Mit Technologie ist es immer so eine Sache. Fast jede Art von Technologie kann man sowohl zum Guten als auch zum Schlechten einsetzen. Trotzdem gibt es immer wieder Phasen der menschlichen Zivilisation in denen gewissen Aspekten mit sehr großer Skepsis begegnet wird und dadurch ein möglicher technologischer Fortschritt gar nicht erst zu Stande kommt.
So machen wir es uns zu einfach, wenn wir ein wenig auf die Leute herab blicken, die im Mittelalter gelebt haben und damit ja quasi in einer theologischen Steinzeit. Tatsächlich war ein Aspekt des Mittelalters der sehr stark ausgeprägte technologische Konservatismus. „Das haben wir schon immer so gemacht, dass hat sich bewährt!“ war so eine Doktrin. Man kam gar nicht auf die Idee in der Landwirtschaft einige Aspekte in Frage zu stellen, weil es ja bisher recht gut geklappt hat.
Trotzdem überrascht es immer wieder was für geschickte Formen von gesellschaftlichen Umgang man dennoch finden konnte. So gab es Städte in denen Tiere nur im Beisamensein eines zweiten Meisters geschlachtet werden durften, der versichern musste, dass diese sich bester Gesundheit erfreuten. Denkt man daran, dass man heutzutage wesentlich weniger Kontrollen durchführt und diese dann auch von staatlicher Seite und nicht durch die eigene Zunft, kann man schon etwas nachdenklich werden.
Oder man denke an den Akt des Galgenbaus, der recht umstritten war. Kein guter Christ wollte schließlich Blut an seinen Fingern haben und so beobachtete man, dass viele Handwerker sich entschuldigen ließen und blau machten. Die Lösung der Menschen damals war sehr simple. Man ließ einfach ein paar Nägel übrig und ließ die betroffene Person nach der Genesung diese ins Holz schlagen, damit sich niemand damit rühmen konnte, dass er nicht am Bau beteiligt war. Man mag sicherlich die Praxis als solche in Frage stellen, trotzdem fasziniert mich die Art zu denken sehr.
Doch wie es am Ende eben so ist, lässt sich technologischer Fortschritt nur verlangsamen und nie ganz aufhalten. Irgendwann überholt er eben doch seine Zeit und meist wird dann in sehr kurzer Zeit ein großer Schritt gemacht und oft eben wesentlich unkontrollierter als man es sich eigentlich Wünsche würde.
Gerade in Gesprächen mit der heutigen Zeit immer wieder an vermeidlich technologische Barrieren. Dinge, die vielleicht technisch bereits möglich sind und trotzdem von der Gesellschaft zurück gehalten werden aus Angst davor.
So hält sich vermutlich die Anzahl der Leute hier sehr stark in Grenzen, die gerne ihren Übertritt als Cyborg antreten wollen. Sicherlich ist die Idee faszinierend einen kleinen unflüchtigen Speicher an sein Hirn anzuschließen mit Dingen, die man nicht vergessen möchte. Ein paar KB reichen ja für den Anfang aus… Einkaufsliste, Jahrestage und wichtige Termine.
Doch gleichzeitig gruselt uns die Vorstellung davor, dass man damit ja auch angreifbar oder abhängig werden könnte. Und ganz sicherlich ist dieser Skepsis auch sehr angebracht. Trotzdem darf es nicht zu einem Denkverbot per se werden, weil es irgendwann eben sonst über uns herein rollt.
Denn den Menschen technologisch zu verbessern ist keine Frage, die uns erst in der Zukunft begegnen wird. Wir haben dies bereits immer getan. Denn am Ende ist auch eine Brille nichts anderes als eben eine mechanische Verbesserung eines sonst defekten menschlichen Auges. Ein künstliches Gestell wird aufgesetzt und mittels von Optik versucht einen Defizit zu beheben.
Steckt sich ein Mensch einen Chip in die Finger um Magnetfelder zu spüren ist dies gar nicht so unähnlich. Natürlich beheben wir damit nicht einen Defekt, sondern fügen einem Menschen neue Eigenschaften hinzu. Trotzdem sind viele Menschen von der Vorstellung schockiert, dass Cyborgs bereits seit Jahrhunderten unter uns Leben.
Und sehe ich einen Menschen im Rollstuhl und soll diesem nun erklären, dass es okay sei und er gut so ist wie er ist, während man gleichzeitig Milliarden von Menschen eine Brille aufsetzt, so ist die Diskussion ein wenig heuchlerisch. Auch hier kann man durchaus ja bereits eine Menge technologisch machen.
Impulse oder Bewegungen durch Technik zu interpretieren und dann umsetzen zu lassen. Auch Prothesen gibt es bereits sehr lange in der Geschichte der Menschheit und auch gab es immer wieder neue Erkenntnisse darüber, was gut funktionierte und wo man etwas verbessern sollte. Und ausgerechnet unsere Gesellschaft, die nun über richtig geile Technologie verfügt soll plötzlich aufhören damit solchen Menschen eine Lösung anzubieten (wir reden nicht vom Zwangs).
Denken wir an Oscar Pistorius mit seinen mechanisch künstlichen Beinen wird einem schon ein wenig anders. Darf man so jemanden eigentlich bei einem normalen Sportwettkampf zulassen oder verfügt er bereits über Verbesserungen, die ihm einen Vorteil geben? Wie sieht es aus wenn eine solche Person in 10 Jahren mittels eines Exoskeletes laufen will bei dem Impulse des Gehirns in Bewegung übersetzt werden und danach mechanisch ausgeführt werden. Vielleicht durch einen blitzschnellen Computer so optimiert wird, dass Störungen umgehend ausgeglichen und optimiert werden.
Spätestens dann würden wir ja einen Cyborg vor uns finden und irgendwo natürlich auch damit aufhören Mensch zu sein. Zumindest wird jeder von uns eine solche Aussage irgendwo nachvollziehen können und ein befremdliches Gefühl dabei haben, wenn man daran denkt, wohin einen das führen könnte. Vielleicht werden wir irgendwann ja an einen Punkt ankommen an denen sich Leute ihre Beine abschneiden lassen und durch ein verbessertes paar Beine austauschen lassen, weil sie sonst am Jobmarkt keine Chance hätten.
Kein Wunder also, dass der Zeitgeist sich solchen Überlegungen vollends verschließt und sich lieber in Scifi-Filmen davor gruseln lässt. Doch wollen wir damit wirklich Querschnittsgelähmten ins Gesicht sagen, dass man ihre Lebensqualität nicht verbessern möchte, weil sich daraus gesellschaftliche Risiken ergeben könnten?
Jeder gesellschaftliche Fortschritt geht immer stets einher in mehreren Schritten. Zunächst eben der Wissenschaft oder eben auch einfach Bastler, die einen Fortschritt überhaupt erst technologisch ermöglichen. Meist erst danach gibt es eine gesellschaftliche Diskussion darüber, was davon überhaupt erwünscht ist und wo die ethischen Grenzen sind. Allerdings nehme ich solche Diskussionen nicht wahr, da wir uns den Luxus leisten lieber über allerlei unnütze Dinge zu diskutieren.
Ich bin ganz offen und ehrlich dabei, dass auch ich nicht frei davon bin. So zähle ich mich zu den Gegner von Gentechnik und glaube, dass darin einige schwere Risiken für die Zukunft liegen. Eingekreuzte Eigenschaften können unerwartete Risiken haben. Megakonzerne könnten versuchen das natürlich Erbgut zu zerstören, so dass man Saat nur noch bei ihnen einkaufen kann.
Man darf allerdings eben auch nicht vergessen, dass bereits jetzt nahezu alle Kulturpflanzen am Ende eines sehr langen Züchtungsprozesses des Menschen steht. Nicht um die Welt zu versklaven und Abhängigkeiten zu schaffen, sondern am Ende, weil es einfach effizienter und ergiebiger ist. Weil man beobachtet hat, dass bestimmte Kreuzungen resistenter gegen Schädlinge oder Wettereinflüsse sind.
Wieso sollten wir eigentlich genau jetzt damit stoppen, wo wir nicht nur wahllos irgendwelche Dinge aneinander klatschen, sondern dabei sind das Genome von unserer Umwelt zu verstehen. Ja eigentlich nicht nur zu verstehen, sondern sogar so genau in dessen Erbgut eingreifen können, dass wir Dinge korrigieren könnten, die uns stören.
Am Ende könnte nicht viel weniger stehen als der endgültige Sieg über den Hungern mit dem wir an die jeweiligen Biome geeignete Pflanzen schaffen können, die sich für die Aufzucht eigenen. Und überhaupt können wir mit solchen Technologien auch viele der größten Geißeln der Menschheit bekämpfen wie z.B. Krebs. Und auch dort schreien sofort einige Leute auf, dass man ja auch an die Überbevölkerung denken muss ohne zu merken wie zynisch dies eigentlich ist, wenn man sich selbst ein Lebensrecht einräumt.
Entscheiden wir als Gesellschaft uns nicht mit den ethischen Fragen künftiger Technologien zu befassen, werden wir eines Tages sterben und der technologische Fortschritt wird dann in der Welt verbreitet. Nur die erste Generation lief aus den Kinos, weil ein Zug auf die Leinwand rollte. Heute können ausgewachsene Sternenzerstörer und Kugelhagel um einen niedergehen und niemand duckt sich mehr.
Die Zeit geht von ganz alleine weiter und jede Generation wird neuen Dingen offener gegenüber stehen als vorangegangene. Wer sich also energisch gegen jede Form von technologischen Fortschritt stellt wird damit nur erreichen, dass man diesen ungebremst auf die Gesellschaft loslässt. Eben nur zu einem späteren Zeitpunkt.
Dabei wäre es viel wichtiger, dass wir als gesellschaftlich endlich Grenzen ziehen, was wir eigentlich als akzeptabel erachten. Vielleicht dürfte man mechanisch verbesserte Prothesen, Gehirnleser und solche Dinge nur an Leute geben, die sonst an einen Rollstuhl gefesselt werden. Vielleicht sollte man über Insulin-Pumpen und Herzschrittmacher ganz klar sagen, welche Macht ein Unternehmen darüber haben sollte und wie Verstöße gegen solche geahndet werden sollten.
Z.B. eben das solche Technologien offen dokumentiert werden dürfen und auch von Konkurrenten weiterbearbeitet werden dürfen, da niemand Schweißperlen auf der Stirn haben sollte, wenn der ursprüngliche Hersteller insolvent gegangen ist und somit keine Ersatzteile mehr geben könnten.
Wie bereits gesagt, ich ertappe mich selbst immer wieder dabei, wie ich mich modernen Technologien entgegenstelle und vor dessen Gefahren warne. Schlichtweg weil wir eine Gesellschaft sind bei der plumpe Naivität vorherrscht und so manch konservativer Geist progressiver ist als man es zunächst erahnt hätte. Nicht weil er die Technologie will, sondern weil er zu blöde ist die Risiken zu verstehen.
Trotzdem braucht es aber eben auch die Kraft die nicht nur auf die Risken einer Technologie blickt, sondern auch davon träumt, was man alles mit dieser erreichen kann. Eine solche Diskussion ist nicht nur spannend und zugleich unglaublich inspirierend, sondern kann unterhaltsamer sein als so mancher Scifi-Film der letzten Jahre. Eine Gesellschaft die es verlernt von einer besseren Zukunft für das Morgen zu träumen, ist per se bereits gescheitert.