Ich habe nie eine heikle Geschichte veröffentlicht, ohne zuvor sämtliche Quellen zu informieren, damit sie sich vor rachsüchtigen oder autokratischen Führern schützen konnten. In dem Maße, wie man seine Quellen pflegt und seine Berichterstattung verfeinert, baut man auch das Vertrauen der Öffentlichkeit auf. Mit der Zeit lernt man die Werte seiner Quellen kennen – und umgekehrt. Vielleicht kämpft man sogar gemeinsam für Integrität und Gerechtigkeit.
Äußere Umstände und Fristen forderten mich auch körperlich.
Die Berichterstattung aus Kriegs- und Katastrophengebieten verlangte akribische Planung und hohe Belastbarkeit. Es bedeutete, sich wochenlang von Instantnudeln und Konserven zu ernähren (wenn ich ein Ersatzfahrzeug mit Lebensmitteln beladen konnte) und kurze Nickerchen zu halten, mit höchstens zwei oder drei Stunden Schlaf zwischen den einzelnen Nachrichtensendungen. Es bedeutete, extreme Hitze, Kälte, Hunger und Durst zu ertragen und sich der eigenen Angst zu stellen, selbst dann, wenn ich mich in einem abgedunkelten Haus still unter einem Bett versteckte, während eine bewaffnete Miliz Jagd auf mein Team machte.
Im Jahr 1991 fuhr ich stundenlang, um nach Ormoc in der philippinischen Provinz Leyte zu gelangen, nachdem eine Sturzflut mitten in der Nacht Teile der Stadt ins Meer gespült hatte. Es sollte eine Geschichte über die Abholzung der Wälder, den Klimawandel, die Fähigkeit der lokalen Behörden, mit Katastrophen umzugehen, und die Folgen der Zerstörung unserer Umwelt werden. Zwischen vier- und zehntausend Menschen starben. (Die unterschiedlichen Schätzungen der Opferzahlen ergaben sich aus dem Eigeninteresse derjenigen, die diese Zahlen niedrig halten wollten.) Als wir die Stadt erreichten, war der Gestank des Todes überwältigend. Wir überquerten die Brücke in die Stadt und hielten an, um Videoaufnahmen von der zerstörten Skyline zu machen. Ich war noch im Halbschlaf, als ich aus dem Auto stieg und auf etwas Matschiges trat. Ich schaute nach unten und musste fast würgen, als ich erkannte, dass es eine menschliche Hand war.
Wenn man Zeuge von sinnlosem Sterben, Gewalt und Grausamkeit wird, ist man gezwungen, sich mit der Existenz Gottes auseinanderzusetzen. Ich sah zu, wie mehr als sechshundert Leichen in einem Massengrab in Ormoc verscharrt wurden, hörte das Wehklagen ihrer Familien, war umgeben vom Gestank verwesenden Fleisches.
In diesem Moment beschloss ich, an Gott zu glauben. Ein Teil von mir war wütend darüber, dass eine Flutwelle so viele Menschen im Schlaf töten konnte – würde ein Gott so etwas zulassen? Ein anderer Teil von mir dachte an den Gott der Arche Noah, der den Menschen eine tödliche Lektion erteilte. Es konnte nicht sein, dass wir nur Gewebe waren, das einfach entsorgt wurde. Entgegen meiner Überzeugung betete ich für die Seelen der Verstorbenen. Es musste noch etwas anderes geben. Augenblicke wie dieser lehrten mich, dass der Glaube – unabhängig davon, ob Gott nun Buddha, Allah, Jahwe, Jehova oder El Shaddai heißt – mehr ist als nur Religion.
Die Arbeit als Journalistin lehrte mich, an mich selbst und an unsere gemeinsame Menschlichkeit zu glauben.
Im Jahr 2000 war ich ein bekanntes CNN-Gesicht in Südostasien. Im Juli desselben Jahres kehrte ich auf die Philippinen zurück, um im Rotary Club von Manila eine Rede über Bildung, Journalismus und Demokratie zu halten. Diese Rede war eine der ersten, in denen ich meine Vision für unsere journalistische Zukunft zum Ausdruck brachte.
Ich erzählte keine Kriegsgeschichten, sondern sprach stattdessen über etwas eher Konzeptionelles: den Mythos vom »objektiven Journalisten«. Ich grenzte diese Vorstellung von den Grundsätzen des Journalismus ab, der durch ein System von Kontrolle und Ausgewogenheit das Ziel der Objektivität in den Prozess der Berichterstattung integriert. So etwas wie objektive Journalisten gibt es jedoch nicht; wer etwas anderes behauptet, lügt.
Es war wichtig zu definieren, was die Leute mit »Objektivität« meinen, denn dieses Wort wird häufig verwendet, um Journalisten als unehrlich oder parteiisch anzugreifen. Deshalb reagiere ich auch so heftig auf dieses Wort. Ich ersetze »objektiv« immer durch »gut«, wenn ich Journalisten beurteilen will.
Gute Journalisten bemühen sich nicht um Ausgewogenheit, wenn etwa ein Staatschef ein Kriegsverbrechen begeht oder seine Bürger offen belügt, denn das würde eine falsche Gleichwertigkeit schaffen. Wenn Journalisten sich mit Machthabern auseinandersetzen, ist es natürlich einfacher und sicherer, »ausgewogen« zu berichten, doch das ist ein feiger Ausweg. Gute Journalisten würden zum Beispiel bekannten Klimaleugnern und Klimawandel-Wissenschaftlern nicht gleich viel Zeit und Aufmerksamkeit widmen.
Gute Journalisten stützen sich auf Beweise, auf unumstößliche Fakten.
Guter Journalismus ist ein eigener Berufszweig und erfordert ein fundiertes Urteilsvermögen der gesamten Redaktion, die nach strengen Standards und ethischen Grundsätzen arbeitet. Guter Journalismus bedeutet, den Mut zu haben, über Beweise zu berichten, auch wenn man dadurch Schwierigkeiten mit den Machthabern bekommt. Die Worte Unparteilichkeit und Ausgewogenheit sind gefährlich, wenn sie außerhalb dieses Kontextes verwendet werden, da sie oft von denjenigen missbraucht werden, die eigene Interessen verfolgen.
Heute blicke ich wehmütig auf diese Zeit zurück.