Man hört und liest in den Tagen vor Weihnachten viel über Spendenaktionen. Da kommt einiges an Geld zusammen. Doch was passiert damit? Ich wollte es genauer wissen.
Ich gehöre zur Freien evangelischen Gemeinde (FeG) in Eschweiler und auch wir sammeln nicht nur zu Weihnachten Spenden für uns selbst (Pastor, Gemeindehaus,…), sondern auch für Bedürftige.
Die Aktion
Am Sonntag, 14.12.2025, sind Rudolf G., Daniel D. und ich (Achim Mertens) aus der FeG zu einer besonderen Aktion aufgebrochen. Wir wollten wissen, wen Sonja Ebel mit Nahrungsmittelgutscheinen versorgt, die wir aus unserem “Randgruppen-Spendentopf” finanzieren.
Grachtstraße
Dazu fuhren wir zuerst in die Grachtstraße 25, ein ehemaliges Bordell und späteres Flüchtlingsheim. Es stellte sich aber heraus, dass dort (zum Glück) keiner mehr wohnt (zumindest in dem Gebäudekomplex, in dem wir waren).
Ich erinnere mich noch an die Geschichte von Marc, einem jungen Mann aus Sri Lanka, der wegen seines Glaubens verfolgt wurde und gegen 2005 aus Todesangst nach Deutschland geflüchtet war. Er wohnte in diesem Haus. Ich spielte damals mit ihm Fußball. Ich hatte ihn einmal besucht und war da schon schockiert, dass er in einer verschimmelten Wohnung untergebracht war. Sonja erzählte uns heute, dass er eine Frau kennengelernt hatte, die dort mit ihm gewohnt hatte. Das Klo in der Wohnung hatte nicht funktioniert, also hatte Marc im Garten ein Loch gebuddelt und es notdürftig mit Vorhängen versehen, sodass er und seine Freundin dort ihr Geschäft machen konnten.
Da war das Loch
Mittlerweile konnte sich Mark in unserer Gesellschaft integrieren und die Wohnung verlassen.
Wie ich nach unserer Aktion erfahren habe, wohnen die Menschen dieses Gebäudes jetzt auf der anderen Seite der Grachtstraße in den dortigen Containern. Ich kenne diesen Ort, weil wir 2024+2025 ein gemeinsames Projekt von der FeG, der Realschule Patternhof und der Stadt Eschweiler hatten, wo wir mit Kindern gespielt haben.
Severinstraße
Wir fuhren weiter nach Weisweiler in das Heim neben dem Friedhof.
Die Menschen leben dort wortwörtlich am Rande der Gesellschaft. Wir haben mehr oder minder nur dunkelhäutige Männer aus Nordafrika gesehen. Sonja sprach sie an und fragte, ob sie einen Lebensmittelgutschein geschenkt bekommen wollen. Die meisten konnten zumindest so viel Deutsch, dass sie das verstanden haben, und alle bis auf einen nahmen das Geschenk auch an. Sie fragte weiter, ob es ok sei, dass wir sie filmen dürfen. Viele wollten das nicht, aber einige stimmten zu.
Sonja ging unerschrocken von Türe zu Türe.
Einige andere Türen öffneten sich und Männer standen im Flur und schauten uns misstrauisch und argwöhnisch an und sprachen miteinander in Sprachen die wir nicht kennen. Wir haben als offensichtliche Christen muslimisches Gebiet betreten. Sonja gab später zu, dass einige dieser Menschen uns verachten. Ich konnte es im Gesicht eines Mannes sehen, der aber dann trotzdem einen Gutschein angenommen hat.
Ein weiterer Mann stand sichtbar unter Drogeneinfluss. Auch ihm schenkte Sonja einen Lebensmittelgutschein von 10 €.
Dann sprachen wir einen an, der recht gut Deutsch kann und sich zu einem Video bereit erklärte. Er erzählte, dass er einen Job habe, und er wirkte auf mich, dass er es geschafft hat, in unserer Stadt auf eigenen Füßen zu stehen. Auch er freute sich sehr über unser Geschenk.
Der Nächste hatte zwar noch etwas Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache (er ist erst seit kurzem hier), war aber auch aufgeschlossen. Als er verstand, dass er hier ein Geschenk von uns bekam, leuchteten seine Augen und er bedankte sich vielmals. Wir durften ihn ebenfalls mit der Kamera filmen.
Nach ca. 45 Minuten verließen wir diesen Ort. Mir war es ganz recht, denn ich fühlte mich dort nicht wohl. Aber wir haben einige Menschen sichtbar glücklich gemacht.
Hölderlinstraße
Wir fuhren weiter zur den Containern der Hölderlinstraße.
Was für ein Unterschied. Alles ist niegelnagelneu und sogar ein kleiner Spielplatz ist vorhanden. Die Wohnungsanlage wirkt sehr gepflegt. Sonja klingelte auch hier an den Türen. (In Weisweiler konnte sie nur klopfen.)
Uns begegnete zum ersten Mal eine Frau. Sie kommt aus der Ukraine und hat zwei Kinder. Auch sie brauchte etwas Zeit, um zu verstehen, dass wir ihr nichts verkaufen, sondern etwas schenken wollten. Das Wort “Voucher” brachte dann das Aha-Erlebnis. Sonja übergab 3 Karten im Gesamtwert von 60 €. Die Freude über die Geschenke war groß und wirkte auf mich echt. Wir durften die Frau interviewen.
Auch ihre Nachbarin kam aus dem gleichen Land, hatte ein Kind und freute sich ebenfalls.
Der nächste Nachbar kam aus Nordafrika.
Ein Ukrainer mittleren Alters, der die Türe öffnete, hatte sichtliche Besorgnis. Er schaute auf meine Hände, die ich in meinen Jackentaschen hatte. Als ich diese herausnahm, schaute er noch mal hin, um sicher zu sein, dass ich unbewaffnet bin. Er nahm zwar auch, nach etwas Überredungskunst, das Geschenk an, aber seine Skepsis überwiegte. Wer weiß, was diese Menschen alles erlebt haben und welche Ängste hochkommen, wenn es an der Türe klopft.
Fazit
Sonja verteilt die Karten nach eigenem Ermessen. Übrigens nicht nur an Flüchtlinge, sondern der Großteil geht an andere Menschen in Armut wie Rentner oder Obdachlose. Einigen Menschen gibt sie die kleineren, anderen die etwas größeren Gutscheine. Wenn Kinder im Spiel sind, wird sie besonders großzügig. Ihre Aktion ruft einen großen Blumenstrauß an Reaktionen hervor. Die Menschen sind in der Regel erst mal sehr skeptisch. Einige haben große Vorbehalte gegenüber uns, vor allem gegen Christen. Sonjas charmante Art und die Tatsache, dass sie als Frau (oftmals alleine) vor der Tür steht, entspannen die Situation allerdings. Die Sprachhürden sind meistens schnell überwunden. Beim Aha-Effekt erstrahlt dann deutlich sichtbar die Freude bei den meisten Menschen.
Sonja übergibt den Leuten auch eine Karte mit ihrer privaten Telefonnummer und bietet Hilfe in Notsituationen an. Sie erzählte uns, dass sie einmal nachts gerufen wurde, um bei einem Streit zu schlichten. Auf die Frage, warum die Menschen nicht die Polizei gerufen haben, kam als Antwort, dass sie Sonja mehr vertrauen.
Sonja verteilt nicht nur Lebensmittelgutscheine (bis das Budget erschöpft ist), sondern ihr Handeln wirkt auf vielen Ebenen:
- Wir zeigen Menschlichkeit und Barmherzigkeit. Es ist ein Zeichen, dass diese Menschen nicht vergessen sind.
- Es ist aber auch ein Zeichen des Entgegenkommens. Ein Friedensangebot.
- Es ist ein Aushängeschild des “christlichen Abendlandes”
- Es schafft Vertrauen
Wir wissen, dass das, was wir mit unseren Spendengeldern machen, die Armut nicht wirklich bekämpft und nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. Wir können die großen Systeme nicht verändern. Aber wir können christliche Nächstenliebe ausleben und bezeugen. Ein kleines Licht erhellt den Raum unendlich viel mehr als gar kein Licht.
Wer uns untertützen will, kann dies hier tun, Stichwort "Randgruppenarbeit"
Achim Mertens