Momentan ist an der Börse wieder eine ganze merkwürdige Stimmung in der Luft. Ich bin mir am Ende immer nicht ganz sicher, ob man am Ende einfach nur einer wahnhaften Vorstellung unterliegt oder ob man im Laufe der Zeit doch irgendwie ein Gespür entwickelt.
Als Corona und die Shutdowns gekommen sind, brach natürlich alles in sich zusammen und die Kurse stürzten ein. Das es noch weiter runter geht, hätte vermutlich jeder prognostizieren können. Das war keine große Kunst! Irgendwann kam dann der Punkt an dem ich ja durchaus Gelder aus der Kriegskasse genutzt habe um ein paar Aktien nachzukaufen.
Schlichtweg weil die Stimmung schlecht war und einiges eben ausreichend günstig gewesen ist. Am Ende will ich ja eben gerade kein Timing betreiben. Ohne es zu beabsichtigen habe ich dort tatsächlich mal fast den Nullpunkt erwischt und die Stimmung drehte sich. Die Leute fingen plötzlich alle wieder an zu Kaufen und die Kurse gingen nach oben.
Klassisches FOMO packte die Leute und die Kurse kletterten dadurch noch weiter nach oben. Es wurde zu einer selbsterfüllendenden Prophezeiung. Ich grinste innerlich, da dies eben ganz typisch für einen Bärenmarkt ist. Solange Leute an der Seitenlinie stehen und sagen, dass sie Geld haben und rein wollen, solange ist die Stimmung noch viel zu gut.
Erst dann, wenn die Aktionäre vor Schmerz schreien und die Leute an der Seitenlinie wild fluchen, dass sie nie wieder etwas mit Aktien zu tun haben wollen, dann ist üblicherweise ein Crash zu Ende und die Stimmung dreht sich. Allerdings war der Crash eben sehr heftig und gleichzeitig eben auch ein neues Szenario, wo wirklich niemand sagen konnte, wie schlimm es wirklich wird und wie es weitergeht.
Trotz all meiner Skepsis kletterten die Kurse stabil weiter nach oben und die Gläubigen der V-Kurve behielten scheinbar recht. Mit jedem Prozent den es nach oben ging, dachte ich mir, dass das eine sehr ausgeprägte Bullenfalle sein könnte. Und es ging doch noch weiter nach oben und noch weiter…
Einige Titel sind nun fast wieder auf dem Vorcrash-Niveau unterwegs oder wurden eben wirklich als Corona-Opfer identifiziert und entsprechend heftig abgestraft. Doch nun merkt man doch, dass die Partystimmung vorbei ist und es nicht mehr kraftvoll nach oben geht. Wir kommen langsam in der Berichtssaison an und viele dieser Berichte sehen eben nicht gut aus.
Dies ist überhaupt keine Überraschung, weil vermutlich jeder sich dies bereits hat selbst ausgerechnet hat. Doch immer wieder gibt es doch Firmen, die stärker betroffen sind als man es sich erhofft hatte und entsprechend stark abgestraft werden. Man bedenke… es spielt keine Rolle, dass schlechte Zahlen vorgelegt werden, sondern es interessiert nur ob diese besser oder schlecht als die bisherigen Annahmen sind. Alles andere ist bereits eingepreist.
Nun trat Powell heute vor die Kamera und schwor die USA auf eine schlechte Zeit ein in der das Wachstum nicht so gut sein würde und man sehr langsam Wachsen würde. Vollkommen desolate Nachrichten für die Aktionäre also und man merkte auch sofort, dass die Stimmung nicht mehr besonders gut war. Einige Titel gingen abermals sehr stark nach unten und ich fürchte, dass diese Aussage auch noch ein wenig länger nachwirken wird.
Wer auch immer gedacht hat, dass diese Krise bereits durch ist und gar nicht so schlimm werden wird, unterschätzt glaube ich die Kräfte, die dort am Markt wirken noch gewaltig. Das „Grand Finale“ ist noch nicht da gewesen und es tat noch nicht richtig weh. Zwar ist auch in mir immer ein Teil, der hofft, dass es vielleicht alles nicht so schlimm wird und die Massenarbeitslosigkeit und anderen Bilder der 1929 nicht kommen werden.
Das wir durch Technologie, Vernunft und guter Planung eine solche Krise wesentlich besser überstehen werden als vorherige Generationen. Doch der Historiker in mir sagt ganz klar, dass dies die klassische Arroganz jeder Generation ist zu denken, dass man etwas besseres sei. Blicke ich dann aber auf die Fallhöhe, die wir aufgebaut haben, wird mir schon ein wenig mulmig im Bauch.
Blickt man aber auf die Zivilgesellschaft scheint man eher anzufangen zu jubeln, dass das ganze nun ja dem Ende zugeht und bald wieder ein normales Leben möglich sein wird. Ich fürchte nicht. Der Pessimist in mir sagt, dass es auch nicht nur die Berichtssaison sein wird, die nicht so prall sein wird. Sondern eben auch in einigen Teilen der Welt eine zweite Welle kommt.
Was viele Leute aber nicht begreifen ist, dass diese sehr fatal ist. Eine Wirtschaft ist nicht etwas, dass man auf Knopfdruck hochfährt und sie da ist. Die Unternehmen holen ihre Arbeitskräfte zurück, kaufen Material ein und fangen an alles langsam hochzufahren. Bricht dann plötzlich wieder alles ein, ist im schlimmsten Fall Kapital verloren und es steht wieder alles. Genau dies würde dann vielen Unternehmen das Genick endgültig brechen und vermutlich wird es dann auch die Arbeitnehmer wesentlich härter treffen als die erste Welle.
Ich bleibe dabei… meine Stimmung ist nicht gut und ich bin voller Sorge. Was tue ich nun aber als Investor? Ich rechne damit, dass diese Einschätzung ein Fehler ist und investiere momentan weiter. Zumeist eben fast nur über Sparpläne, um bereits das Timing ein wenig rauszunehmen. Trotzdem fange ich auch zunehmend an auch dies abzusenken und mehr in der Kriegskasse zusammen zu tragen.
Mein Bauch sagt mir, dass Liquidität auch weiterhin King bleiben wird und dies fast wichtiger sein wird als weiter einzukaufen. Also wird dies ganz langsam und in Zeitlupe angepasst. Tun dies nun aber auch andere, wird das kein schöner Sommer werden für die meisten Investoren...
Bitte nehmt mein Bauchgefühl nicht als Grundlage für Eure Entscheidungen. Vielleicht wird ja doch alles gut und ich bin momentan nur ein wenig schlecht drauf. Was mich aber interessieren würde an die Aktionäre unter Euch: Wie ist Eure Stimmung momentan?