Hallo zusammen,
Die Reichen werden immer Reicher und bedrohen unsere Demokratie. Der Klimawandel droht unsere Lebensgrundlagen zu zerstören. Die natürlichen (aber auch psychischen) Ressourcen sind irgendwann erschöpt.
...
Also lasst uns alle den Kopf in den Sand stecken, Katzenvideos gucken und uns besaufen.
Wir können ja eh nichts tun. Schuld sind ja die da oben bzw. die anderen.
Richtig?
"Nicht ganz" sagt Anders Levermann in seinem Buch "Die Faltung der Welt". Wir können sehr wohl was tun. Vielleicht sind die Möglichkeiten als Individuum begrenzt, aber wir Menschen als solche haben durchaus realistische Optionen die Krisen zu bewältigen.
Buchtipp: Die Faltung der Welt von Anders Levermann
Der Titel ist erst mal etwas verwirrend. Wer sich nicht mit Chaostheorie und deren Mathematik dahinter beschäftigt hat (das dürften die meisten von uns sein), denkt beim Wort "Faltung" eher an Servietten oder Hemden.
Der promovierte Physiker versucht dieses Wort in seiner Einleitung anhand eines Beispiels mit einem Ping-Pong Ball zu beschreiben.
Ich denke verstanden zu haben, was er meint, halte das Wort aber trotzdem irgendwie für umständlich. Warum wird nicht "harte Grenze" oder "Richtungswechsel" oder ähnliches verwendet? Vielleicht weil es nicht dasselbe ist, wie er meint. Ich versuche es mal wieder zu geben:
Was ist eine Faltung?
Eine Faltung ist, wenn etwas an eine Grenze kommt und dann in eine (oder mehrere) neue Dimension(en) abbiegt.
Beispiele:
- Ein Mensch gerät in Gefangenschaft. Aber seine Gedanken sind frei und er kommt dazu, etwas zu erfinden, wo er ohne die äußeren Grenzen nicht zu gekommen wäre.
- Eine Firma erkennt, dass sie sich mit der Produktion von Videokassetten nicht mehr am Markt halten kann und setzt jetzt auf Streaming.
- Eine Fabrik hat bisher Kühlschränke mit FCKW hergestellt, darf es aber nicht mehr. Sie verwendet jetzt andere Chemikalien.
- Der Anbau von Rohrzucker wurde mit Sklavenarbeit vollzogen. Diese wurde aber verboten, also entwickelte die Wirtschaft neue Anbaumethoden (z.B. Traktoren).
- ...
Warum und wann brauchen wir eine Faltung?
Immer dann, wenn etwas nicht mehr so weiter gehen darf oder kann wie bisher, ist ein Umdenken notwendig. Insbesondere bei Systemen, die exponentielles Wachstum haben. Denn dort "explodiert" etwas, dass andere Systeme zerstört. Ob das die Kaninchenpopulation in Australien ist, eine Virusepidemie, eine Atombombe oder ein Börsencrash, mathematisch gesehen liegt immer eine Exponentialfunktion vor. Nur der Zeitfaktor unterscheidet sich. Am Anfang merkt man nichts - und dann macht es Boooom.
Wie faltet man denn?
Zuerst einmal, durch Aufklärung.
Das ist sicherlich schwierig in einer Welt, wo einfache Behauptungen besser verstanden werden, als eine E-Funktion und wo gefühlte oder gewünschte Wahrheiten mehr zählen, als schwer nachvollziehbare Fakten.
Aber am Ende setzen sich Verständnis und Wahrheiten durch, denn die Lügner scheitern irgendwann an den Realitäten.
Sobald in der Bevölkerung Verständnis angekommen ist, werden Grenzen akzeptiert. Grenzen, die irgendwann sowieso kommen ("was weg ist, ist weg"). Aber wir Menschen sind es, die die Grenzlatte deutlich vor die Katastrophe verlegen können.
Eine Grenze bedeutet aber nicht zwingend Stillstand. Sie kann auch einfach eine Richtungsänderung sein. D.h. man bekommt weiterhin, das was man will (z.B. Zucker) aber mit anderen Mittel (ohne Sklaven).
Wichtig ist, dass sich die Gesellschaft einig wird, dass es eine jeweilige Grenze gibt und wo diese liegt.
In der Vergangenheit, haben wir als Zivilisation schon mehrere dieser Grenzen, die vorher als Utopie galten, gesetzt (z.B. Eigentumsrecht).
Die (Wirtschafts-) Systeme haben sich dann einfach angepasst. Das nennt man auch Evolution.
Was soll denn gefaltet werden?
Das Buch liefert ein paar Beispiele. Das erste wird im Buch am ausführlichsten erklärt (vielleicht, weil es das wichtigste ist), deswegen tue ich das hier auch:
Unser weltweites Energie-System
Auch wenn es für manche immer noch nach einer großangelegten Verschwörung klingt, so ist es doch harte Physik. Es sind Naturgesetze und Grenzen, die Menschen und Tiere töten. Nämlich wenn es zu heiß wird, sterben wir!
Ich fasse es noch mal kurz zusammen:
- Die Atmosphäre besteht zu 78% aus Stickstoff (N2) und 21% aus Sauerstoff (O2). Diese Moleküle können nur in einer Ebene Schwingen. Wasser (H2O) und Kohlendioxid (CO2) dagegen bestehen aus 3 Atomen und können zusätzlich zur Seite schwingen. Dadurch können sie Licht im Mikrowellenbereich aufnehmen und in Wärme umwandeln (Damit machen wir unser Essen warm). Warmes Essen und Atmosphären strahlen beim Abkühlen in alle Richtungen ab, also auch nach unten. Das nennt man dann entsprechend Mittagessen oder den Treibhauseffekt.
- Das bedeutet, jedes Molekül CO2, dass zusätzlich zum vorhandenen Luft-Kreislauf dazu kommt, erhöht die mittlere Erdtempereatur. Gemeint ist fossiles CO2, dass vorher in der Erde gebunden war und nun für Jahrtausende zusätzlich in der Atmosphäre ist.
- Anders Levermann sagt, dass die Durchschnitts-Temperatur um ca. 3°C je 100 ppm CO2 steigt (der reine CO2 Anteil liegt bei etwas über 1°C, aber es steigt durch die Erwärumg ja auch der H2O Anteil ,...).
- Wenn wir alle fossilen Ressourcen verbrennen würden, würde die Temperatur um ca. 15°C steigen (S. 199).
Nach Messungen aus Eisbohrkernen betrug die CO2-Konzentration in den letzten 800.000 Jahren nie mehr als 300 ppmV.[2][3]. Wir stehen heute bei 410 ppmV [1]. Dass die Temperatur seit unserem Dazutun um ca. 1,3 °C schon gestiegen ist und was für Auswirkungen das jetzt schon hat, sollte mittlerweile bei uns angekommen sein.
Es gibt also schon eine Grenze: Nämlich wenn alle Kohle, Öl und Erdgas verbrannt sind ("was weg ist ist weg"). Ich wage aber zu bezweifeln, dass in so einer Welt, noch jemand die letzte Tonne Kohle aus dem Boden holen kann.
Wichtig wird nun, dass wir diese Grenzen erkennen. Und wir sollten diese als vorrausschaunde Spezie vorverlegen, weil uns das viel Leid erspart.
Die gute Nachricht
Es muss uns noch nicht mal wirklich weh tun. Wir machen einfach was anderes als fossiles Öl, Kohle oder Gas zu verbrennen. Die Wirtschaft kann weiter wachsen (im Bereich der erneuerbaren Energien). Wir müssen nicht verzichten - sondern anders handeln.
Der Umbau wird sicherlich Kraft und Manpower kosten. Aber danach sind wir frei.
Und wie kommen wir dort hin?
Indem sich die Gesellschaft auf einen Ausstieg einigt. Das hat sie schon zu großen Teilen getan. Europa will 2045, USA 2050 und China 2060 Klimaneutral (also mit null fossilen Tonnen CO2 Emissionen) sein. Auch die Staaten des letzten Klimagipfels haben sich dazu committed.
schwarz: CO2 Gehalt in der Atmosphäre in den nächsten Jahrzenten. Die rote Linie ist die Obergrenze.
Das sorgt jetzt schon dafür, dass gewaltige Geldsummen aus der fossilen Industrie abwandern in Richtung Erneuerbare.
Wie der Einzelne damit umgeht, sei ihm selber überlassen. Nur wird es in wenigen Jahren so teuer sein, dass keiner mehr eine Benzintankfüllung oder eine Gasheizung bezahlen kann. Daher sollte man jetzt schon überlegen, in welche Geräte man investiert. Zu den oben genannten Zeitpunkten wird der CO2-Preis dann unendlich hoch sein.
rot: CO2 Steuer in den nächsten Jahrzenten. Die graue Linie ist das Enddatum.
Ich persönlich schätze mal, dass die Grenze ein paar mal leicht nach hinten verschoben wird, aber sie wird noch in diesem Jahrhundert kommen.
Weitere Beispiele aus dem Buch, wo eine Faltung notwendig ist
Das Prinzip der Faltung ist überall das Gleiche:
- Etwas vermehrt sich exponentiell und/oder überragt/verdrängt damit alles andere.
- Ohne Eingriff ist das Ergebnis ist nicht von der Gesellschaft gewünscht oder sogar katastrophal.
- Die Gesellschaft zieht eine klare, endgültige Grenze.
- Die Gesellschaft findet automatisch Alternativen. Ein kleinkarierter, kommunistischer Eingriff (Planwirtschaft) ist nicht nötig, Konkurenz und Marktanreitz bleiben bestehen.
- Irgendwann hat man sich an die neuen Spielregeln gewöhnt und die Katastrophe bleibt (bei rechtzeitigem Handeln) aus.
Im Folgenden liste ich die weiteren Themen aus dem Buch auf, ohne aber jedesmal im Detail darauf einzugehen:
- Das Vermögen einiger weniger Menschen explodiert. Diese Menschen stehen außerhalb der Gesellschaft und bedrohen die Demokratien. Daher sollten wir über Erbschaftsobergrenzen diskutieren.
- Die Gehälter einiger Personen sind deutlich über denen anderer Personen. Gehaltsunterschiede sind wichtig, aber dürfen diese Grenzenlos sein?
- Ultra-Fast Trading: Börsenhandel ist in Ordnung. Aber muss er so schnell sein, dass er unter bestimmten Umständen im Bruchteil einer Sekunde Großteile der Weltwirtschaft vernichten kann?
Fazit
Anders Levermann wird nicht müde zu betonen, dass er auch ein Kapitalist ist. Wir brauchen die Marktwirtschaft und Anreize um uns zu bewegen, ja auch zu wachsen. Sein Appell ist, dass Wachstum auch (oder gerade) mit Grenzen funktioniert. Er ist gegen Planwirtschaft, die im Klein-Klein alles regelt. So etwas funktioniert nicht.
Seine Logik ist bestechend, schon fast trivial. Dennoch braucht es großen Mut um Veränderungen zuzulassen. Die Hauptakteure sind zwar die Politiker, aber wir können von unten Druck erzeugen. Und natürlich uns jetzt schon auf das Unvermeidbare vorbereiten.
Das Buch ist teilweise (im ersten Drittel) etwas sperrig zu lesen. Ich finde das Pingpongball-Beispiel am Anfang nicht ganz treffend (auch weil das Universum wahrscheinlich keinen Rand hat), aber sobald es konkreter wird, läßt sich das Buch prima lesen.
Das Buch lädt zur Hoffnung ein und dazu sich aktiv am Wandel zu beteiligen.
Fünf von fünf Sternen!!!
Quellen:
[1] https://scilogs.spektrum.de/klimalounge/der-globale-co2-anstieg-die-fakten-und-die-bauernfaengertricks/
https://de.wikipedia.org/wiki/Globale_Erw%C3%A4rmung
[2]
Urs Siegenthaler, Thomas F. Stocker, Eric Monnin, Dieter Lüthi, Jakob Schwander, Bernhard Stauffer, Dominique Raynaud, Jean-Marc Barnola, Hubertus Fischer, Valérie Masson-Delmotte & Jean Jouzel: Stable Carbon Cycle–Climate Relationship During the Late Pleistocene. In: Science. Band 310, No. 5752, S. 1313–1317, 25. November 2005, doi:10.1126/science.1120130
[3]
Dieter Lüthi, Martine Le Floch, Bernhard Bereiter, Thomas Blunier, Jean-Marc Barnola, Urs Siegenthaler, Dominique Raynaud, Jean Jouzel, Hubertus Fischer, Kenji Kawamura & Thomas F. Stocker: High-resolution carbon dioxide concentration record 650,000–800,000 years before present. In: Nature. Band 453, S. 379–382, 2008, doi:10.1038/nature06949
[4]
Stefan Boltzmann Gesetz https://de.wikipedia.org/wiki/Stefan-Boltzmann-Gesetz
Ich selber habe eine Ausbildung zum Physiklaboranten gemacht und anschließend Physikalische Technik mit Diplomabschluss studiert. Ich kenne mich daher in der Physik und der Welt der Wissenschaft aus.
Glaubt mir, dort wird sehr stark miteinander gerungen, bevor etwas in diesen Büchern landet.
Ich möchte auch noch einmal betonen, dass wir ohne die Wissenschaft und damit Ingenieurskunst nicht da wären, wo wir heute stehen. Es ist dieselbe Physik und dieselben Datengrundlagen die den menschengemachten Klimawandel bezeugen, denen wir vertrauen, wenn wir in ein Flugzeug steigen und der Mannschaft von Ingenieuren und Meterologen unser Leben anvertrauen.
Gruß, Achim