Euch inständig!“
Ihr zuckt zusammen und realisiert, dass ihr gerade zu dem Menschen geworden seit, der einen ersten Kontakt hergestellt hat. Allerdings auf einer ganz anderen Art und Weise, wie ihr es Euch immer vorgestellt habt. Anstatt eines „Wir kommen in Frieden“, hat jemand eine Warnung abgesetzt und scheinbar aus moralischen Gründen seine eigene Spezis verraten. Sollte es stimmen, was diese Person von sich gibt, dann könnte es den vollständigen Untergang der Menschheit besiegeln. Antwortet ihr hingegen nicht, müsstet ihr mit diesem Geheimnis leben.
Würdet Ihr nun zum Mikrofon greifen und eine Antwort senden? Würdet ihr bereit sein zu einem Verräter Eurer eigenen Welt oder Spezis zu werden?
Ihr seid Euch bei näherer Betrachtung sehr sicher, dass eine solche Invasion nichts ist, was plötzlich über uns herein brechen würde wie in einem schlechten Science Fiction-Film. Selbst wenn diese Spezis in der Lage ist Eure Position irgendwie zu triangulieren, werden sie vermutlich mindestens 500 Jahre hierher unterwegs sein.
Sollten sie antreffen, würdet sowohl ihr als auch alle Menschen, die ihr vielleicht schätzt bereits unlängst tot sein. Keines der heutigen Lebenswesen würde zu diesem Zeitpunkt mehr leben. Ihr setzt nun eine Nachricht ab, die Menschheit lebt ihr leben weiter vor sich hin und irgendwann in Hunderten von Jahren bricht über künftige Generationen dann eine Katastrophe herein, die sie vom angesicht der Erde tilgen würde.
Würdet ihr mit einem solchen Wissen zum Mikrofon greifen? Wärt ihr die Zukunft künftiger Generationen zu verraten, um die Menschheit als Ganzes zu strafen?
Nehmen wir für einen Moment an, dass ihr Euch dafür entschieden habt die Warnung zu ignorieren und eine Nachricht mit einer genauen Position durchgegeben habt. Ihr seid Euch sehr sicher, dass sie auf der Gegenseite empfangen und verstanden wurde und vermutlich bereits mit den Vorbereitungen einer Reise begonnen wird.
Würdet ihr nun zu einem Untergangspropheten werden und der Menschheit ihre Fehler ins Gesicht rufen, damit sie auf dieses ferne Ereignis blicken kann und sich ihrer Fehler bewusst werden kann? Oder würdet ihr nun einfach schweigen und sie alle ihr Leben weiterleben lassen, weil ihr Schicksal bereits besiegelt ist
Wenn ihr schweigt, dann wäre das Schicksal bereits besiegelt. Ihr würdet der einzige Mensch auf der Erde sein, der wüßte, dass alles streben und wirken in dieser Welt zum Untergang verdammt wäre. Wenn ihr Kinder in die Welt setzt, würdet ihr irgendwann riskieren, dass auch diese Nachkommen bekommen würden und irgendwann dann der Invasion zum Opfer fallen würde.
Etwas für die Zukunft zu errichten, würde keinen Wert mehr haben. Denn jeder Fussabdruck, den ihr hinterlasst, würde unweigerlich irgendwann verschwinden und niemand bleiben, der diesen zu würdigen wüßte. Eine agressive außerirdische Spezis würde vermutlich nicht voller Ehrfurcht vor den Pyramiden stehen und dieses Bauwerk der Menschen bewundern, die sie gerade vernichtet haben.
Würdet ihr überhaupt noch nach einer Form von finanziellen Reichtum streben? Immerhin hat sich vielleicht außer Eurem geheimen Wissen überhaupt nichts verändert und bei Erfolg würdet ihr immer noch ein sehr angenehmes Leben führen können. Oder hätte dies plötzlich keinen Wert mehr für Euch?
Dies ist ein sehr stark vereinfachtes kurzes Gedankenspiel. Ich war ein wenig schockiert darüber solche Gedanken ausgerechnet in einem chinesischen Buch vorzufinden. Gerade das Scifi unserer Zeit ist meist von stumpfen und oberflächlichen Geschichten nur so durchzogen. Gute Menschheit gegen böse Aliens. Die Menschheit ist am Rande ihrer Zerstörung und fließt von der Erde. Vader ist doch nicht der Vater ... immer wieder der gleiche Kram in unterschiedlichen Gewändern.
Dabei ist eine solche Situation vielleicht insgesamt gar nicht zu abwägig. Wenn wir nicht alleine im Universum sind, stehen die Chancen nicht schlecht, dass wir auf eine agressive außerirdische Lebensform stoßen. Bereits Hawkings hat eindrücklich davor gewarnt, dass wir aufpassen sollten nicht zu laut da draußen zu sein, da man uns sonst finden könnte. Da wir allerdings noch nicht lange Radiosignale aussenden, könnte es sein, dass wir noch gar nicht entdeckt wurden.
Da für jede biologische Einheit im Universum die schiere Distanz ein Problem darstellen könnte, ist es sehr wahrscheinlich, dass man insbesondere für Erkunden keine Lebensformen verschickt, sondern vielmehr Maschinen. Man denke nur einmal daran, wie wir Sonden zu anderen Planeten senden. Gerade bei einer langen Reise müssten diese mit einer künstlichen Intelligenz ausgestattet sein und mit einem natürlichen Zwang zu überleben, da eben auch Teile kaputt gehen und ersetzt werden würden.
Irgend einer würde sich dann Gedanken darum machen, wie seine Maschinen bei einem ersten Kontakt reagieren sollten und wie sie diesen beurteilen würde. Würde ein solcher Außerirdischer ein ähnliches Verständnis von Moral haben wie wir? Würde er uns vielleicht als Primitiv angehen und mit uns so umgehen wie wir mit Tiere umgehen? Würden wir vielleicht sogar gar nicht die Kriterien für „Intelligenz“ erfüllen und lediglich als zerstörerischer Organismus einer Welt eingestuft werden auf dem sich wertvolle Resourcen für eine Reparatur finden lassen würde?
Was würden wir wohl tun, wenn sich plötzlich ein furchtbarer kultureller Clash anbahnen würde. Die außerirdischen am Ende eine Theokratie sind, die sich beleidigt fühlen, weil wir andere Götter haben. Oder aus dem UFO eine Herde von Faschisten aussteigen, die sich schlapplachen darüber, dass wir mit langwierigen demokratischen Prozessen und Individualismus immer noch auf unserem Planeten feststecken?
Und vor allem ist es immer auch eine Frage darüber, ob wir bereit sind künftige Generationen zu verraten. Tun wir dies nicht eigentlich ständig? Mit jeder Veränderung dieser Welt und jeder günstig verbrannten fossilen Energie, borgen wir uns immer auch ein Stück Zukunft aus und holen dies zu unserem Vorteil in die Gegenwart. Manchmal aus purem Egoismus, manchmal aber eben auch mit dem Versprechen damit eine bessere Zukunft für alle aufzubauen.
Wem das zuviel Öko ist, kann sich das Szenario auch leicht drehen. Sollten wir heute zunehmend mehr Schulden aufnehmen um künftigen Generationen Entscheidungen abzunehmen? Immerhin nehmen wir ihnen damit ein wenig Gestaltungsmöglichkeit in der Zukunft ab und treffen Entscheidungen, die wir für richtig halten. Blickt man nun aber in die Vergangenheit, stellt man sicherlich fest, dass unsere Vorfahren nicht immer sehr gut damit gelegen haben... obwohl sie vermutlich stets glaubten richtig zu handeln.
Wir reden heutzutage soviel über das stupide Fernsehprogramm und offensichtlich geisteskranken Persönlichkeiten unserer Zeit. Niemand aber redet öffentlich darüber, was wir als Menscheit als kolletive Ethik akzeptieren sollten. Noch machen wir uns wirklich im Alltag darüber gedanken, wie dies alles wohl auf einer außenstehenden Person wirken würde.
Ja, man braucht nicht einmal sehr lange dafür zu suchen um festzustellen, dass wir Menschen sehr viele Mängel haben. Man braucht sich nur ansehen, was wir aus dieser Welt so gemacht haben und vermutlich machen würden. Obwohl wir uns Ethisch kaum weiterentwickelt haben, haben wir aber einen riesigen technologischen Fortschritt gemacht. Es wird vermutlich nicht mehr lange dauern bis wir weiter in unser Sonnensystem vorstoßen werden.
Sollte es Leben daraußen geben, werden wir dies sicherlich in ein paar Tausendjahren irgendwann entdecken. Möchte jemand darauf wetten, wie die Menschen reagieren werden, wenn sie auf eine primitive und unterlegende Spezis treffen würden? Vielleicht wäre es dann ja doch besser, wenn wir einfach hier auf der Erde bleiben würden und uns genüsslich ein Glas Sekt einschenken würden, während wir langsam in den Abgrund hinabtreiben.
All diese Fragen können in dem Gedankenspiel enthalten sein. Was die richtigen Antworten darauf sind, dass kann ich nicht sagen. Ich finde es sogar schwer zu sagen, wie ich mich an dem Mikrofon verhalten würde. Auch wenn ich zugegeben, vermutlich antworten würde und danach einfach schweigen würde. Wohlwissend das Falsche aus den richtigen Gründen zu tun.
Ich hoffe sehr, dass ich es geschafft habe die Gedanken halbwegs wieder zu geben und zumindest den einen oder anderen ein wenig zum Nachdenken inspiriert habe. Gerade Abends bei dieser Hitze kann man bei einem Spaziergang viel Zeit haben und dieses ja mal sinnvoll mit ein wenig Gedanken zu Moral zu verbringen